Hugo Chavez und die privaten Medien
von Salim Lamrani
25.08.2009 — ZNet
Am 2. August 2009 brachte die Organisation Reporter ohne Grenzen (RWB) eine Erklärung heraus, die die Schließung von “34 Rundfunkmedien, veranlasst durch die Regierung” in Venezuela verurteilte. Die Organisation mit Sitz in Paris “verurteilt die massive Schließung von Rundfunkmedien aufs Schärfste” und fragt: “Ist es überhaupt noch möglich, öffentlich Kritik an Präsident Hugo Chavez’ ‘Bolivarischer’ Regierung zu üben? Diese massive Schließung der hauptsächlich oppositionellen Medien stellt eine Gefahr für die Zukunft der demokratischen Debatte in Venezuela dar und basiert auf dem Bestreben der Regierung, abweichende Meinungen zu unterdrücken. Es wird die sozialen Spannungen weiter verschärfen.” (1)
RWB bezieht sich auf die Entscheidung der Nationalen Telekommunikationskommission von Venezuela (Conatel) vom 1. August 2009, 34 Radio- und Fernsehstationen die Rundfunklizenzen zu entziehen. RWB zufolge liegt diese Entscheidung nur in der Tatsache begründet, dass diese Medienanstalten die Regierung von Hugo Chavez kritisiert haben. Anders gesagt, es sei ein politischer Akt gewesen, um die oppositionelle Presse zum Schweigen zu bringen. Die große Mehrheit der westlichen Medien hat sich dieser Interpretation angeschlossen. (2)
Dies ist jedoch nicht der Fall und RWB und andere multinationale Medienkonzerne haben die Wahrheit sehr sorgfältig verschleiert, um die öffentliche Meinung zu manipulieren und die demokratischste Regierung in Lateinamerika (Hugo Chavez hat 15 Wahlgänge hinter sich, seit er 1998 an die Macht kam und ging aus 14 dieser Wahlen als Sieger hervor. Alle Wahlen wurden von der internationalen Gemeinschaft für ihre Transparenz gelobt) als ein Regime darzustellen, dass das Recht auf Meinungsfreiheit schwerwiegend verletzt.
Tatsächlich hätte jedes Land der Welt in derselben Situation die gleiche Entscheidung wie Conatel getroffen. Mehrere Stationen ignorierten vorsätzlich eine Aufforderung der Kommission, den Status ihrer Lizenz zu bestimmen und auf den aktuellen Stand zu bringen. Nach einer Untersuchung entdeckte Conatel zahlreiche Unregelmäßigkeiten wie bereits verstorbene Lizenznehmer, deren Lizenzen von Dritten benutzt wurden, fehlende Verlängerungen von administrativen Verfahren oder einfach das Fehlen der Sendeerlaubnis. Gemäß venezolanischem Recht, genau wie sonst auf der Welt, verliert eine Sendeanstalt ihr Übertragungsrecht, wenn sie keine fristgerechte Erneuerung ihrer Sendeerlaubnis vornimmt oder ohne Erlaubnis sendet. Das Übertragungsrecht geht dann wieder in den öffentlichen Besitz über. Infolgedessen verloren 34 Stationen, die illegal sendeten, ihre Lizenzen. (3)
Die Entscheidung von Conatel hat sogar, anstatt die Meinungsfreiheit zu beschneiden, einen Zustand der Illegalität aufgehoben und einen Prozess der Demokratisierung des venezolanischen Radioangebots eingeleitet, mit dem Ziel, dieses Angebot der Gemeinschaft zugänglich zu machen. In Wirklichkeit befinden sich 80 Prozent der Radio- und Fernsehstationen Venezuelas in privater Hand. Nur 9% sind öffentlich und der Rest gehört Vereinen oder Gemeinden. Zudem ist die Mehrheit der Privatmedien in Venezuela in der Hand von 32 Familien. (4)
Daraus folgt, das RWB und die westlichen Medien eine Routinemaßnahme von Conatel, um einen Zustand der Illegalität zu beenden, total verzerrt dargestellt haben.
Als Vorgehensweise in Bezug auf Venezuela hat RWB eine unerschütterliche Verteidigung der venezolanischen Opposition gewählt, die für den Coup gegen Chavez im April 2002 verantwortlich war. Die Pariser Organisation erklärte damals ihre sofortige Unterstützung des Coups. RWB tritt besonders für den Pro-Coup-Sender Globovision ein, der von RWB als Symbol der Meinungsfreiheit in Venezuela angesehen wird. (5) Allerdings wird dabei von RWB verschwiegen, dass Globovision zusätzlich zu seiner aktiven Beteiligung am Coup 2002 auch die Sabotage der venezolanischen Ölindustrie im gleichen Jahr unterstützte, Steuerzahler zur Nichtzahlung ihrer Steuern aufrief und einen Aufstand und die Ermordung von Präsident Chavez forderte. (6)
Vor kurzem sprach sich Globovision für die Junta in Honduras aus, die für den Sturz des demokratisch gewählten Präsidenten Jose Manuel Zelaya verantwortlich ist. Der Coup wurde von der internationalen Gemeinschaft einhellig verurteilt. Der Besitzer von Globovision, William Zuloaga Nunez, sprach sich für die Anerkennung der unrechtmäßigen Regierung von Micheletti aus und rief zur gleichen Zeit zum Putsch in Venezuela auf: “Die Regierung von Micheletti stützt sich auf die Verfassung und wir würden uns wünschen, wir würden es sehr begrüßen, wenn die Verfassung in Venezuela in der gleichen Weise respektiert würde, wie es in Honduras der Fall ist.” (7)
RWB verteidigt nicht die Meinungsfreiheit in Venezuela. Es stellt sich vielmehr auf die Seite der Feinde der Demokratie.
