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Haiti wurde in eine "Republik der NGOs" verwandelt, meint Prof. Alex Dupuy

Interviews zum ersten Jahrestag des Erdbebens auf Haiti

von Amy Goodman

12.01.2011 — Democracy Now!

Ein Jahr nach dem Erdbeben der Stärke 7, das Haiti verwüstete, hat der Wiederaufbau kaum begonnen. Wir sprechen nun mit Alex Dupuy, Professor für Soziologie an der Wesleyan University. "Zwischen der internationalen Gemeinschaft - unter Führung der USA - und Haiti besteht ein dramatisches Machtgefälle. Erstere monopolisieren die Wirtschaft und die politische Macht (Haitis) und sagen, wo's lang geht", schreibt Dupuy. "Diese ungleiche Beziehung spiegelt sich auch in der IHRC (Interimskommission für den Wiederaufbau Haitis) wider. Einer (der beiden) Vorsitzenden der Kommission ist Bill Clinton.

 

Unser Gast:

 

Alexander Dupuy - Professor für Soziologie an der Wesley University. Sein jüngstes Buch heißt: 'The Prophet and Power: Jean-Bertrand Aristide, the International Community, and Haiti'.

 

Weitere Gäste sind: Patrick Elie (haitianischer Aktivist) und Jean Saint-Vil (Exil-Haitianer, Aktivist und Autor)

 

Amy Goodman:

Ein Jahr ist vergangen, und die Worte von Dr. Evan Lyon (Professor und Mitglied der NGO 'Partners in Health', die auf Haiti tätig ist) haben sich auf schreckliche Weise bewahrheitet: Haiti leidet noch immer. Die Situation scheint sich zu verschlimmern. Eine Cholera-Epidemie breitet sich im ganzen Land aus. Inzwischen sind bereits mehr als 3600 Menschen an der Seuche gestorben, mehr als 170 000 haben sich infiziert. Über eine Million Menschen sind noch immer obdachlos und leben in Notunterkünften, in einem der vielen hundert Zelt-Camps, die nach wie vor existieren. Port-au-Prince ist zur Stadt der Erdbeben-Flüchtlinge geworden. Nahrung, sauberes Wasser und sanitäre Einrichtungen sind Mangelware.

 

12 Monate nach der Katastrophe wurde mit dem Wiederaufbau noch kaum begonnen. Nach mehreren Schätzungen wurden bislang weniger als 5% der Trümmer beseitigt, und nur 15% der Übergangsunterkünfte, die nötig wären, sind fertiggestellt. Weniger als 10% der versprochenen Hilfsgelder ($9 Milliarden) aus dem Ausland sind eingetroffen.

 

Die sexuelle Gewalt gegen Frauen und Mädchen hat zugenommen. Laut Amnesty International wurden allein in den ersten 150 Tagen nach dem Erdbeben 250 Vergewaltigungen, in mehreren der provisorischen Lager, gemeldet.

Auch die politische Situation ist - nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl im November - von Unsicherheit geprägt. Die Wahl gilt allgemein als unseriös. Es gibt Berichte über Wahlbetrug und Einschüchterungsversuche in Wahllokalen. Als das offizielle Wahlergebnis im Dezember bekanntgegeben wurde, kam es zu Protesten. Im vergangenen Monat wurde berichtet, dass der Präsidentschaftskandidat der regierenden Partei, Jude Célestin, sich wahrscheinlich nicht für die Stichwahl qualifizieren konnte.

 

Diese Stunde widmen wir dem Thema 'Haiti'. Wir werden uns mit mehreren Haitianern und einer Haitianerin* unterhalten. Wir beginnen mit dem amerikanisch-haitianischen Professor Alex Dupuy, der an der Wesleyan University lehrt. Er ist uns aus Middletown/USA zugeschaltet.

 

Willkommen bei Democracy Now!, Professor Dupuy. Welche Gedanken gehen Ihnen durch den Kopf - an diesem ersten Jahrestag einer Katastrophe diesen gigantischen Ausmaßes?

