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Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott - Teil 2

Interview mit Norman Finkelstein

von Norman G. Finkelstein

25.07.2010 — New Left Project

 

NLP:
Welche Rolle spielt die britische Regierung in diesem Konflikt? Offiziell fühlt sie sich dem internationalen Konsens - Zwei-Staaten-Lösung - verpflichtet, aber wie hält man es bei uns (in Großbritannien) in der Praxis?

 

Norman Finkelstein:

Schrecklich. Großbritannien hat keine unabhängige Rolle. Es befolgt nur die Anweisungen der USA. Andererseits ist der (euer) Kampf in Großbritannien leichter, da die FORMALE Rolle der Briten gar nicht so übel ist, zum Beispiel bei UNO-Resolutionen. Großbritannien steht bei praktisch jeder Abstimmung aufseiten der Mehrheit, zum Beispiel bei der jährlichen Abstimmung für eine 'Friedliche Lösung der Palästina-Frage ('Peaceful Settlement of the Question of Palestine'). Eure Aufgabe in Großbritannien wäre es nun, eure Regierung beim Wort zu nehmen. Ihr könnt mit der großen Kluft zwischen Wort und Tat argumentieren. Dieser Kampf ist viel einfacher als der in den USA, wo kein Unterschied zwischen Wort und Tat besteht - beides taugt nichts.

 

Aber ihr tut mir leid. Ich meine, so schlimm Bush war, er war immer noch besser als Blair. Blair ist ein Freak.

 

NLP:

Er ist entsetzlich. Und er spielt bei diesem Thema nach wie vor eine Rolle. Er geht einfach nicht weg....

 

Norman Finkelstein:

Seine Augen! Sie sehen aus wie die eines Besessenen! So, als müsste er exorziert werden. Gestern wurde ihm die Liberty Medal verliehen - Clinton hat sie ihm übergeben. Er (Blair) erhielt $100 000 und sagte: "Ich werde das Preisgeld meinen Lieblingswohlfahrtsorganisationen spenden". Ich habe daraufhin einem Freund geschrieben: "Seine beiden Lieblingswohlfahrtsorganisationen sind natürlich seine rechte und seine linke Hosentasche!".

 

Das Seltsame ist, dass Blair zur Zeit gelobt wird: Er habe die Grenzen nach Gaza geöffnet.

Illusionskunst der Macht!

 

NLP:

Und das Schlimmste ist, dass wir jetzt zwei Leute im Kabinett haben, die ihn nachahmen. Wir haben also zwei Subversionen von Tony Blair.

 

Norman Finkelstein:

Ich habe gehört, Clegg sei nicht ganz so schlimm.

 

NLP:

Er ist... nicht besonders toll.

 

Norman Finkelstein:

Es tut mir sehr leid um David Miliband. Ich mochte seinen Vater sehr.

 

NLP:

Es gab da einen Witz: "Ralph Miliband sagte, "die Labour-Partei wird nie etwas für die Arbeiter tun", und sein Sohn wird es beweisen"".

 

Norman Finkelstein:

Er (Ralph Miliband) war ein netter Mensch, ein sehr heller Kopf - nicht tiefschürfend aber klarsichtig. Ich habe ihn gekannt - ein netter Kerl.

 

NLP:

In Ordnung. Reden wir jetzt über Obama. Was halten Sie von seiner viel gefeierten Kairoer Rede (1). Wie passt sie zu dem, was er seither getan hat?

 

Norman Finkelstein:

Manches, was er in dieser Rede gesagt hat, war gar nicht so übel. So sagte er, zum Beispiel, er finde, die Frauen sollten das Recht haben, ein Kopftuch (Hijab) zu tragen. Ich fand das ziemlich gut. Niemand hat das registriert, aber er sagte praktisch: "Kümmert euch um eure eigenen Angelegenheiten! Wenn sie es (das Hijab) aus kulturellen, familiären oder persönlichen Gründen usw. tragen wollen, solltet ihr euch um eure eigenen Angelegenheiten scheren." Mir gefiel diese Aussage irgendwie. Allerdings war es so ziemlich das Einzige, was mir an dieser Rede gefallen hat.

