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Howard Zinn: Ein einziger langer Kampf für Gerechtigkeit

Das letzte Radio-Interview mit Howard Zinn

von Howard Zinn

19.04.2010 — ZCommunications

Das letzte Radio-Interview mit dem Historiker Howard Zinn wurde am 19. Januar 2010 gesendet.

Das Interview führte Bill Bigelow

ZNet vom 19. April 2010

2008 taten sich die Organisation Rethinking Schools, eine Reformschulbewegung in den USA und die Washingtoner Nonprofit-Organisation Teaching for Change zusammen, um das Zinn Education Project aufzubauen. Ziel dieses Projektes ist es, darauf hinzuwirken, dass die Geschichte des amerikanischen Volkes in allen Mittelschulen und Highschools der USA auf den Lehrplan kommt. Vor kurzem richtete das Zinn-Projekt eine neue Webseite ein (www.zinneducationproject.org), von der Sie über 75 Lehrtexte herunterladen können. Die meisten dieser Essays stammen aus den Archiven des Magazins von Rethinking Schools. Die Seite bietet Hunderte von Quellen, die für den Unterricht empfohlen werden, wie Bücher, Lehrpläne oder audiovisuelles Material.

Anfang Januar kooperierte das Zinn Education Project mit dem Verlag HarperCollin, der Zinns Klassiker 'A People's History of the United States' herausgegeben hatte, um ein Online-Radio-Interview ('Ask Howard') mit Howard Zinn zu finanzieren. LehrerInnen aus ganz Amerika wurden eingeladen, daran mitzuwirken. 60 LehrerInnen und SchülerInnnen legten Prof. Zinn schließlich ihre schriftlichen Fragen vor. Das Interview (das am 19. Januar gesendet wurde) führte Bill Bigelow. Er ist der Lehrplan-Redakteur der Rethinking Schools. Es war das letzte Interview mit Howard Zinn, das ausgestrahlt wurde. 8 Tage später verstarb er in Kalifornien.

Es ist uns eine Ehre, Auszüge aus diesem Interview zu veröffentlichen. Die vorliegende Version wurde redaktionell bearbeitet (Länge und Klarheit).

Die vollständige Audioversion des Interviews finden Sie unter www.zinnedproject.org

Die Herausgeber

Bill Bigelow: Howard, danke, dass Sie sich bereitgefunden haben, auf die Fragen der LehrerInnen zu antworten, die gerne wissen wollen, wie sie die Geschichte unseres Volkes vermitteln sollen.

Howard Zinn: Wie hätte ich da nein sagen können?

Angesichts der furchtbaren Ereignisse in der vergangenen Woche, möchte ich allerdings mit dem Thema Haiti beginnen. Vor kurzem war Randall Robinson, der Gründer des 'TransAfrica Forum' (zu Gast) bei Democracy Now!. Er sagte, dass sich "dem amerikanischen Volk" nun Gelegenheit biete, "endlich die volle Wahrheit über Haiti und unsere Beziehung zu Haiti zu erfahren". Was bedeutet das für unsere GeschichtslehrerInnen? Was sollten wir den SchülerInnen lehren, damit sie begreifen, was heute passiert? Wie können wir ihnen dabei helfen?

Das Erste, was wir erkennen sollten, ist, dass wir durch das amerikanische Bildungssystem nichts über Haiti lernen - und das ist schon bemerkenswert. Denken wir daran, wie wichtig Haiti ist, wie nahe wir uns als Nachbarn sind. Auf Haiti fand - nach der Amerikanischen Revolution - der erste Unabhängigkeitskrieg in dieser Hemisphäre statt. Haiti wurde eine unabhängige Republik. Angeregt durch die Französische Revolution hatte es gegen das napoleonische Frankreich gekämpft und seine Unabhängigkeit erstritten. Das war schon bemerkenswert.