 

Alex Dupuy:

Danke, dass Sie mich zu dieser Sendung eingeladen haben.

 

Nun, Sie haben die Situation ziemlich genau auf den Punkt gebracht. Die meisten der zugesagten Gelder sind noch immer nicht ausbezahlt worden, und von den Finanzmitteln, die angekommen sind, wurde kaum etwas ausgegeben. In der Hauptstadt und um die Hauptstadt herum liegt noch immer der Schutt. Er wurde nicht weggeräumt - nur einige Hauptstraßen, die Hauptarterien, die in die Hauptstadt führen -, wurden freigemacht. Der Wiederaufbau - wie er von der IHRC und der haitianischen Regierung in Aussicht gestellt wurde -, hat noch nicht begonnen. Die meisten Menschen, die ihr Heim durch das Erdbeben verloren haben, leben noch immer in Notunterkünften. Allerdings sind es inzwischen weniger als eine Million. Die neuesten Zahlen, die mir bekannt sind, sprechen von circa 800 000 Menschen - wobei nicht klar ist, unter welchen Bedingungen jene leben, die aus den Lagern verschwunden sind. Strom ist nach wie vor knapp. Die meisten Bürger/innen der Hauptstadt haben inzwischen Zugang zu Wasser - vor allem in den Lagern, wo das Wasser von den Hilfsorganisationen bereitgestellt wird. Die Krankenhäuser sind noch immer nicht wiederaufgebaut. Es gibt keine Krankenversorgung und so weiter. Die Bedingungen sind ungefähr so, wie Sie sie eben beschrieben haben. Es ist schon bitter - ein Jahr danach. Natürlich war klar, dass es mit dem Aufräumen nicht so schnell gehen würde - angesichts des Ausmaßes der Zerstörung. Zumindest größere Fortschritte wären aber zu erwarten gewesen.                           

 

Amy Goodman:

Prof. Dupuy, Sie haben ein Essay für die Washington Post geschrieben. Es trägt die Überschrift: 'Foreign Aid Keeps the Country from Shaping Its Own Future' (Die Hilfe aus dem Ausland hält das Land davon ab, seine Zukunft selbst zu gestalten). Was meinen Sie damit? Bitte nennen Sie uns Ihre Argumente.

 

Alex Dupuy:

Nun, im Grunde waren es zwei Argumente. Erstens, sollte man eine Unterscheidung treffen zwischen der humanitären Hilfe, der umfangreichen humanitären Hilfe, die Haiti unmittelbar nach dem Erdbeben entgegengenommen hat und jener langfristigen - beziehungsweise kurz- und langfristigen - Wiederaufbauhilfe für Haiti, wie sie die internationale Gemeinschaft vorgesehen hat. Wenn ich von der 'internationalen Gemeinschaft' spreche, so meine ich damit maßgebliche Staaten, wie die USA, Kanada oder Frankreich sowie die internationalen Finanzinstitutionen (Weltbank, IWF, USAID und Inter-American Development Bank). Das Problem ist, dass die Strategie, die sie für Haiti vorgesehen haben, sich nicht von jener Strategie unterscheidet, die sie dem Land seit drei Jahrzehnten, oder noch länger, angedeihen lassen. Es sind Strategien, die allesamt gescheitert sind. Sie gründeten alle auf einer Doppelstrategie. Erstens, Haiti sollte zu einem Standort für billigste Arbeitskräfte werden - für die Textilindustrie in der Region, deren Exporte vor allem in die USA gehen. Zweitens sollten sämtliche Schutzzölle für Lebensmittel und andere Importwaren nach Haiti wegfallen. Dies hatte verheerende Folgen für die haitianische Landwirtschaft. Mitte der 80ger Jahre war Haiti noch in der Lage, bis zu 80% der Nahrungsmittel für den heimischen Markt selbst zu erzeugen. Heute importiert Haiti... (heute) sind es nur noch 42%; vor allem die Reisproduktion ist betroffen. Reis ist eines der Haupterzeugnisse des Landes. Früher erzeugte Haiti stets genug Reis für den heimischen Eigenbedarf. Heute ist Haiti der größte, nein, der viertgrößte, Importeur von US-Reis in der Welt. Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton sagte vor dem 'Foreign Committee' (Auslandskomitee) des US-Senates aus, die Strategien, die er selbst für Haiti durchgesetzt hatte, würden nicht funktionieren. Klar, seine Farmer in Arkansas profitieren davon, doch der einheimischen landwirtschaftlichen Produktion auf Haiti (vor allem der Reis-Produktion) war und ist dies abträglich. Dennoch versucht es die IHRC, (die Interims-Kommission für Haiti), nun wieder mit denselben Strategien. Clinton und (der haitianische) Premierminister Jean-Max Bellerive leiten diese Kommission gemeinsam.