 

Es war eine typische Obama-Rede - reine Rhetorik, unter Verwendung der absolut hohlsten

und fadesten Predigttexte. Nichts, von dem, was er sagt, hat irgendwelche Substanz. Ich nenne das alles "Bar-Mitzwa-Gerede", aber natürlich handelt es sich nicht um Bar-Mitzwa-Feiern (Fest der Religionsmündigkeit im Judentum, das mit Vollendung des 12 bzw. 13. Lebensjahres gefeiert wird - Anmerkung d. Übersetzerin). Einiges in seiner Rede war einfach nur empörend und über die Köpfe hinweg. Kurz nach dem Massaker von Gaza belehrt er - die falsche Seite! Die Tatsache, dass er Mubarak gepriesen hat...

 

NLP:

Und was halten Sie von Obamas bisheriger politischer Bilanz? Unterscheidet sie sich von der seiner Vorgänger?

 

Norman Finkelstein:

Nun, in gewisser Hinsicht ist sie noch um Einiges übler. Wie mein großartiger Freund Alan Nairn anmerkte, hat Obama in seinem ersten Amtsjahr mehr Menschen getötet als Bush. Es fällt leicht, allgemein darüber zu schwadronieren, wie furchtbar er ist. Doch wenn ich mir die Details ansehe - an allen Fronten -, bin ich wirklich zutiefst deprimiert, angesichts der Tatsache, wie furchtbar er ist. Ich glaube, er war einfach noch zu jung und unerfahren für das Amt des Präsidenten. Er stammt aus sehr bescheidenen Verhältnissen und ist total fasziniert von der Macht und den elitären Institutionen. Solche Leute sind leicht einzuschüchtern. Also umgibt er sich ausschließlich mit Harvard-Typen, die eine sichere Machtstellung innehaben. Es muss ihn sehr verunsichern, dass er noch relativ jung ist, aus verhältnismäßig bescheidenen Verhältnissen stammt und sehr wenig Erfahrung hat. Er war zwei Jahre lang Senator, und das war's. Diese Unsicherheit manifestiert sich darin, dass er sich so genannte sichere Kandidaten auswählt ("safe picks"). Alle Leute, die er sich ausgesucht hat, sind sehr berechenbar.

 

Sehen Sie sich nur an, wen er für den Obersten Gerichtshof ausgewählt hat - Elena Kagan ist eine absolut hohle Nuss. Ihr einziger Antrieb ist ihr Ehrgeiz. Wir alle haben unsere Ambitionen, aber unsere Ambitionen dienen einer Idee, einer Sache, einem Prinzip. Ihre Ambitionen hingegen dienen allein ihrem Ehrgeiz. Und er (Obama) ist genauso. Keine Prinzipien, keine Sache. Da ist nichts, außer diesen faden Predigten.

 

NLP:
Speziell zu Israel-Palästina: Repräsentiert er (Obama) im Grunde den Status quo?

 

Norman Finkelstein:

Ja, praktisch den Status quo. Allerdings verändert sich dieser Status ein wenig. Innerhalb der elitären Zirkel gibt es einige Elemente - sie sind noch nicht in der Mehrheit -, die sich fragen, wie nützlich Israel Amerika wirklich ist? Am bemerkenswertesten ist in diesem Zusammenhang  Anthony Cordesman. Er spielte nach dem Gaza-Massaker den Chefapologeten für Israel. Nach dem Blutbad gegen die (Gaza-Hilfs-)Flotte jedoch schrieb Cordesman in einem äußerst harschen Statement, das sich an Israel richtete: "Ihr schafft uns hier Probleme, (und) müsst wirklich damit aufhören". Diese Haltung spiegelt wider, was viele aus der Elite denken. Hier verändert sich gerade der Status quo. Hinzu kommt, dass sie jetzt neue Probleme mit der Türkei haben. Die USA können ihre Muskeln nicht spielen lassen, um dem Iran zu drohen. Und da ist diese unabhängige Initiative von Brasilien und der Türkei, das iranische Nuklearprogramm betreffend... All diese Dinge weisen darauf hin, dass der Stern der amerikanischen Macht am sinken ist, aber er ist noch nicht gesunken. Es ist nicht mehr so, wie es einmal war. Wie sich der Status quo ändern wird, werden Sie an Obamas Politik und an seinen Reden erkennen können. Es wird sich nicht viel tun - aber Einiges.