Anmerkungen
(1) Reporters Without Borders, «Trente-quatre médias audiovisuels sacrifiés par caprice gouvernemental», 2 August 2009. http://www.rsf.org/Trente-quatre-medias-audiovisuels.html. Reporters Without Borders, "Thirty four broadcast media shut down at government's behest", 2. August 2 2009. http://rsf.org/34-broadcast-media-shut-down-at.html.
(2) Agencia Bolivariana de Noticias, «Productores independientes respaldan suspensión de emisoras radiales ilegales», 4. August 2009.
(3) Fabiola Sánchez, «Radios desafían a Chávez operando por Internet», The Associated Press, 3. August 2009.
(4) Thierry Deronne, «Au Venezuela, la bataille populaire pour démocratiser le ‘latifundio' des ondes», 2. August 2009. Auf Spanisch: La batalla popular para democratizar el latifundio de las ondas; Agencia Bolivariana de Noticias, «Medida de Conatel no afectará libertad de expresión e información en Venezuela», 4. August 2009.
(5) Reporters Without Borders, «Le gouvernement accélère sa croisade contre les médias privés en voulant modifier les lois et les règles», 21. Juli 2009. Reporters Without Borders, "Government steps up hounding of private media through new laws and regulations", 21. Juli 21 2009.
(6) Salim Lamrani, «Reporters sans frontières contre la démocratie vénézuélienne», Voltaire, 2. Juli 2009.
(7) Agencia Bolivariana de Noticias, «Globovisión apoya marcha a favor de gobierno golpista en Honduras», 22. Juli 2009.
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Wenn RWB und westliche Medien sowie Politiker Amtshandlungen im demokratischen Venezuela kritisieren (diffamieren) ist das nahezu ein Qualitätssiegel für deren demokratische Legitimation!
Eine „Voreingenommenheit“ des sog. Westens gegenüber einem astreinen demokratischen Staat kann ich da nicht erkennen, sondern sehe darin vielmehr die gezielten Maßnahmen eines Imperiums und seiner Vasallen einen Dominoeffekt der Demokratisierung im Hinterhof der Supermacht zu verhindern.
Die Supermacht kann es nicht dulden dass seine (bisherigen) Vasallen in Mittel- und Südamerika sich demokratisch legitimierte Regierungen zulegen. Kein Vasall darf sich das erlauben, niemand. Demokratie und Vasallentum schließen sich förmlich aus! Der Vasall hat das zu tun, was die Supermacht anordnet, oder im Idealfall; was der Vasall glaubt was die Supermacht anordnen würde wenn er es dazu kommen lassen würde, dass die ihm erst sagen müsste was er zu tun hat. Vorauseilender Gehorsam a la Germany ist das Schmiermittel in einem gut funktionierenden Herr – Knecht Verhältnis.
Ein Hugo Chaves ist da der gefährliche Sand im Getriebe der die ganze riesige Maschinerie eines Imperiums zum Stillstand bringen kann wenn er nicht umgehend entfernt wird.
Noch mehr Cubas darf es einfach nicht mehr geben.
Vor noch nicht langer Zeit arbeitete man mit dem Gleichnis von den Dominosteinen in solchen Fällen und hatte in meiner Generation großen Erfolg damit. Wir haben das fast alle geglaubt bis wir dann über die Leichenberge nicht mehr drübersehen konnten (Vietnam etc.)
Im Rahmen dieser Dominostein-Theorie wurde damals, unter anderem, die mörderische Allende-Methode angewandt die aber auf die Dauer ebenfalls die ganze Maschine zerstört und sie niemals saniert. Blut als Schmiermittel des Imperiums funktioniert auf Dauer eben nicht.
In Honduras hat Mr. Obama sich nun wieder dieser Allende-Methode bedient (allerdings die Variante ohne Blut, zunächst), ich hoffe er ist klug genug das nicht auch im Falle Venezuela zu wiederholen, auch wenn das sehr effektiv beim Zerschlagen von Demokratien ist. Die Langzeitwirkung ist aber verheerend.
Unser wahrscheinlicher zukünftiger Außenminister und Ersatzkanzler Herr Westerwelle hat sich aber als typischer Liberaler bereits als Fan dieser Methode geoutet! Er hatte vor ein paar Tagen die Demokratiekiller aus Honduras zu Gast! Dieser kommende große Staatsmann hat das System total begriffen, seine Karriere als Supersatrape ist gar nicht mehr aufzuhalten. Ein absolut würdiger Nachfolger seines Parteifreundes Genscher. Die Demokraten in Venezuela müssen sich warm anziehen. Bei uns kann er ja keinen Schaden mehr anrichten!
C. Pichlo