 

An diesem Punkt sollte ich betonen, dass die Kommission paritätisch besetzt ist. Sie besteht aus ebenso vielen Haitianern wie ausländischen Vertretern. Dennoch geben Letztere in diesem Komitee den Ton an . Die Haitianer (in der Kommission) haben sich schon öffentlich darüber beschwert, dass sie von Treffen beziehungsweise von Entscheidungsfindungsprozessen  ausgeschlossen wurden. Doch es geht noch weiter: Als die Kommission eingerichtet und der Aktionsplan für den Wiederaufbau Haitis entwickelt wurde, hat man die haitianischen Graswurzelorganisationen, die Organisationen der Zivilgesellschaft Haitis - ein Querschnitt der haitianischen Bevölkerung - einfach systematisch umgangen. Man hat sie ignoriert. Man hat ihre Stimmen ignoriert. Doch von diesen Leuten kamen brauchbare Alternativorschläge zum (Wieder-)Aufbau eines progressiveren, gerechteren und mehr auf Gleichheit ausgerichteten Haiti der Zukunft. Um noch einmal auf meinen Kommentar in der Washington Post zurückzukommen: Genau darauf wollte ich hinaus. Es geht der ausländischen Gemeinschaft - der 'internationalen Gemeinschaft', wenn man sie so nennen will -, nicht vorrangig darum, Haiti zu helfen, sondern ihren eigenen Unternehmen, ihren eigenen Bauern, ihren eigenen... Exporteuren und ihrer eigenen Wirtschaft zu helfen und nicht so sehr Haiti und den Haitianern. Es geht ihnen nicht so sehr darum, die Bedürfnisse des haitianischen Volkes zu befriedigen.

 

Der zweite Punkt, den ich in meinem Artikel angesprochen habe, ist, dass Haiti in eine "Republik der NGOs'" verwandelt wird. Der Prozess, der sich hier vollzieht, wird zurecht so umschrieben. Diese Strategie hat allerdings schon vor, oh, vor drei Jahrzehnten eingesetzt: Ausländische Spender umgingen systematisch den haitianischen Staat und finanzierten Nichtregierungsorganisationen (NGOs), damit diese der haitianische Bevölkerung Hilfe bringen konnten. Dadurch wurde der haitianische Staat noch schwächer, als er ohnehin schon war und noch unfähiger, die Bedürfnisse der eigenen Bürgerinnen und Bürger zu befriedigen. Seit langem vernachlässigt der haitianische Staat die Bedürfnisse der Mehrheit der Haitianer. Man hätte mit dem haitianischen Staat zusammenarbeiten und ihn dazu zwingen sollen, auf die Bedürfnisse seiner Bürger einzugehen - Krankenversicherung, Jobs, Wohnraum, Bildung usw., all diese Bereiche. Stattdessen wurde der Staat umgangen, und die NGOs erhielten das Geld direkt. Die Folge war, dass der Staat noch unfähiger wurde, seine Verantwortung wahrzunehmen. Er wurde weiter geschwächt. Was ich sagen wollte, war, dass die 'ausländische Gemeinschaft'  direkt dazu beigetragen hat - in Zusammenarbeit mit den haitianischen Eliten - dass wir nun auf Haiti eine Situation haben, in der die Mehrheit der Bevölkerung weiterhin in Armut lebt. Ihre Grundbedürfnisse und ihre Grundrechte werden ignoriert. Darum ging es mir im Grunde in meinem Artikel.