Als Erstes sollten die Leute Folgendes wissen - denn es war ein Vorbote dessen, was sich in den kommenden Jahrhunderten ereignete: Die Vereinigten Staaten - und das ist ziemlich interessant - die Vereinigten Staaten, die gerade ihre eigene Revolution hinter sich hatten, weigerten sich damals, den unabhängigen Staat Haiti anzuerkennen, sie weigerten sich, das revolutionäre Regime auf Haiti anzuerkennen. Seit jener Zeit ist das Verhältnis der USA zu Haiti geprägt durch Bevormundung, Imperialismus und Vernachlässigung. Wir wurden zum reichsten Land der Hemisphäre, Haiti zum ärmsten Land der Hemisphäre. Die USA tun nichts gegen diese Armut und nichts, um den Menschen auf Haiti zu helfen. Im Grunde ist das Gegenteil der Fall. Nach dem Zweiten Weltkrieg hielten sie das brutale Militärregime, die Duvalier-Regierung, am Laufen und unterstützten sie. Dem ersten vom Volke gewählten Präsidenten Haitis, (Jean-Bertrand) Aristide, stehen sie feindlich gegenüber. Im Grunde haben die USA ein Embargo gegen Haiti verhängt, das dafür gesorgt hat, dass das Land arm geblieben ist. In den vergangenen Jahren hat der IWF (Internationale Währungsfonds) - der vor allem eine Kreatur der USA ist -, die Situation der haitianischen Landwirtschaft ruinös beeinflusst. (Der IWF) verhinderte, dass sie (die Haitianer) ihre Nahrung und ihren Zucker selbst anbauen konnten und bestand darauf, dass sie das alles im Ausland kaufen. Auf diese Weise haben wir dazu beigetragen, Haiti zu ruinieren sowie zu dem Mangel an Möglichkeiten der Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln. Früher wurde dort viel Reis angebaut. Heute bauen sie keinen Reis mehr an, denn man hat sie gezwungen, den Reis im Ausland zu kaufen.

Anders gesagt: Die Leute sollten lernen - die Schüler sollten lernen -, dass die Beziehung zwischen Haiti und den Vereinigten Staaten eine Beziehung zwischen einer unterdrückten Kolonie und einer Imperialmacht war und ist. Das ist der Hintergrund, auf dem sich die heutigen Geschehnisse abspielen.

Das erinnert mich an einen Ihrer Artikel: 'Empire or Humanity: What the Classrom Didn't Teach Me About the American Empire': Die Schüler haben nicht die Möglichkeit, Haiti in das grobe Raster der US-Interventionen - überall auf der Welt - einzuordnen.

Ja. Machen wir uns klar: Woodrow Wilson wird als einer unserer größten Präsidenten erachtet. Man bezeichnet ihn als Idealisten, der dazu beigetragen habe, den 'Völkerbund' und so weiter zu gründen - für selbstbestimmte Nationen. Allerdings wollte er keine Selbstbestimmung für die Haitianer. 1915 entsandte er Streitkräfte, um eine Rebellion auf Haiti niederzuschlagen, so dass die USA weiter die Kontrolle über das Land behielten. Es war eine sehr lange Besatzungszeit - von 1915 bis 1934. Noch einmal: Unsere Beziehung zu Haiti ist gekennzeichnet durch enorme Brutalität und Ungerechtigkeit. Das ist der Hintergrund der aktuellen Geschehnisse.

Was nicht auf dem Lehrplan steht

Da Sie gerade von Woodrow Wilson sprechen. Es gibt ein Lehrbuch zur Geschichte, das in den öffentlichen Highschools von Portland eingeführt wurde ('History Alive!:Pursuing American Ideals', Copyright 2008). Es umfasst 900 Seiten. Haiti wird darin ganze drei Mal erwähnt. Die erste Erwähnung findet sich in einem Abschnitt mit der Überschrift: 'Wilson Champions Democracy Around the Globe' (Wilson setzt sich rund um den Globus für die Demokratie ein). Dort steht: Wilsons "Prinzipien wurden durch weitere Unruhen in Lateinamerika auf die Probe gestellt. Als 1915 eine Revolte auf Haiti ausbrach, fühlte er sich veranlasst, die Marines zu entsenden, um das Leben von Amerikanern und amerikanischen Investitionen zu schützen". Das ist die ganze Erklärung, die den Schülern zum Einmarsch der USA (1915) und der anschließenden Besatzung gegeben wird. Und das bringt mich zu der Frage von Robert Roth. Er ist Geschichtslehrer an der Mission High School von San Francisco. Allerdings stellte er seine Frage noch vor dem Erdbeben. Robert will wissen, warum so wenig über Haiti in den Geschichtsbüchern steht - selbst in progressiven Texten.