 

NLP:

Bedeutet diese Veränderung des Status quo mehr Spielraum für Aktionen des Volkes - zur Veränderung der staatlichen Politik?

 

Norman Finkelstein:

Nein. Ich denke, das Wichtigste an den Geschehnissen um die Freiheits-Flotte ist, dass hier zum ersten Mal ein Widerstand auf Volksebene die Führung übernommen hat. Die Staatsgewalt hinkte hinterher. Sie musste auf jene Agenda reagieren, die der populäre Widerstand vorgegeben hatte. Sie (die Staaten) legten die Agenda nicht fest. Damit waren sie nicht sehr glücklich. Doch weil es diese Flotte gab, mussten sie darauf pochen, dass in gewisser Weise etwas an der Blockade geändert wird. Die waren sehr glücklich mit der Blockade gewesen - so, wie sie  war -, und hatten keinen Piep dazu gesagt. Ab und zu gab das EU-Parlament ein entsprechendes Statement ab, aber keiner unternahm irgendetwas. Nun - zum ersten Mal - ging die öffentliche Meinung beziehungsweise die öffentliche Empörung beziehungsweise der öffentliche Widerstand der Staatsgewalt voran und zwang die Staaten, etwas zu unternehmen.

 

Nachdem dies geschehen ist, sollte es nun unser Ziel sein, diese Dynamik, so gut wir nur können, aufrechtzuerhalten und unsere Führungsrolle beizubehalten und weniger auf das zu achten, was SIE tun und uns nicht auf einen Obama verlassen oder auf die britische Regierung. Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Wir müssen die Dynamik aufrechterhalten und SIE dann zum Handeln zwingen: Nicht darauf warten, dass sie handeln, auch sich nicht darauf verlassen, dass sie etwas tun. So gesehen war die Flotte ein ermutigendes Zeichen: Sie hat gezeigt, dass wir diese Leute zum Handeln zwingen können.

 

NLP:

Vor kurzem erschien ein Artikel von Peter Beinart (2) in der NYRB, über den nun alle Welt redet....

 

Norman Finkelstein:

Yeah, er hat mein ganzes Buch übernommen ('This Time We Went Too Far' von Norman Finkelstein)

 

NLP:

Ja, im Grunde hat er Ihr ganzes Buch kopiert. Sie hatten geschrieben (3), der 'Goldstone Report' sei ein Zeichen, "für die Implosion dieses instabilen Gebildes - manche würden sagen, es sei ein Oxymoron (Widerspruch) - das sich liberaler Zionismus nennt".

 

Beinart argumentierte:

 

"Seit mehreren Jahrzehnten fordert das jüdische Establishment die amerikanischen Juden dazu auf, ihren Liberalismus am Zionismus zu messen, doch nun müssen sie zu ihrem Entsetzen feststellen, dass viele junge Juden stattdessen ihren Zionismus genauer unter die Lupe nehmen".

 

Vor anderthalb Jahren geschah das Massaker in Gaza. Wie empfinden Sie derzeit das intellektuelle Klima in den USA? Haben sich die Trends, die Sie in ihrem Buch beschrieben haben, verstärkt?

 

Noam Finkelstein:

Das Geschehen um die Flotte hat alle Trends, über die ich geschrieben habe, stark forciert. Der Titel meines Buches lautet: 'This Time We Went Too Far' (dieses Mal gingen wir zu weit). Am Tag nach dem Blutbad an Bord der Flotte schrieb mir einer meiner Herausgeber: "Dieses Mal sind sie WIRKLICH zu weit gegangen". Der Wahnsinn, das Verrückte aber auch die mangelnde Sympathie mancher Juden für Israel wurden forciert. Kurz vor und kurz nach dem Blutbad an Bord der Flotte war eine große Welle wirklich feindseliger Gefühle von Juden gegenüber Israel zu spüren - nach dem Motto: 'Wir werden (wolllen) damit nichts mehr zu tun haben'. Wer sich mit Beinart befasst, hat sicher Einiges davon zu spüren bekommen.