 

Amy Goodman:

Bitte bleiben Sie dran. Wir machen jetzt eine kurze Pause. Wenn wir zurückkommen, schalten wir direkt nach Port-au-Prince und sprechen mit Patrick Elie. Das letzte Mal haben wir uns mit ihm unterhalten, als wir in Haiti waren. Das war vor sechs Monaten. Er ist ein altgedienter Aktivist, der sich für die Demokratie auf Haiti einsetzt. Unser Gast ist heute Prof. Alex Dupuy, von der Wesleyan University. Hier ist Democracy Now! democracynow.org - der 'War and Peace Report', zum ersten Jahrestag des Erdbebens von Haiti. Bleiben Sie dran!

 

(Pause)

 

Amy Goodman:

(...) Es ist der erste Jahrestag von tè tremble - was auf Kreolisch soviel heißt wie 'die Erde bebt' - oder eben 'Erdbeben'. Wir schalten nun direkt nach Port-au-Prince, wo uns Patrick Elie zugeschaltet ist. Er ist ein langjähriger Aktivist für ein demokratisches Haiti und war einst Minister für Öffentliche Sicherheit im Inselstaat. Er spricht mit uns aus der Innenstadt von Port-au-Prince. Elie steht vor dem großen Platz - Champ de Mars - gegenüber dem National Palace (Regierungspalast). Auf diesem Platz befindet sich noch immer ein riesiges Zeltlager, in dem tausende Haitianer leben.

 

Es tut wirklich gut, Sie wiederzusehen, Patrick Elie. Können Sie uns sagen, was Ihnen am ersten Jahrestag des Erdbebens durch den Kopf geht? An dem Ort, an dem Sie stehen und angesichts dessen, was Sie um sich herum wahrnehmen...

 

Patrick Elie:

Ich sehe das Ende einer Ära. Ich sehe, dass die Politik der letzten Dekaden, wenn nicht Jahrhunderte, an ihr Ende gekommen ist. Ich sehe eine gescheiterte Vision. Gleichzeitig sehe ich den unglaublichen Überlebenswillen in diesem Land. Ich will Ihnen ehrlich sagen: Ich bin heute zwar traurig, aber ich werde nicht aufgeben und mich nicht entmutigen lassen. Ich bin sicher, das haitianische Volk wird die Welt eines Tages erneut überraschen - gerade weil es so kreativ ist und einen so starken Überlebenswillen hat. Es lässt sich nicht unterkriegen - nicht einmal von so einem Monsterbeben.

 

Amy Goodman:

Als wir uns das letzte Mal unterhalten haben, standen wir auf den Trümmern des Montana Hotel. Unter uns lagen noch Verschüttete. Heute stehen Sie vor dem Champ de Mars. Dort leben noch immer Tausende. Ich glaube, für Leute außerhalb Haitis ist es schwer nachzuvollziehen: Eine Million Menschen auf Haiti sind nach wie vor obdachlos. Durch die Katastrophe gab es mindestens eine Viertelmillion Tote. Und zu allem Übel ist auch noch die Cholera ausgebrochen. Was ist in diesem Jahr nur passiert?

 

Patrick Elie:

Ja...

 

Amy Goodman:

Warum ist die Hilfe nicht angekommen, Patrick?