Es ist ein kleines Land und ein armes Land. Es teilt das Schicksal so vieler Ort dieser Welt, die - selbst in der progressiven Bewegung - als nicht so wichtig gelten. Irgendwie scheint Haiti von der Weltkarte verschwunden zu sein. Es ist unter Progressiven sehr verbreitet, sich auf bestimmte, äußert wichtige Themen zu stürzen und andere Themen zu vernachlässigen. Die kommen einfach zu kurz.

Ich will Ihnen ein Beispiel nennen, das allerdings ein wenig anders gelagert ist. Hier, in den USA, liegt unser Schwerpunkt auf der Außen- und Innenpolitik - aber niemand schert sich heute um das Leid der Häftlinge in den USA. Wir haben in Amerika 2 Millionen Gefängnisinsassen. Übrigens - das ist schon eine kleine Nation. Sie sind unsichtbar. Auch gewisse Regionen dieser Welt und ein Teil der Menschheit sind unsichtbar.

Lange war Afrika unsichtbar - und dort lebten immerhin mehrere hundert Millionen Menschen. Auch weite Teile Lateinamerikas sind nach wie vor unsichtbar. Unsere Geschichte und was darüber gelehrt wird (ich denke, die Lehrer werden mir das bestätigen (falls nicht und sich etwas geändert haben sollte, lassen Sie es mich wissen)); also unsere Geschichte handelt größtenteils von Westeuropa. Es ist die Geschichte Europas. Erst in den letzten Jahrzehnten - mit dem Aufstieg der Bewegungen in der 'Dritten Welt' - hat man plötzlich angefangen, Kurse über Weltgeschichte zu geben. Doch Europa stand und steht immer im Zentrum unserer Aufmerksamkeit - sobald wir über den amerikanischen Tellerrand hinausblicken. Und es stimmt wohl, dass wir nicht allzu oft über diesen Tellerrand hinausgeblickt haben.

Verschwiegene Geschichte

Howard, Sie haben die Stille angesprochen - rund um das US-Imperium und dessen Beziehungen zu den kleinen Staaten. Sie haben erwähnt, dass in den Lehrplänen nichts darüber steht und dass Progressive bei Themen wie 'Gefängnisinsassen' stillschweigen. Was für totgeschwiegene Themen gibt es noch - in der offiziellen Geschichte, in der offiziellen Version, wie sie in den aktuellen Lehrplänen steht?

Ich denke, Immigration und wie Immigranten behandelt werden, ist eines dieser ignorierten und vernachlässigten Themen. Sicher, in den vergangenen Jahren war die 'illegale Immigration' ein großes Thema. Doch die Geschichte unseres Landes ist eine Geschichte der Einwanderer. Wäre nur zu wünschen, dass die Geschichte dieser Immigranten tatsächlich ernsthaft gelehrt würde und die Leute erkennen würden, welche Nachteile diese Menschen hatten - wie sie immer irgendwie diskriminiert wurden, weil sie Einwanderer waren (zu allen Zeiten, wann immer sie kamen, in jedem Jahrzehnt). Wenn diese Geschichte der Einwanderer nur bekannt würde, wenn nur bekannt würde, wie man sie als billige Arbeitskräfte behandelt hat - dass es keinen interessierte, wie lange und wie hart sie schuften mussten! Ob nun in Sweatshops, im Bergbau, in einer Mühle oder beim Gleisbau, die üble Behandlung, die arbeitenden Immigranten zuteil wurde, war stets dieselbe - in der gesamten Geschichte Amerikas. Doch dieser Teil der Geschichte bleibt unerwähnt. Würde er erzählt, so denke ich, hätten die Menschen mehr Verständnis für die heutigen Immigranten - vielleicht sogar mehr Mitgefühl für deren Elend.

