Historiker Howard Zinn im Alter von 87 Jahren gestorben
von Associated Press
28.01.2010 — AP
Howard Zinn war Autor, Lehrer und ein politischer Aktivist. Sein Buch 'A People's History of the United States'* (Eine Geschichte des amerikanischen Volkes’) wurde millionenfach verkauft. Es ist eine linke Alternative zu den gängigen Texten zu diesem Thema. Zinn wohnte in Auburndale/Massachussetts. Er starb am Mittwoch in Santa Monica/Kalifornien. Er wurde 87 Jahre alt.
Todesursache war ein Herzanfall - wie seine Tochter, Myla Kabat-Zinn, mitteilt.
'A People's History...' wurde 1980 ohne große Werbung veröffentlicht. Die erste Auflage betrug 5000 Stück. Das Buch wurde zu einem echten Volks-Bestseller. Durch Mund-zu-Mund-Propaganda erfuhren viele von ihm, so dass es ein großes Publikum erreichen konnte. Bis 2003 wurden 1 Million Exemplare verkauft. Obwohl Prof. Zinn für eine breite Leserschaft geschrieben hatte, wurde sein Buch auch an weiterführenden Schulen und Colleges in ganz Amerika benutzt. Zahlreiche Begleitbücher zu 'A People's History...' sind erschienen - wie 'Voices of a People's History'*, ein Band, der vor allem junge Leser ansprechen sollte sowie ein bebildeter Band.
'A People's History...' vermittelt eine offen linke Auslegung von Geschichte. Professor Zinn beschuldigt darin Christopher Columbus und andere Entdecker des Genozids. Er zerpflückt die Biografien (amerikanischer) Präsidenten - von Andrew Jackson bis Franklin D. Roosevelt. Er feiert Arbeiter, Feministinnen und Kriegsgegner.
Selbst liberale Historiker taten sich schwer mit Prof. Zinn, der viele Jahre an der Universität von Boston lehrte. Arthur M. Schlesinger Jr. sagte einmal: "Ich weiß, er sieht in mir einen gefährlichen Reaktionär. (Und) ich nehme ihn nicht sehr ernst. Er ist ein Polemiker, kein Historiker".
In einem Interview, das Prof. Zinn 1998 mit Associated Press führte, sagte er, er versuche nicht, die Geschichte objektiv oder abschließend niederzuschreiben. Sein Buch nannte er eine Reaktion auf traditionelle Werke. Es sei das erste - nicht das letzte - Kapitel einer neuen Art von Geschichte.
"So etwas wie die ganze Geschichte gibt es nicht; alle Geschichte ist unvollständig", sagte Prof. Zinn. "Mir kam (damals) die Idee, dass der orthodoxe Standpunkt schon tausendfach wiederholt worden ist", sagte er.
Sein Buch 'A People's History...' hat viele Bewunderer gefunden - wie beispielsweise die Schauspieler Matt Damon und Ben Affleck. Beide wuchsen in der Nachbarschaft von Prof. Zinn auf und waren mit der Familie befreundet. In ihrem Film 'Good Will Hunting' gibt es einen Hinweis auf sein Buch.
Auch (der Regisseur) Oliver Stone ist ein Fan, ebenso Bruce Springsteen. Zu Springsteens düsterem Album 'Nebraska' wurde er teilweise durch Howard Zinns Buch inspiriert. 2007 erschien eine Dokumentation - auf Grundlage des Buches. Sie trug den Titel:' Profit Motive and the Whispering Wind'. (...)
Prof. Zinn war eine eindrucksvolle Erscheinung. Er war groß und hatte wildes, gewelltes Haar.
Er war ein erfahrener öffentlicher Redner. Zinn war bescheiden und engagiert. Es lag ihm mehr daran, die Leute zu überzeugen, als zu streiten.
Howard Zinn wurde 1922 in New York geboren - als Sohn jüdischer Einwanderer. Er wuchs in einer heruntergekommenen Gegend von Brooklyn auf und war sehr beeindruckt von den Erzählungen von Charles Dickens. Mit 17 drängten ihn einige junge Kommunisten aus der Nachbarschaft, an einer politischen Kundgebung auf dem Times Square teilzunehmen.
"Plötzlich hörte ich den Sirenenlärm. Ich blickte mich um und sah Polizisten auf Pferden, die in die Menge hinein galoppierten und Menschen verprügelten", so Zinn gegenüber AP. "Ich konnte es nicht fassen".