 

Patrick Elie:

Erstens haben wir es mit einem Land zu tun, das schon zuvor in einem erbärmlichen Zustand war. Der Staat war schwach - angesichts der Aufgaben, die er zu bewältigen hatte. Das Erdbeben (und paradoxerweise auch die Welle an Solidarität) haben die Sache nicht besser gemacht. Damit meine ich die Fähigkeit des Staates, mit Herausforderungen klar zu kommen. Natürlich kann ich mir vorstellen, dass alle davon ausgehen, nach einem Jahr müsste es besser aussehen und die Situation sich erheblich gebessert haben. Aber - Sie können es anzweifeln - aber was ich hier sehe, ist wirklich nicht so übel, wie es normalerweise dargestellt wird. Ich glaube wirklich nicht, dass das haitianische Volk Mitleid oder Beileid braucht. Was es braucht, ist echte Solidarität - für den Wiederaufbau, den es leistet und damit nicht das Alte wiederaufgebaut wird.

 

Wissen Sie, Port-au-Prince ist eine Stadt und als solche ein lebendiger Organismus. Während wir hier reden, versucht dieser Organismus, wieder der Alte zu werden - was eine Katastrophe für das Land wäre. Port-au-Prince hat den Rest des Landes jahrzehntelang stranguliert. Nach dem Erdbeben wird es Zeit, die architektonische Vision Haitis zu hinterfragen. Es wird Zeit, Port-au-Prince seinen eigentlichen Platz im Land zuzuweisen - aber ich sage nicht, dass man es abreißen soll. Doch wir müssen dem Impuls widerstehen, Port-au-Prince so wiederaufzubauen, wie es einmal war: (Es war) eine Stadt, die Menschen ausgeschlossen hat, in der sich viel zu viel konzentriert hat und (eine Stadt) der Wellblechsiedlungen - was sehr zu dem großen Leid nach dem Erdbeben beigetragen hat. Wir müssen also definitiv den Kurs ändern - das Weiterso! Wir müssen es tun; sonst wird es noch schlimmer werden, als es schon war.

 

Amy Goodman:

Wer kontrolliert Haiti heute? Wer kontrolliert den Wiederaufbau? Wir haben uns gerade mit Prof. Alex Dupuy unterhalten. Er sprach über die IHRC (Interimskommission zum Wiederaufbau Haitis). Bill Clinton und der haitianische Premierminister Jean-Max Bellerive leiten diese Kommission ja gemeinsam.

 

Patrick Elie:

Ich glaube, dass Haiti momentan von einer ausländischen Regierung und ausländischen Interessen kontrolliert wird - durch die so genannte 'internationale Gemeinschaft'. Ich befürchte, dass es in einem Monat oder in einigen Jahren noch schlimmer sein wird - denn diese Wahl konnte das haitianische Volk nicht mobilisieren. Wer immer letztendlich gewählt werden wird (in der Stichwahl zum Präsidentenamt) wird eine äußerst schwache Regierung stellen; er (oder sie) wird ein sehr schwacher Präsident / eine sehr schwache Präsidentin sein und äußerst wenig Legitimation im Volk besitzen. Die neue Führung wird kaum in der Lage sein, die Haitianer für den Wiederaufbau zu mobilisieren oder mit der internationalen Gemeinschaft auf Augenhöhe (on a partner-to-partner basis) zusammenzuarbeiten.

 

Es braucht also Zeit. Aber ich bin überzeugt, dass das Erdbeben auch ein Signal für uns ist, die Demokratie auf Haiti auf eine gesunde Basis zu stellen. Ich denke da an die Nachbarschaftskomitees und an die Graswurzelorganisationen. Man sollte die Demokratie nicht von oben nach unten bauen. Wir haben unsere Häuser in Port-au-Prince von oben nach unten gebaut, und man sieht ja, was dabei herausgekommen ist. Es ist Zeit, dass diese Nation nach ihrer Seele forscht, dass sie sich überlegt, was bei unserer Suche nach Demokratie im letzten Vierteljahrhundert - oder noch länger - herausgekommen ist: Die Ergebnisse sind heute, während wir hier reden, mehr als dürftig zu nennen.