Die frühen Einflüsse

Wir machen nun einen Schwenk. Ich möchte nämlich die Frage einer Highschool-Schülerin einflechten. Sie heißt Claudia Aviles und ist Junior-Schülerin am Bronx Center for Science and Mathematics. Howard - zu allererst will sie Ihnen sagen: "Sie sind ein unglaublicher Autor und ziehen mich in die Geschichte hinein". Die junge Frau verfügt also über ein sehr gutes Urteilsvermögen.

Oh, ein sehr gutes, yeah, richtig.

Sie fragt Sie: "Mich würde interessieren, wie Sie als Teenager so waren. Haben Sie Dinge getan, die Sie von Ihren Altersgenossen - in der Schule oder außerhalb - unterschieden?"

Vielleicht habe ich mehr gelesen, und vielleicht war mir die elterliche Armut ein wenig mehr bewusst (als anderen). Meine Eltern waren Einwanderer. Womöglich haben sie in mir das Bewusstsein für Immigranten und deren Probleme gestärkt.

Ich denke, es war das Lesen - aber ebenso mein beginnendes Engagement als Aktivist. Mit 17 begann ich mich zu engagieren und auf Demonstrationen zu gehen und mir anzusehen, wie die Polizei mit Demonstranten umsprang - in einem so genannten freien Land. Ich machte gewisse Erfahrungen. Aber das Lesen würde ich ganz oben auf die Liste stellen. Ich habe noch drei Brüder. Sie haben damals nicht so viel gelesen wie ich. Es sind gute Menschen, aber ich habe mich mehr in Richtung Aktivismus entwickelt.

Glauben Sie, dass Sie in diesen frühen Jahren etwas mitbekommen haben, das Ihren Ansatz, wie Sie Geschichte unterrichten und ihren Aktivismus bis heute beeinflusst?

Ich denke, was ich aus meinen ersten Jahren mitgenommen habe, ist Klassenbewusstsein: Sich bewusst zu machen, dass das Land gespalten ist - in eine kleine Zahl sehr reicher Menschen und die vielen, vielen anderen. Die überwältigende Mehrheit muss wirklich kämpfen. Das gilt nicht nur für Arbeiter und Arme sondern auch für die Mittelschicht, die in wirtschaftlicher Hinsicht keine Absicherung hat. Das wurde mir klar, als ich sah, wie hart meine Eltern schufteten, meine Mutter, mein Vater. Mein Vater war Kellner. Ich konnte sehen, wie hart er arbeitete, wie ihn seine Füße schmerzten, wenn er heim kam. Ich konnte sehen, wie hart meine Mutter arbeitete. Sie musste sich um vier Kinder kümmern. Finanziell kamen sie wirklich auf keinen grünen Zweig und hatten nichts vorzuweisen. Sie mussten kämpfen. Ich wusste, dass es in diesem Land Menschen gab - eine kleine Anzahl - die Multimillionäre waren. Ich konnte mir nicht vorstellen, was sie taten, ob sie arbeiteten oder in irgendeiner Form einen gesellschaftlichen Beitrag leisteten. Sehr früh wurde mir bewusst, dass wir in diesem Land eine Klassengesellschaft haben.

Sie haben vorhin darüber gesprochen, warum ich mich irgendwie anders entwickelt habe. In den USA machen wir uns nicht klar, dass wir in einer Klassengesellschaft leben. Wir tun so, als wären wir alle eine große, glückliche Familie. Unsere Verfassung - die Präambel unserer Verfassung - beginnt mit den Worten: "Wir, das Volk der Vereinigten...." - als ob das Volk die Verfassung verfasst hätte. Das war durchaus nicht der Fall, denn wir waren - vor, während und nach der Revolution - ein in Klassen geteiltes Land. Die Verfassung wurde nicht von uns, "dem Volk" angenommen. Sie wurde von 55 reichen, weißen Männern akzeptiert, die 1787 in Philadelphia zusammenkamen.

