Interview mit der afghanischen Aktivistin Malalai Dschoja
Ich erhebe meine Stimme
von Malalai Dschoja
28.10.2009 — Democracy Now!
Die Demokratieaktivistin, Malalai Dschoja (Joya)*, fürchtet sich - trotz Drohungen - nicht, die US-Besatzung und lokale Kriegsherren herauszufordern.
Zum Thema Afghanistan ist nun auch Malalai Dschoja bei uns, eine der führenden demokratischen Aktivistinnen dort. 2005 wurde sie ins Afghanische Parlament gewählt. Sie war die jüngste Person, die je in das Afghanisches Parlament gewählt wurde. 2007 wurde sie aus dem Parlament verbannt, nachdem sie die Warlords und deren Verbündete in der Regierung angegriffen hatte. Ihre Autobiografie 'A Women Among Warlords: The Extraordinary Story of an Afghan Woman Who Dared to Speak Out' ist soeben erschienen. Ko-Autor ist Derrick O'Keefe.
Amy Goodman: Um mehr über Afghanistan zu erfahren, ist jetzt Malalai Dschoja in unserem Firehouse-Studio. Sie zählt zu den führenden Demokratieaktivisten. 2005 war sie die jüngste Person, die je ins Afghanische Parlament gewählt wurde (..)
Willkommen bei Democracy Now!, Malalai. Wenn in allen US-Medien davon die Rede ist, dass dies "der blutigste Monat des achtjährigen Krieges" sei, wissen Sie natürlich, dass von amerikanischen Soldaten die Rede ist, die in Afghanistan getötet wurden. Wie geht es Ihnen dabei? Wie erfahren Sie, wieviele Afghanen in diesen acht Jahren getötet wurden?
Malalai Dschoja: Nun, zuerst einmal, danke, für das Interview. Zu Beginn möchte ich - im Namen meines Volkes - den amerikanischen Müttern, die vor kurzem ihre Söhne in Afghanistan verloren haben, mein Beileid aussprechen. Das gilt auch für die anderen der letzten acht Jahre und auch für die Mütter aus anderen Nato-Ländern. Denn in diesen acht Jahren haben die Regierungen jener Länder der Nato leider das Blut ihrer Soldaten in Afghanistan vergeudet und das Geld ihrer Steuerzahler verschwendet - um jene Kriegsherren, Drogenbarone und Terroristen zu unterstützen, die wie eine Kopie der Taliban sind, ich meine, in mentaler Hinsicht. Nur die physische Situation hat sich nach dem 11. September geändert - und so kommen sie an die Macht.
In diesen acht Jahren wurden weniger als circa 2000 Taliban getötet, aber mehr als 8000 unschuldige Zivilisten. Aus diesem Grund glauben wir Tag für Tag: Dies ist kein Krieg gegen den Terror sondern ein Krieg gegen unschuldige Zivilisten. Denn sie begehen in Afghanistan sogar Massaker - wie jenes im Mai in der Provinz Fahra, bei dem mehr als 150 Zivilisten starben, das meiste davon Frauen und Kinder. Sie setzten sogar weißen Phosphor und Clusterbomben ein. Am 9. September wurden in der Provinz Kunduz 200 Zivilisten getötet, das meiste Frauen und Kinder. Mehr zum Thema Kriegsverbrechen in Afghanistan finden Sie auf der Webseite von Prof. Marc Herold. Er ist ein demokratischer Amerikaner.
Zumindest heute muss den Reportern klar sein, dass es in Kabul keine Sicherheit gibt, trotz der Anwesenheit tausender Soldaten in Afghanistan. Die Regierung hat keine Kontrolle. Überall in Afghanistan ist mein Volk wie in ein Sandwich eingeklemmt zwischen zwei mächtigen Feinden: Von oben bomben die Besatzungstruppen und töten unschuldige Zivilisten - wie gesagt, auch diese Soldaten sind Opfer der falschen Politik ihrer Regierung - am Boden benehmen sich die Taliban und die Warlords gemeinsam faschistisch gegenüber unserem Volk.