 

Amy Goodman:

Ich möchte noch den haitianischen Autor und Aktivisten Jean Saint-Vil in unser Gespräch miteinbeziehen - und dann Patrick Elie nach seiner Reaktion fragen. Wir schalten nun nach Kanada. Jean Saint-Vil hält sich in Ottawa auf. Seine Webseite heißt godisnotawhite.com

 

Am ersten Jahrestag jenes Erdbebens, bei dem Hunderttausende starben, sind immer noch mehr als eine Million Menschen (ohne Obdach). Das Land hat insgesamt nur 10 Millionen Einwohner/innen. Nun ist auch noch die Cholera ausgebrochen und breitet sich im Land aus. Jean Saint-Vil, welche Gedanken bewegen Sie?

 

Jean Saint-Vil:

Nun, ich habe aufmerksam zugehört, was Alex Dupuy und Patrick gesagt haben. Sie haben schon das meiste gesagt, was auch mir durch den Kopf geht. Ein Gedanke, der von uns Dreien geteilt wird, ist - was Sie vorhin gesagt haben -, dass nichts darauf hinweist, dass wir den Kurswechsel vollzogen haben. Patrick hat gesagt, Port-au-Prince versuche, sich nach denselben alten Prinzipien wiederaufzubauen und es... als das Erdbeben kam, ist es ja kollabiert. Ich stimme auch mit dem überein, was Alex Dupuy über die internationale Gemeinschaft gesagt hat.

 

Ich finde, die haitianische Autorin Edwidge Danticat* hat es sehr gut beschrieben: Anfang der Woche hatte sie einen Artikel im Miami Herald, mit der Überschrift: 'Haitians Are Tired, But We Are Not Defeated'. Ich würde noch hinzufügen: Wir haben es satt und sind müde, aber wir sind nicht besiegt. Sie haben bereits erwähnt, dass wir schon mehr als 3700 haitianische Landsleute durch diese Cholera verloren haben, eine Krankheit, die von den UN-Truppen nach Haiti eingeschleppt wurde.

 

Wir sehen Folgendes: Anstatt Ressourcen zu mobilisieren, um Menschenleben zu schützen und die Infrastruktur für ein neues Haiti aufzubauen, mobilisiert die internationale Gemeinschaft (und dazu zähle ich auch die UNO) Ressourcen, um den Status quo aufrechtzuerhalten. Ich sehe das so: Ein Jahr nach dem Erdbeben wird die Bevölkerung Haitis als Bedrohung angesehen und so behandelt - und nicht als etwas Wertvolles. Meiner Meinung nach wäre hier ein Paradigmenwechsel nötig, wenn wir das Chaos bewältigen wollen.

 

Amy Goodman:

Alex Dupuy, bevor wir wieder nach Port-au-Prince zu Patrick Elie schalten, möchte ich Sie noch etwas fragen: Es gibt da einen US-Offiziellen, der für die Hilfsmaßnahmen nach dem Erdbeben auf Haiti zuständig war und der nun einen maßgeblichen Kontraktor verklagt, weil dieser ihm angeblich zu wenig gezahlt habe - für seine Bemühungen, Wiederaufbau-Verträge im Wert von über $20 Millionen für diesen Kontraktor an Land zu ziehen. Der Kontraktor heißt Haiti Recovery Group. Der US-Offizielle heißt Lewis Lucke. AP berichtete darüber.

 

Alex Dupuy:

Nun, ich kenne die Einzelheiten dieses Falles nicht. Bekannt ist allerdings, dass die IHRC die meisten Verträge an US-Firmen vergeben hat. Nur zwei haitianische Unternehmen bekamen durch sie Verträge. Ein signifikanter Prozentsatz der Verträge ging an zwei US-Firmen, die eigentlich nicht einmal berechtigt waren mitzubieten. Das habe ich aus den Nachrichten. Ich bin mir nicht sicher, ob es bei diesem Rechtsfall darum geht, aber...

 

Amy Goodman:

Jean Saint-Vil - kennen Sie sich mit dem Fall aus?