Daher habe ich schon früh ein Klassenbewusstsein entwickelt, das mich mein Leben lang begleitet hat. Zudem war mir bewusst, dass es immer Menschen gibt, die wir nicht sehen, Menschen, die wir nicht beachten. Selbst als ich noch College-Professor war, wurde mir bewusst, dass es Leute gibt, die unsere Büros sauber machen. Wissen Sie, es sind diese Leute in den Gebäuden und auf den Plätzen. Wir nehmen ihre Gegenwart kaum wahr, doch ich sah... ich denke, ich habe mir die Tatsache bewusst gemacht, dass es immer Leute gibt, die sehr hart arbeiten und für uns unsichtbar sind.

Leider sind sie auch in den Lehrplänen unsichtbar. Über die soziale Klassenzugehörigkeit spricht man nicht - wie Sie vorhin schon sagten.

Ja. Auch die Arbeitergewerkschaften sind etwas Unsichtbares. An diesem Punkt könnten mich die Lehrer vielleicht aufklären, wie viel man heute in den USA über die Geschichte der Kämpfe der Arbeiterbewegung lehrt? Bill, du fragst nach dem Unsichtbaren und den Unsichtbaren (Menschengruppen) in der Geschichten Amerikas. Ich habe (in meiner Schulzeit) sehr wenig über die Kämpfe der Arbeiter gelernt, über die Streiks und die arbeitende Bevölkerung. In diesem Land fanden einige der dramatischsten, der militantesten und brutalsten Arbeitskämpfe der Welt statt. Ich ging aufs College, auf die Universität. Danach machte ich meinen Doktor in Geschichte - meinen Ph.D in Geschichte, und trotzdem... In der Geschichte der Arbeiterbewegung ist so Unglaubliches passiert, über das ich (während meiner Studienzeit) nichts erfahren habe. So lernte ich zum Beispiel nichts über das Ludlow-Massaker von 1930 oder über den Bergarbeiterstreiks im Kohlebergbau in Colorado. Ich lernte nichts über den Lawrence-Textilarbeiterstreik in Massachusetts von 1912. Ich lernte nichts über Mother Jones, über Big Bill Haywood oder Emma Goldman. Vielleicht lernt man heute etwas mehr darüber, ich weiß es nicht.

Nein, ich glaube nicht - zumindest steht es nicht auf dem offiziellen Lehrplan. Das war einer der Gründe, weshalb wir das Zinn Education Project gegründet haben - um Lehrern im ganzen Land Alternativen anbieten zu können zu der offiziellen Version in den Geschichtsbüchern. In diesen Büchern werden Kämpfe dieser Art heute wahrscheinlich noch genauso verschwiegen, wie zu der Zeit, als ich angefangen habe, zu unterrichten. Vielleicht werden sie sogar noch mehr totgeschwiegen, denn heute scheint eine Hand voll gigantischer multinationaler Unternehmen zu bestimmen, was in die Lehrpläne kommt.

Die Mutlosigkeit überwinden

Hier eine Frage, die immer wieder - in verschiedener Form - auftaucht. Helen Dufy stellt sie. Helen unterrichtet eine 6. Klasse. Sie lebt in Oakland, Kalifornien und schreibt: "Ich habe Angst, dass meine Sechstklässler, wenn sie all die überwältigenden Probleme sehen - vor allem die globale Erwärmung und wie wenig die verantwortlichen Erwachsenen sich um Abhilfe bemühen -, mutlos werden, noch bevor sie selbst etwas tun können. Irgendein Rat hierzu?"