Sagen Sie uns etwas zu den neuesten Nachrichten, Malalai: Die New York Times hat heute veröffentlicht, dass der Präsidentenbruder Ahmed Wali Karsai seit fast acht Jahren auf der Gehaltsliste der CIA steht. Wer ist dieser Mann?
Wissen Sie, mein Volk nennt ihn den "kleinen Bush" - in der Provinz Kandahar. Sein Bruder ist (Präsident) Hamid Karsai. Aber er... es ist nicht das erste Mal, dass die New York Times über ihn schreibt. Vor kurzem schrieb ich, dass er ein berühmter Drogenhändler ist. Das gilt auch für viele andere in hohen Ämtern der Regierung Karsai, selbst für Minister. Sie stellen einander bloß (und sagen), dass Personen, die hohe Ämter in Karsais Regierung bekleidet haben, Drogenhändler seien. Die Regierung sagt: Hört mit dem Opiumanbau auf - während die Kommandeure des Gouverneurs eben dieser Provinz selbst Drogenhändler sind. In den letzten acht Jahren erhielt die afghanische Regierung $36 Milliarden. Sie selbst rapportieren darüber. Der Großteil dieses Geldes floss in die Taschen von Kriegsherren, Drogenbaronen (unverständlich), an Barone, an jene Geldgeber und Offiziellen. Zumindest dieses Beispiel sollte es heute deutlich zeigen. Manchmal schreiben selbst einige wichtige Medien (darüber) und stellen die Drogenbarone und Warlords in Afghanistan bloß. So nimmt beispielsweise der Bruder von Hamid Karsai Millionen Dollar durch schmutzige Opiumgeschäfte ein.
Dabei war Folgendes das Hauptprojekt der CIA in Afghanistan: Unter dem Banner der Frauenrechte, der Menschenrechte und der Demokratie okkupierten sie mein Land. Sie setzten diese Leute über mein Volk ein - die von gleichem Blut und von gleicher Gier sind wie die Taliban. Diese verwandelten mein Land in die Drogenzentrale. Selbst die UNO berichtet in einem aktuellen Report über die tiefe Tragödie Afghanistans und die verfehlte Politik der USA. Ich denke, Sie haben diesen Report auch - oh, mein Gott. Wie auch immer, wie gesagt, sie haben Afghanistan gerade zu einem Drogenzentrum gemacht. Sie bekamen Millionensummen, die geplündert wurden. Die Situation der Frauen verschlechtert sich. Die Sicherheitslage, die so entscheidend ist, verschlechtert sich für mein Volk mit jedem Tag, vor allem die der Frauen. Aus all diesen maßgeblichen Gründen sagen wir Tag für Tag: Dies ist die Karikatur einer Demokratie und die Karikatur eines Antiterrorkrieges.
Steht Ahmed Karsai in Verbindung mit Mullah Omar?
Wie bitte?
... mit Mullah Omar.
Wissen Sie, diese Kriegsherren sind, wie ich eben schon gesagt habe, eines Blutes und sie sind alle gierig. Sie sind verbündet. Gerade verhandeln sie miteinander - sie sind zu Verhandlungen bereit. Während der Wahl bezeichnete selbst Karsai die Taliban als Dinosaurier-Brüder. Das gilt auch für Abdullah Abdullah, den Hauptkandidaten der Warlords bei dieser so genannten freien Wahl.
Der Mann, der in der Wahl gegen Karsai antritt?
Ja, genau. Sie beide. Sie haben Viele betrogen, und nun treten sie bei den Wahlen gegeneinander an, während mein Volk... nutzen ihre Macht. Das Resultat dieser Wahlen wird sein: Man bekommt denselben Esel, nur mit einem neuen Sattel. Wie auch immer. Beide bezeichnen die Taliban - diese Terroristen - als Brüder. Beide sind bereit, mit Mullah Omar zu verhandeln, ihn einzuladen, einer Regierung beizutreten. Er ist ein Faschist. Sie beide (Karsai und Abdullah) sind Marionetten und beide sind fleißig in das dreckige Geschäft mit dem Opium verwickelt. Wenigstens kennt man sich nun besser mit ihnen aus. Zumindest das haben die letzten acht Jahre klar gemacht.