 

NLP:

Für mich waren die Reaktionen auf Beinart's Artikel interessant, da sie seine Diagnose bestätigt haben. Die meisten Reaktionen waren positiv - außer einigen Inseln der Kritik, die aber zunehmend isoliert dastanden. Da ist zum Beispiel Jeffrey Goldberg (4), der ein "klaustrophobisches Gefühl" beschreibt, das einen befalle, wenn man "in einem kleinen Raum eingesperrt ist (nett und abwechslungsreich dekoriert, in Blau und Weiß). Auch Peter Beinart und Jon Chait sind mit im Raum, und... wer noch? Genau das ist der Punkt, oder?" (Er nennt noch Tom Friedman und Leon Wieseltier. Letzterer hatte sich erstaunlich kritisch zum Angriff auf die Flotte geäußert.)

 

Norman Finkelstein:

Stimmt. Zur Zeit wäre es wirklich heroisch, Israel zu verteidigen. Man findet sich in sehr ungesunder Gesellschaft wieder. Wer ist heute noch links? Alan Dershowitz und Abraham Foxman. Die Reihen lichten sich.

 

NLP:

Sie glauben also, dass sich die Großwetterlagen ändert - hinsichtlich der Art und Weise, wie über den Konflikt diskutiert wird?

 

Norman Finkelstein:

O ja, ganz sicher. Man konnte es sogar an den Leitkommentaren am Tag nach dem Blutbad an Bord der Flotte sehen. Im Leitkommentar der New York Times (5) stand, ich gebe es hier dem Sinn nach wieder: "Die Belagerung muss verschwinden". Das war äußerst ungewöhnlich: "Punktum. Sie muss weg, sie ist nicht zu rechtfertigen".

 

NLP:
Was glauben Sie, sind die Ziele der Netanjahu-Regierung, was Palästina angeht?

 

Norman Finkelstein:

Ich glaube, wir müssen hier vorsichtig sein: Es ist nicht 'Netanjahu' allein sondern Netanjahu und Barak. (Ehud) Barak ist ja der israelische Verteidigungsminister. Wir haben es mit einer Regierung aus Likud und Arbeitspartei zu tun. Auch (Schimon) Peres steht sicherlich nicht außerhalb des Konsenses - er ist der (israelische) Präsident. Im Grunde ist er der größte Irre von allen - "Sir Schimon", wie ihr (Briten) ihn geadelt habt.

 

NLP:
Tut mir leid.

 

Norman Finkelstein:

Entschuldigung nicht angenommen. Wie Sie wissen, hat Sir Schimon gesagt, die Marinekommandos seien auf dem Schiff (Mavi Marmara, von der Gaza-Flotte - Anmerkung d. Übersetzerin) deshalb angegriffen worden, weil sie so human gewesen seien (Lachen).

 

NLP:

Meiner Meinung nach sind die jüngsten Enthüllungen (6) über Peres' Rolle beim Versuch, Atomwaffen an das Apartheidregime in Südafrika zu verkaufen, äußerst interessant. Damals pries er die gemeinsamen "Werte" und sprach vom "Hass gegen die Ungerechtigkeit". Allerdings scheint das seinem Image als 'Mann des Friedens' keine größere Delle versetzt zu haben.

 

Norman Finkelstein:

Nichts was er (Peres) sagt, beschädigt sein Image! Das ist eine Eigenschaft der Macht: Nichts bleibt  kleben. Alles, was er (Peres) von sich gibt - er nannte Goldstone einen "kleinen Mann, der die Jurisprudenz nicht wirklich begriffen" habe, und er sagte, die (israelischen) Marinekommandos seien angegriffen worden, weil sie so human gewesen seien. Dennoch ändert sich nichts. Er wird zum Ritter geschlagen und erhält Friedenspreise - niemanden schert's.

 

NLP:

Würden Sie sagen, dass es innerhalb des israelischen Mainstream Unterschiede gibt?

 

Norman Finkelstein:

Nein.

 

NLP:

Tzipi Livni?

 

Norman Finkelstein:

Sie war Diejenige, die sagte: Israel hat in Gaza "echten Hooliganismus demonstriert", weil "ich es verlangt habe", und ich bin "stolz" darauf. Sie ist ekelhaft.