 

Jean Saint-Vil:

Ja, ich habe im Internet über diesen Fall gelesen. Wenn ich mich recht entsinne, war Mr. Lewis Lucke der frühere US-Botschafter in Swasiland. Heute ist er für USAID auf Haiti. Er verklagt ein haitianisches Unternehmen, an dessen Spitze ein gewisser Bigio steht. Es nennt sich 'Bigio Group' (GB Group). Mr. Bigio ist angeblich der reichste Mann Haitis. Er gehört der kleinen haitianischen Elite an, die im Grunde das Wirtschaftsleben des Landes kontrolliert. Das Interessante an dem Artikel ist, dass es darin heißt, im Grunde habe Lucke Lobbyarbeit für die beiden ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton und George Bush geleistet. Er sollte Verträge für amerikanische Firmen an Land ziehen. Für mich ist das ein gutes Beispiel für die Fehler des aktuellen Modelles - das Nichthaitianern mehr Macht gibt als der Führung des Landes (und auch ein Beispiel) für die Korruption, bei der immer so getan wird, als sei sie eine Art haitianische Erbkrankheit, die nur die haitianischen (aber nicht die ausländischen) Players befalle.

 

Und wir stellen fest, dass das IHRC, das eigentlich von Bill Clinton und (dem haitianischen Premierminister Jean-Max Bellerive) geleitet werden sollte, in Wirklichkeit nur von Ausländern geleitet wird - von internationalen Players. Die Leute fragen: "Wo ist eigentlich Haitis Premierminister Jean-Max Bellerive geblieben?" Beim letzten Treffen der IHRC, in der Dominikanischen Republik, war er nicht einmal anwesend. Die 12 haitianischen Repräsentanten des IHRC sagen: Verträge werden geschlossen und wichtige Entscheidungen getroffen, ohne dass wir miteinbezogen werden. Die Clinton Global Initiative - und Bill Clinton selbst - sind somit.... ganz zu schweigen von dem Interessenkonflikt, der darin besteht, dass Clinton der Ehemann der US-Außenministerin ist. Was ich damit sagen will, ist, Haiti wird nicht von Haitianern regiert. Das ist es, was im Grunde seit 2004 (Sturz von Präsident Aristide) schiefläuft.

 

Amy Goodman:

Patrick Elie, ich möchte noch einmal auf Sie zurückkommen. Sie stehen dort vor dem Champ de Mars, dem großen Platz, auf dem so viele Menschen noch immer in Flüchtlingslagern leben. Können Sie uns eine kleine Geschichtsstunde geben - für all jene, die sich nicht so gut mit Haiti auskennen. Eine Sklavenrebellion war die Geburtsstunde Haitis. Was sollte, Ihrer Meinung nach, momentan - konkret und vor Ort - getan werden? Sie sagten ja vorhin, Ihr Land werde von ausländischen Interessen und ausländischen Regierungen kontrolliert.

 

Patrick Elie:

Als Volk stehen wir tatsächlich vor einer großen Herausforderung - vielleicht vor einer so großen wie 1804 (Sklavenaufstand), die mit einem Sieg endete. Was die Geier betrifft, die über Haiti kreisen: Ich denke, wir haben das erörtert, als wir uns das letzte Mal getroffen haben - auf (den Trümmern des Hotels) Montana. Nur die Haitianer selbst können es verhindern - mit Hilfe von ausländischen Freunde, die ein wachsames Auge haben. Wissen Sie, es laufen hier Dinge ab - hinter dem Rücken der Menschen in der Welt, die sich so großzügig gegenüber Haiti gezeigt haben, aber auch hinter dem Rücken des haitianischen Volkes. Es ist wirklich nicht leicht, kurz zu umreißen, was jetzt genau getan werden sollte. Es gibt keinen Zauberstab.