Ich möchte Sie etwas zu der bevorstehenden Stichwahl fragen, die am 7. November stattfinden soll. Anfang dieser Woche forderte einer der beiden Kandidaten, nämlich Abdullah Abdullah, die Entlassung von Azizullah Ludin. Er ist der Vorsitzende der Unabhängigen Wahlkommission. Ludin war früher ein Berater Karsais.
Abdullah Abdullah (eingeblendet):
Entlassung, die sofortige Entlassung von Mr. Ludin aus der Wahlkommission. Er hat dieser Institution leider keine Glaubwürdigkeit gelassen, denn das afghanische Volk kann ihm selbst nicht mehr vertrauen - als Haupt einer unabhängigen Organisation.
Was sagen Sie dazu, Malalai Dschoja? Ich meine, hinsichtlich Abdullahs Forderung nach Ludins Entlassung aus der Wahlkommission?
Wissen Sie, diese Wahl ist nur ein tragisches Drama. Ich denke, es ist die korrupteste und auch lächerlichste Wahl der Welt. Eine Wahl im Schatten von Gewehren, Kriegsherrentum, Drogenbaronen, schrecklicher Korruption und Besatzungstruppen besitzt keinerlei Legitimität. Es gibt ein berühmtes Sprichwort, das sagt: Es kommt nicht darauf an, wer wählt, sondern wer auszählt. Noch bevor das Ergebnis bekannt war, diskutierte mein Volk auf den Straßen miteinander darüber: Der Sieger werde wohl vom Weißen Haus ausgewählt werden. Nun erleben wir, dass eine Marionette durch eine andere ersetzbar ist. Zwei Marionetten kämpfen um die Macht. Sie steckten $250 Millionen in ihre Wahlkämpfe. Sie verschleudern das Geld, und sie wollen noch mehr verschleudern - noch mehr Geld in Afghanistan vergeuden.
Hinzu kommt, dass Millionen Menschen nicht wählen gingen, da ihnen klar ist, dass sie um ihr Wort betrogen werden würden - wie schon in der Vergangenheit. Auch ihre Wünsche spielen keine Rolle bei dieser Wahl. Wie gesagt, beide (Kandidaten) haben Gulbuddin Hekmatyar und Mullah Omar eingeladen, in eine Regierung einzusteigen - als Moderate. Und sowohl Karsai als auch Abdullah wollen mehr Besatzungstruppen für Afghanistan, die noch mehr Krieg und Konflikte bringen. Folglich haben beide viele Menschen betrogen, vor allem jedoch die Frauen meines Landes.
Um Abdullah Abdullah etwas besser kennenzulernen, sollte man wissen, dass er am Bürgerkrieg zwischen 1992 und 1996 beteiligt war - er und seine Brüder im Geiste, die verschiedenen anderen Warlords, die heute an der Macht sind, wie Dostum, Sayyaf, Rabbani, Qanooni, Ismail Khan, Mohaqiq, all diese Elemente mit ihrem schmutzigen Geist, denen Kriegsverbrechen zur Last gelegt werden. Karsai wählte zwei grausame Typen für das Vizepräsidentenamt aus - Qasim Fahim und Karim Khalili. Selbst Human Rights Watch sagte, Karsai beleidige (damit) das afghanische Volk. Totz aller nationaler und internationaler Kritik änderte er seine Meinung nicht. Ich sage, er betrügt mein Volk in noch größerem Ausmaß.
Sie sind eine sehr mutige Frau, Malalai Dschoja. Ich will jetzt auf einen Clip zu sprechen kommen, in dem Sie praktisch dasselbe schon einmal - vor einigen Jahren - gesagt haben. Der Dokumentarfilm 'The Enemies of Happiness' beginnt im Dezember 2003 - bei einer Zusammenkunft der Loya Dschirga, der damals neu gewählten verfassungsgebenden Versammlung Afghanistans. Damals trat eine bislang unbekannte 24jährige ans Mikrofon und hielt eine Rede, die international Schlagzeilen machte und ihr Leben in Gefahr brachte.