 

Man muss für sich selbst eine strategische Entscheidung treffen: Worauf will ich meine Energie und meine Anstrengungen konzentrieren? Daher halte ich es für reine Zeitverschwendung, sich mit der Macht zu befassen. Wir haben keine Kontrolle über diese Leute, das heißt, nur insoweit wir unsere eigenen Kräfte mobilisieren können, um zu versuchen, jenen unsere Agenda aufzuzwingen. Die Politik, die von einigen linken Elementen betrieben wird, ist Kaffeesatzleserei, nach dem Motto: "Was denkt Barack Obama?" "Was denkt Tzipi Livni?" und zeigt nur deren Impotenz. Menschen, die selbst Kraft haben, machen sich keine Gedanken über das, was die andere 'Seite' womöglich denken könnte. Sie konzentrieren sich darauf, diese Seite dazu zu bringen, das zu denken, was wir wollen, dass sie denken. Daher interessierte es Gandhi auch nie, was die Briten dachten. Gandhi war damit beschäftigt, die Inder zu organisieren. Nur einmal hat er mit den Briten verhandelt. Das war 1932 in London. Und das war's. Seine Wurzeln lagen in Indien. Er versuchte, alle Kräfte Indiens zu organisieren und für seine Sache zu gewinnen, so gut er konnte. Das sollte auch unser Ansatz sein. Es ist der falsche Weg, sich auf Wahlen zu konzentrieren oder auf Obama oder Livni. Das sind ziemlich stabile Elemente der Macht. Nur wenn der Volkswiderstand oder objektive Umstände sie zwingen, werden sie ihren Kurs ändern - in Form leichter Veränderungen ihrer Politik. Ich denke, wir sollten weder Zeit noch Energie auf Entwicklungen dieser Art verschwenden. Wir können keine dieser Entwicklungen irgendwie kontrollieren - nur in dem Maße, in dem wir uns organisieren.

 

NLP:
Themenwechsel: Die Hamas - stellt sie ein Hindernis für den Frieden dar?

 

Norman Finkelstein:

Nun, Sie wissen, dass die Hamas gesagt hat, sie sei bereit, eine (UN-)Resolution über den Konflikt zu akzeptieren, die sich an die Grenzen von 1967 hält. Mehr braucht man von ihnen nicht zu verlangen, das genügt. Das ganze Geschwätz über Anerkennung Israels oder Anerkennung Israels als "jüdischen Staat" ist völlig lächerlich.

 

NLP:

Und was ist mit dem Thema 'palästinensische Flüchtlinge'?

 

Norman Finkelstein:

Die Position der Hamas zu diesem Thema deckt sich mit dem internationalen Recht. Ich bin nicht dogmatisch. Andererseits haben weder ich noch Sie, noch irgendjemand das Recht, den Palästinensern zu sagen: Verzichtet auf eure Rechte. Das Recht auf Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge und nachfolgender Generationen, die ursprüngliche Bindungen zum Land bewahrt haben - so die offizielle Formulierung - dieses Recht ist Bestandteil des internationalen Rechts. Dies ist auch der Standpunkt von Menschenrechtsorganisationen des Mainstreams wie Amnesty International oder Human Rights Watch. Es ist der Standpunkt aller UNO-Mitgliedsstaaten, außer Israel, den USA und einer Hand voll Südseeinseln. Daher haben wir kein Recht, ihnen zu sagen, sie sollen auf ihr Recht verzichten oder die Sache aufgeben. Was wir sagen können, sind drei Dinge:

 

Erstens können wir die Frage stellen: Wie viele Menschen wollen ihr Rückkehrrecht tatsächlich wahrnehmen? Bei palästinensischen Fundamentalisten ist manchmal von 6 Millionen Flüchtlingen die Rede, die angeblich nach Israel zurückkehren werden. Ich glaube nicht, dass 6 Millionen dies wollen oder dass 6 Millionen es tun werden. Ich glaube nicht, dass 6 Millionen derart auf ihr Recht beharren werden. Realistischer Weise wird es sich hauptsächlich um die 200 000 Palästinenser im Libanon handeln - abgesehen von den Palästinensern, die als Flüchtlinge in Gaza und in der Westbank leben. Das Erste, was wir also tun sollten, ist, nicht in Panik zu verfallen, wenn es darum geht, wie die Umsetzung (des Rechts auf Rückkehr) aufzufassen ist.