Das ist wirklich eine wichtige Frage, weil wir alle wissen, was Entmutigung heißt. Wir alle sind schon entmutigt worden. Wenn du dich umschaust in der Welt, wenn du die Kriege siehst, die weitergehen, wenn du siehst, was mit der Umwelt passiert, wenn du siehst, wie wenig unternommen wird, um den Krieg zu stoppen, wie wenig getan wird, um den Armen zu helfen, verlierst du leicht den Mut. Wir sehen die Situation auf Haiti, wir sehen, dass zu wenig unternommen wird, um den Menschen auf Haiti zu helfen. Du siehst das alles und - ja - du verlierst den Mut.

Der Grund, weshalb die Mutlosigkeit bei mir nicht zum Dauerzustand wird, ist meine Beschäftigung mit der Geschichte, mit vergangenen Zeiten, als die Leute auch entmutigt waren - angesichts bestimmter sozialer Phänomene. Doch sie ließen sich nicht hängen oder wurden passiv, weil sie ja entmutigt waren. Stattdessen handelten sie - selbst wenn sie nicht sicher sein konnten, dass ihre Aktionen zu einem Resultat führen würden. Sie handelten und handelten und handelten, und nichts geschah. Es wäre sehr leicht gewesen, einfach aufzugeben.

Es gibt bestimmte Punkte in der Geschichte, an denen die Menschen nicht aufgegeben haben, selbst wenn sie entmutigt waren. Und wenn Menschen nicht aufgegeben haben, wenn sie ihrer Sache treu geblieben sind, wenn sie sich mit anderen zusammenschlossen, wenn sie eine Bewegung aufbauten, dann änderten sich die Dinge. Es gibt so viele geschichtliche Ereignisse, auf die das zutrifft. Das ist der Punkt, an dem Geschichte wichtig wird - denn wenn man sich nicht mit Geschichte befasst, wenn man nur auf die aktuelle Situation fixiert ist, kann man sehr mutlos werden. Aber wenn man auf die Geschichte zurückblickt, wenn man sich auf andere Zeiten besinnt, in denen die Menschen auch entmutigt waren und wenn einem klar wird, dass viele dieser Menschen nicht zuließen, dass ihre Mutlosigkeit sie lahmlegte oder davon abhielt, etwas zu tun, (dann erkennt man) dass sie sehr häufig Dinge taten, von denen sie nie geglaubt hätten, dass sie sie erfolgreich tun könnten.

Die Geschichte des Widerstands

Ich denke da an die Bewegung gegen die Sklaverei. In den 30ger Jahren des 19. Jahrhunderts schien dies eine hoffnungslose Sache zu sein. Doch es gab eine kleine Gruppe, die sich gegen die Sklaverei wandte - ein paar Weiße, Schwarze und entflohene Sklaven. Es war eine kleine Bewegung. Im Grunde stießen sie nicht nur im Süden auf Widerstand. Auch im Norden gab es Weiße, die gegen sie waren. Doch sie machten weiter mit ihrer Bewegung gegen die Sklaverei. Sie weigerten sich, das Handtuch zu werfen, und die Bewegung wuchs. Die Bewegung wuchs, weil diese Leute, so klein die Gruppe auch war, ein moralisches Prinzip repräsentierten. Mit der Zeit erkannten auch andere, dass dieses Prinzip absolut richtig war. Und weitere Menschen erkannten, dass die Sklaverei falsch war.

Die Bewegung musste dreißig Jahre der Entmutigung erdulden. Doch sie wuchs und wuchs und wuchs. In den 60ger Jahren des 19. Jahrhunderts war sie stark genug und nicht mehr zu ignorieren. Lincoln konnte sie nicht ignorieren. Der Kongress konnte sie nicht ignorieren. Warum haben wir heute die 'Emancipation Proclamation' und den 13., 14. bzw. 15. Verfassungszusatz? Weil diese Bewegung so stark war, dass sie den Kongress und den Präsidenten davon überzeugen konnte, dass sie handeln mussten.