 

Viele der Menschen, die heute auf dem Champ de Mars leben, haben früher in Cité Soleil (einem Armenviertel von Port-au-Prince) oder in einer der Shantytowns gelebt. Ihr Leben war damals auch nicht besser als heute. Der Unterschied besteht darin, dass sie heute auf sich aufmerksam machen können. Sie stechen einem sozusagen ins Auge. Ich hoffe, dass es ihnen gelingen wird, sowohl der Welt da draußen als auch der haitianischen Elite zu vermitteln, dass sich die Dinge ändern müssen. Was ich jetzt sage, habe ich, Wort für Wort, abgewogen:  Wenn ich die Menschen auf dem Champ de Mars sehe, direkt vor dem National Palace (Regierungspalast) - dann ist das (für mich) eine positive Botschaft. Sie erinnert alle, die in den Trümmern dieses Gebäudes (National Palace) oder in einer Fünf-Millionen-Dollar-Villa sitzen, daran: Hier leben Haitianer. Diese Menschen müssen gewissermaßen ihre Bürgerrechte wiederbekommen, und man muss ihre Bedürfnisse befriedigen. Wir haben einen Spruch auf Haiti: 'C'est un bien pour un mal' - "für etwas Negativem etwas Positives eintauschen". Wir tauschen sozusagen das Übel (Erdbeben) gegen eine Botschaft ein, die noch jahrelang Gehör finden wird.

 

Amy Goodman:

Was sollte, Ihrer Meinung nach, jetzt genau geschehen? Sollte die IHRC, die von dem ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton und Bellerive geleitet wird, Ihrer Ansicht nach weitermachen, oder sollte sie aufgelöst werden? Sie haben vorhin von den organisierten Gemeinden gesprochen - dass diese sich erheben und Port-au-Prince verändern könnten -, aber wie soll das konkret aussehen?

 

Patrick Elie:

Ich bin der festen Überzeugung, dass wir eine Alternative zum jetzigen haitianischen Staat brauchen, um den Wiederaufbau zu leiten - eine Alternative zu dem Staat, den wir heute haben und zu dem Staat, der aus diesen Wahlen hervorgehen wird. Natürlich ist klar, dass die Geberländer ihre Vertreter/innen (Parlamentarier/innen) entsenden, aber die Vertreter/innen Haitis sollten stärker als bisher die realexistierende haitianische Gesellschaft repräsentieren. Arrogante Anwälte und Technokraten - damit ist es nicht getan. Die Stimmen der Gemeinden müssen Gehör finden - sowohl derer in Port-au-Prince als auch derer in anderen Teilen unseres Landes. Diese Stimmen sagen, wie wir uns den Ausweg aus diesem Chaos vorstellen. Um ehrlich zu sein, während des Wiederaufbaus habe ich diese Stimmen nirgends vernommen. Für mich persönlich zählt die Geburt - oder Wiedergeburt - der Nachbarschaftskomitees zu den ermutigendsten Dingen, die aus dem Erdbeben hervorgegangen sind. Ich gebe zu, einige dieser Komitees wurden damals nur organisiert, um von den milden Gaben zu profitieren. Doch andere sind geblieben. Sie entwerfen, sie skizzieren, wenn man so will, den Weg in die Zukunft. Die Bewegung breitet sich aus - weg von Port-au-Prince, weg von den großen Städten, hin zu den ländlichen Gebieten, den lakou, wie wir die Kleinbauerngemeinden nennen. Ich glaube, dort liegt die Zukunft Haitis und die der Demokratie auf Haiti - und nicht in den chicen Hotels oder in den Kongresszentren.

 

Amy Goodman:

Patrick Elie, danke, dass Sie bei uns waren. Patrick Elie ist ein haitianischen Aktivist, der sich für die Demokratie einsetzt. Er war uns aus Port-au-Prince zugeschaltet.

 

Anmerkung d. Übersetzerin

 

*siehe "Die Haitianer halten viel aus", von Edwidge Danticat

 http://www.zmag.de/artikel/die-haitianer-halten-viel-aus...-sagt-die-schriftstellerin-edwidge-danticat

 

Übersetzt von: Andrea Noll
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