 

Zweitens sollten wir sagen: Wenn ihr es ernst meint mit der Umsetzung des Rückkehrrechts, dann lautet die Frage: Wie viele Kräfte können wir mobilisieren, um diese Umsetzung Wirklichkeit werden zu lassen? Meiner Meinung nach werden mehr Kräfte nötig sein, um dies umzusetzen, als nötig sein werden, um Israel zum völligen Rückzug (aus den besetzten Gebieten) zu zwingen. Bei Letzterem besteht 'starker internationaler Konsens' - so könnte man sagen. Was das Recht auf Rückkehr angeht, besteht nur ein 'schwacher' internationaler Konsens. Aber bei beiden Themen besteht ein internationaler Konsens, aber der Konsens in Bezug auf das Rückkehrrecht der Flüchtlinge ist schwächer. Um aus einem 'schwachen' Konsens einen 'starken' Konsens zu machen, braucht es Kräfte, und ich weiß nicht, wie viele Kräfte mobilisiert werden können.

 

Dritter Punkt. Die Palästinenser sind vernünftig. Man muss ihnen ein vernünftiges Angebot machen. Dann wird man sehen, wie sie darauf reagieren. Man kann sie nicht zwingen, ihr Recht aufzugeben, aber man kann ihnen sagen, "das ist das Maximum an Kräften, die wir, unserer Ansicht nach, mobilisieren können. Wir können dieses Angebot unterbreiten - wollt ihr es akzeptieren?"

 

NLP:

Sie waren im vergangenen Jahr in Gaza und haben sich mit Hamas-Persönlichkeiten  getroffen. Welchen Eindruck hatten Sie von deren Denken?

 

Norman Finkelstein:

Es ist mir nicht möglich, dazu etwas zu sagen. Sie haben mir zugehört, aber sie haben den Kontakt zu mir nicht aufrechterhalten. Ich bezweifle, ob sie mir getraut haben. Es gab für sie auch keinen Grund, mir zu trauen. Schließlich kennen sie mich nicht. Die Leute, mit denen ich gesprochen haben, machten auf mich einen vernünftigen Eindruck. Ich muss betonen, dass sie vernünftig zu sein "schienen". Schließlich kenne ich sie nicht.

 

NLP:

Die aktuelle Situation in Gaza scheint nicht sehr stabil. Glauben Sie, dass am Horizont schon wieder eine neue Runde der Gewalt droht?

 

Norman Finkelstein:

Nein. Ich glaube, dass Israel derzeit nicht darauf vorbereitet ist, massiv Gewalt auszuüben. Israel sollte sich genau überlegen, was es tut. Nach mehreren gescheiterten Operationen hintereinander, sollte es sich genau überlegen, wie es weiter verfahren will. Kurzfristig gesehen gehe ich von keinem Krieg aus. Der größte Verlierer ist offensichtlich die PA - die so genannte "Palästinenserbehörde". Die PA wird sich wohl auf eine Art Regierung der nationalen Einheit einlassen müssen, da sie den Bach runtergeht. Es wird der Hamas möglich sein, die meisten Bedingungen dieser Einheitsregierung zu bestimmen.

 

NLP:

"Kollaboriert" die PA bzw. die Führung der Fatah tatsächlich mit der Besatzung, wie manche Kritiker behaupten? Und falls ja, warum?

 

Norman Finkelstein:

Sie sind Kollaborateure. Zunächst einmal ist es erstaunlich, dass die Leute glauben, Kollaborateure würden durch die Gegend rennen und rufen: "Ich bin ein Kollaborateur!" In Wirklichkeit bekennen sich Kollaborateure nie formal dazu. Selbst, wenn man sich Leute wie den Häuptling der Transkei, Matanzima, anschaut... Die Transkei war  damals ja eines der ersten so genannten 'Bantustans', das von Südafrika formal als Staat anerkannt wurde. Hin und wieder hielt Matanzima eine feurige Rede, in der er Südafrika verurteilte und sagte, er würde ganz Südafrika befreien. Das galt übrigens in noch größerem Maße in Bezug auf Chief Buthelezi, den Häuptling der Inkatha. Es ist immer das Gleiche: In schöner Regelmäßigkeit - einmal im Monat - tritt ein Typ namens Saeb Erekat vor und sagt: "In drei Monaten werden wir einen Staat haben". Das ist so ein aufgeblasener Idiot! Im Grunde spielen sie in der Westbank die Polizei für Israel. Über (den palästinensischen Ministerpräsidenten) Fayyad urteilen die Leute weniger hart. Mein Freund Mouin Rabbani, dessen Urteil ich respektiere, sagt, Fayyad sei ein Nationalist. Mouin sagt aber auch, dass Fayyads Strategie zwar zu Nichts führen werde, doch Fayyad handle nicht in dieser Weise, weil er korrupt sei. Ich beuge mich Mouins Urteil - denn er kennt Fayyad und war dort.