Doch am Anfang steht die Mutlosigkeit. Das zieht sich durch die gesamte amerikanische Geschichte. Arbeiter mit einem 12-Stunden-Tag, die ihren Arbeitgebern und den allgewaltigen Konzernen hilflos gegenüberstanden... Wie sollten sie ihre Situation ändern? Die Arbeiter waren sehr entmutigt - bis sie begannen, sich zu organisieren, bis sie begannen, Gewerkschaften zu gründen, bis sie streikten. Da wurde ihnen bewusst: "Oh, wir besitzen eine Macht, von der wir nichts wussten". Und was passierte? Die Arbeiterbewegung entstand. Sehr lange musste sie Enttäuschungen hinnehmen. Wie lange hat es gedauert, bis der 8-Stunden-Tag eingeführt wurde? Jahre - viele Jahre der Enttäuschung. Aber die Arbeitenden hielten durch. Arbeitergewerkschaften wurden gegründet. Es kam zu Streiks. Und so wurde der 8-Stunden-Tag durchgesetzt. Die Gewerkschaften wurden anerkannt, die Arbeitsbedingungen besserten sich.

Oder schauen Sie sich ein aktuelleres Beispiel an: die Bürgerrechtsbewegung der 60ger Jahre im Süden (der USA). Ich lebte damals im Süden. Nun, Bill, Sie wissen das ja. Von 1956 bis 1963, sieben Jahre lang, lebte und lehrte ich im Süden. Wo wir gerade beim Thema Mutlosigkeit sind; es war dort sehr leicht, entmutigt zu werden. Wenn man sich 1956 oder 1957 im Süden umblickte, sah man, dass dort der absolute Rassismus herrschte. Die Weißen kontrollierten alles, sämtliche politischen Ämter.

Die Rassentrennung im Süden der USA war so engmaschig wie die in Südafrika. Es war leicht, sich entmutigen zu lassen - aber eine kleine Gruppe - Schwarze aus dem Süden, begann zu protestieren und zu rebellieren. Es kam zu Sitins. Es kam zum (Bus-)Boykott in Montgomery, 'freedom rides' genannt, zu Demonstrationen. Das alles wuchs und wuchs und wuchs - bis es zu einer nationale Bewegung wurde. Diese nationale Bewegung war so stark, dass sie Präsident Kennedy und dann Präsident Johnson dazu zwingen konnte, etwas zu unternehmen. Der Kongress musste etwas unternehmen. Langsam bekamen die Schwarzen ihre Wahlrechte. Es war das Ende der offiziellen Rassentrennung im Süden. Wir könnten so weitermachen und auch über andere Bewegungen sprechen. Der entscheidende Punkt ist, dass Bewegungen entmutigt beginnen.

Im Moment ist es sehr entmutigend, zu sehen, wie wenig für die Umwelt getan wird. Doch die Leute, denen die Umwelt wichtig ist, müssen durchhalten. Ich glaube, dass sich immer mehr Menschen darüber klar werden, was dem Planeten angetan wird. Sie sind nicht genug, aber die Leute mit Bewusstsein... wenn sie sich weiter organisieren, wenn sie reden und aufklären, wird die Bewegung anwachsen. Sie wird wachsen, bis zu dem Punkt, an dem die Regierungen - die sich bislang so wenig bemüht haben, etwas für die Umwelt zu tun -, endlich handeln müssen.

Amy Goodman hat einmal gesagt, die Rolle von Journalisten sei es, an Orte zu gehen, über die Stille herrsche (wörtlich: "to go where the silences are"). Ich denke, das gilt auch für LehrerInnen. Sie haben darauf hingewiesen, dass ein Thema, das in den Lehrplänen nicht auftaucht, die sozialen Bewegungen sind und dass wir die SchülerInnen mit der Macht dieser Sozialbewegungen konfrontieren müssen - als Gegenmittel gegen die Verzweiflung und um den Menschen Hoffnung zu vermitteln, bezüglich der Möglichkeiten, die wir haben, wenn wir uns verbünden. Eines wäre vielleicht noch erwähnenswert. Sie haben einmal einen Artikel verfasst, der im Original im 'Progressive' erschienen ist ('Unsung Heroes'). Er steht auch auf der Webseite des Zinn Education Project,. Darin geht es vor allem darum, wie man mit der Verzweiflung von Schülern umgehen sollte.