"Und dann wurde ich getroffen. Ich drehte mich um und wurde bewusstlos geschlagen. Zwischendurch wachte ich immer wieder auf. Ich lag in einem Durchgang. Der Times Square hatte sich wieder beruhigt und lag heiter da, fast wie im Traum - als ob nichts passiert wäre. Ich hatte eine furchtbare Wut".
Seine nächste Lektion war der Krieg. Er wollte mithelfen, die Nazis auszulöschen, und meldete sich voller Leidenschaft. 1943 trat er dem Fliegerkorps der Armee (Army Air Corps) bei. Zinn ging so weit, die örtliche Einberufungsstelle davon zu überzeugen, dass er sich seine Einberufung selber zuschicken durfte. Er flog Einsätze in ganz Europa und bekam die Air Medal verliehen. Doch Zinn begann sich Fragen nach dem Sinn zu stellen. Wieder zu Hause angekommen, nahm er alle seine Orden und Papiere und steckte sie in einen Ordner mit der Aufschrift: 'Nie wieder'.
Howard Zinn studierte an der New York University und an der Columbia University, wo er einen Doktor in Geschichte machte. 1956 wurde ihm am Spelman College die Leitung des Fachbereichs für Geschichte und Sozialwissenschaften angeboten. Das Spelman war ein College ausschließlich für schwarze Frauen. Es lag in Atlanta, wo damals noch Rassentrennung herrschte.
In der Zeit der Bürgerrechtsbewegung ermutigte Prof. Zinn seine Studentinnen, in den rassengetrennten öffentlichen Büchereien nach Büchern zu fragen, die sie ausleihen wollten. Er half bei der Koordinierung von Sit-ins in den Innenstadt-Cafeterias. Er veröffentlichte mehrere Artikel. In einem davon griff er die Kennedy-Regierung außergewöhnlich scharf an. Er warf ihr vor, bei der Verteidigung der Schwarzen zu langsam zu verfahren.
Seine Studierenden liebten in. Eine davon war Alice Walker, die später 'Die Farbe Lila' schrieb. Die Leitung seines Colleges liebte ihn weniger. 1963 feuerte ihn das Spelman-College wegen "Insubordination" (er hatte kritisiert, dass sich das College nicht an der Bürgerrechtsbewegung beteiligte). Die Jahre, die Prof. Zinn danach an der Boston University verbrachte, waren geprägt durch seinen Widerstand gegen den Vietnamkrieg und durch Streitigkeiten mit dem Universitätspräsidenten John Silber.
1988 emeritierte Professor Zinn. Seinen letzten Arbeitstag verbrachte er als Streikposten bei seinen Studierenden, die einen Streik der Krankenschwestern auf dem Campus unterstützten. Auch nach dieser Zeit hielt Howard Zinn weiter Vorträge an Schulen und beteiligte sich an Kundgebungen und Streiks.
Neben 'A People's History..' sind zahlreiche weitere Bücher von ihm erschienen.*
2004 erschien eine Dokumentation über Zinn unter dem Titel: 'Can't Be Neutral on a Moving Train' (nach Zinns gleichnamigem Buch gegen den Krieg). Der Schauspieler Matt Damon übernahm die Sprecherrolle bei dieser Dokumentation.
Howard Zinn hat außerdem drei Bühnenstücke verfasst.
2008 starb seine Frau und langjährige Mitarbeiterin Roslyn, mit der Zinn zwei gemeinsame Kinder hat - Myla und Jeff.
Einer der letzten veröffentlichten Artikel von Prof. Zinn erschien in diesem Monat in The Nation. Es ist ein kurzes Essay**, in dem es um das erste Jahr der Obama-Administration geht.
"Ich habe wirklich hart nach einem Highlight gesucht", schreibt er darin. Er fügt hinzu, dass er nicht enttäuscht sei, da er nie viel von diesem Präsidenten erwartet habe.
"Ich denke, die Leute sind von Obamas Rhetorik geblendet", schreibt er, "die Leute sollten anfangen, zu begreifen, dass Obama ein mittelmäßiger Präsident sein wird - was in heutiger Zeit bedeutet, ein gefährlicher (Präsident) -, es sei denn, es wird eine nationale Bewegung geben, die ihn in eine bessere Richtung drängen wird".
Anmerkung d. Übersetzerin:
*Lebenslauf und Bibliografie seiner Werke (von denen viele auf Deutsch übersetzt sind) finden Sie unter de.wikipedia.org/wiki/Howard_Zinn
**The Nation
Twitter
RSS Feed