Abbas, andererseits, ist hirntot. Auf dem Höhepunkt seiner geistigen Leistungsfähigkeit verfasste er eine Doktorarbeit, in der er den Holocaust der Nazis leugnete. Seither ging es mit ihm bergab (lachen).

 

NLP:

Nach dem Flotten-Debakel sagten Sie, der Staat Israel trete in eine Phase des "Wahnsinns" ein.

Was meinten Sie damit?

 

Norman Finkelstein:

Ich glaube, mit dem Flotten(-Angriff) wollten sie eine Operation wie damals das Kommando-Unternehmen in Entebbe wiederholen. Aber in Entebbe ging es um ein entführtes Flugzeug; hier ging es um einen humanitären Konvoi. Die ganze Idee einer bewaffneten Kommando-Operation mitten in der Nacht gegen einen humanitären Konvoi war absolut wahnwitzig.

Sie dachten, sie könnten anschließend prahlen, "wir sind immer noch die Alten". Schließlich handelte es sich um ihre Eliteeinheit, um ihre Marine-Kommandos. Sowohl Netanjahu als auch Barak waren ja früher in Kommando-Einheiten. Barak war eine Zeitlang Netanjahus Kommandeur. Das war in den frühen 70gern, als sie im gleichen Kommando-Team waren. Sie führten einige gemeinsame Operationen durch - zum Beispiel 1972. Benjamin Netanjahus Bruder leitete damals die Kommando-Operation in Entebbe. Er war der einzige (Israeli), der dabei getötet wurde. Auch Barak hat seine berühmte Heldenstory: Er verkleidete sich als Frau, um im Libanon hochrangige PLO-Mitglieder zu töten.

 

Also dachten sie, nach all den gescheiterten Operationen - die Krönung war die gescheiterte Aktion in Dubai (Ermordung eines Hamas-Waffeneinkäufers, vermutlich durch Mossad-Agenten - Anmerkung d. Übersetzerin) - könnten sie das Image Israels durch diesen Kommando-Überfall wieder aufpolieren. Aber das war total verrückt - ganz abgesehen davon, dass es wieder in die Hose ging.

 

NLP:

Das Massaker in Gaza ist nun über ein Jahr her. Wie geht es derzeit mit dem Goldstone-Report voran?

 

Norman Finkelstein:

Der hat sich erledigt. Das Thema 'Flotte' ist an dessen Stelle gerückt. Der große Verlierer des Blutbads an Bord der Flotte war die PA und der große Gewinner Richard Goldstone. Ihm wurde eine Last abgenommen! Schon seltsam. Seit anderthalb Jahren sagt Israel: "Wir müssen diesen Goldstone-Report loswerden!". Nun sind sie ihn losgeworden - aber nicht ganz so, wie sie es wollten. Hätte Netanjahu auch nur einen Funken Verstand, würde er sagen: "Was meinen Sie mit "keine Fortschritte"? Ich bin schließlich den Goldstone-Report losgeworden".

 

NLP:

Zum Schluss noch eine Frage: Arbeiten Sie im Moment an irgendwelchen Projekten, von dem Sie uns erzählen mögen?

 

Norman Finkelstein:

Nein. Ich will beweisen, dass e=mc ist... und die Wurzel von.... (Lachen) Ich arbeite an einigen kleineren Sachen - sehr bescheidene Projekte. Ich versuche einfach, einige Dinge richtig zu stellen und in einem winzig, winzig kleinen Winkel dieser Welt, der Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen.

 

 

Anmerkung d. Übersetzerin:

 

- Die Übersetzung von Teil 1 dieses Interviews des britischen 'New Left Project' (NLP) mit Norman Finkelstein finden Sie unter http://www.zmag.de/artikel/hilf-dir-selbst-dann-hilft-dir-gott-teil-1

 

- Die Links zu (1) - (6) in diesem Text finden Sie auf der Orginialseite (auf Englisch)

Übersetzt von: Andrea Noll
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