Wenden wir uns nun einer weiteren Frage zu. Sie kommt von Nick Laskowski. Er unterrichtet eine 8. Klasse in Sozialkunde, Sprachen und Kunst an einer Mittelschule in San Jose, Kalifornien. Nick schreibt: "Wenn man Geschichte unterrichtet - vor allem Kindern - hängt so viel vom Erzählen spannender Geschichten ab. Glauben Sie, wir brauchen einen erzählerischen Hauptstrang, der die vielen faszinierenden Episoden der Geschichte des Volkes zusammenfasst? Falls ja, wie sollte diese Master-Story, diese große Bild, aussehen?"

Das ist ein sehr interessanter Vorschlag, Kommentar, Anstoß. Ich würde die Geschichte des kontinuierlichen Kampfes der Menschen für Gerechtigkeit vorschlagen, den kontinuierlichen Kampf der Menschen für gleiche Rechte, weil das meiner Meinung nach ein Thema ist, das sich durch die ganze Geschichte zieht: Menschen, die für eine bessere Welt eintreten. Ich glaube, alle Informationen, die wir in der Geschichte finden, passen dazu - zu diesem erzählerischen Hauptstrang. Man kann die Geschichte der USA als einen einzigen langen Kampf für Gerechtigkeit sehen - Gerechtigkeit für die Mehrheit des amerikanischen Volkes gegenüber einer kleinen Elite von Sklavenhaltern, Aktienbesitzern und Reichen, die unser politisches System dominierten und ein Monopol auf den Reichtum des Landes haben. Es ist ein einziger langer Kampf der Menschen für ihre Rechte.

Zum Schluss noch die Frage von Nick Schueller: Nick arbeitet gerade - an der University of Wisconsin-La Crosse - an seinem Master-Abschluss in Erziehungswissenschaften. Er wird demnächst SchülerInnen unterrichten. Als künftiger Geschichtslehrer will Nick von Ihnen einen Ratschlag.

Mein Rat an einen künftigen Geschichtslehrer lautet: "Befolgen Sie die Regeln nicht". Lassen Sie sich nicht einschüchtern, wenn man Ihnen sagt, Sie müssten dies und das lehren. Mir ist klar, dass sich Ihnen ein praktisches Problem stellt: Sie wollen nicht schon am nächsten Tag gefeuert werden; es gibt (immer) ein praktisches Problem - mit dem Fachbereichsleiter oder dem Rektor oder dem Superintendenten des Schulkomitees. Das sind praktische Probleme. Aber Sie dürfen sich nicht so davon einschüchtern lassen, dass sie nur noch gewissenhaft spuren: "Oh, Sie müssen dieses Buch benutzen". "Sie müssen den Lehrplan erfüllen". Nein, Sie müssen eine Art Guerillakampf mit dem Establishment führen, bei dem Sie versuchen, nicht gefeuert zu werden.

Das sagt ein Mann, der gefeuert wurde.

Ja. Wenn du kein Risiko eingehst, machst du etwas verkehrt. Du musst etwas riskieren. Du musst dir einen unabhängigen Kopf bewahren. Du musst deinen Schülern Lesematerial an die Hand geben, das sie normalerweise nicht bekommen können. Weichen Sie vom Text ab! Weichen Sie vom Lehrplan ab! Vielleicht sollten Sie gerade so viel mit dem regulären Text und dem Lehrplan arbeiten, um sagen zu können, okay, ich ignoriere es nicht ganz, aber ich führe meine Schüler auf einem unabhängigen Weg entlang.

Unabhängiges Denken - nicht innerhalb des Rahmens denken, den Schulverwaltungen oder Politiker für uns festgesteckt haben. Das ist der wichtigste Ratschlag, den ich einem jungen Lehrer zum Thema Unabhängigkeit, Courage und Risiko mit auf den Weg geben kann.

Bill Bigelow (bill@rethinkingschools.org) Lehrplan-Redakteur der R

Übersetzt von: Andrea Noll
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