(Eingeblendet:)
Vorsitzender (übersetzt):
Was sagen Sie?
Malalai Dschoja (übersetzt):
Wir Jungen können kein Wort einbringen. Ich würde gerne einige Worte sagen, Herr Vorsitzender.
Vorsitzender (übersetzt):
Warten Sie eine Minute. Bleiben Sie auf Ihren Plätzen. Eine Schwester sagt (gerade), sie sei weit gereist. Sie besteht darauf, dass die Jungen genügend Redezeit bekommen sollen. Bitte, Sie haben drei Minuten.
Malalai Dschoja (übersetzt):
Mein Name ist Malalai Dschoja - aus der Provinz Farah. Mit Erlaubnis aller Anwesenden und mit Respekt gegenüber den getöteten Märtyrern, möchte ich sprechen. Ich möchte meine Landsleute in diesem Raum kritisieren. Warum gestatten Sie es Kriegsverbrechern, an dieser Loya Dschirga teilzunehmen? Kriegsherren, die verantwortlich sind für die Situation unseres Landes? Afghanistan ist das Zentrum nationaler und internationaler Konflikte. Sie unterdrücken die Frauen und haben das Land ruiniert. Man sollte sie verfolgen. Vielleicht wird ihnen das afghanische Volk vergeben - die Geschichte aber wird es nicht tun.
Vorsitzender (übersetzt:)
Setzen Sie sich! Setzen Sie sich! Die Schwester hat die Linie dessen überschritten, was allgemein als Höflichkeit gilt. Sie wird aus dieser Versammlung verbannt und darf nicht zurückkehren. Werfen Sie sie raus! Wachen - werfen Sie sie raus! Sie hat es nicht verdient, hier zu sein.
Soweit der Filmausschnitt.
Malalai Dschoja war aufgestanden - viele bezeichneten sie als "mutigste Frau Afghanistans". Heute ist Malalai Dschoja bei uns im Firehouse-Studio. Sie hat gerade ihre Autobiografie geschrieben: 'A Woman Among Warlords'. (Beschreiben Sie uns, was Sie damals, in dem Moment, dachten und wie gefährlich es für Sie war.
Ja, mein Volk war sich nicht sicher, ob ich bis zum heutigen Tag überleben könnte - ebensowenig meine Unterstützer überall auf der Welt. Aber der Grund, weshalb ich noch lebe, ist die starke Unterstützung, die ich durch das leidende, arme Volk meines Landes, das keine Stimme hat, erfahren habe. Vor zwei Jahren warfen mich die Warlords, Drogenbarone, diese Kriminellen, aus dem Parlament. Dies war ein reichlich illegaler und gegen die Redefreiheit gerichteter Akt.
Sie wurden also gewählt?
Ich wurde gewählt.
Wann?
2005 - zum zweiten Mal. Die Menschen wählten mich (zur Abgeordneten), und ich wurde sehr berühmt in Afghanistan und rund um die Welt. Hätten sie mich nicht zugelassen - alle Wahlurnen waren ja in der Hand der Mafia - wäre ihr Betrug in der Welt und nicht nur meinem Volk offensichtlich geworden.
Einige wenige Demokraten im Parlament - einige und ich - erhoben zu Beginn unsere Stimmen, als dieses Amnestiegesetz gemacht wurde, in dem sich die Kriminellen selbst vergaben. (Wir erhoben unsere Stimmen) gegen das ekelerregende Gesetz, das Kriminellen Straffreiheit gibt. Und sie fahren mit ihrem Faschismus fort, so gut sie können. Obwohl wir unsere Stimmen erhoben, hörte niemand darauf. Auch Karsai unterzeichnete das ekelhafte Gesetz. Einer der Gründe, weshalb sie mich aus dem Parlament warfen, war, weil ich nie Kompromisse mit ihnen einging - selbst nicht, als sie mich im Parlament schlugen, als sie drohten, mich im Parlament zu vergewaltigen und andere Drohungen dieser Art von sich gaben.
Sie drohten, Sie im Parlament zu vergewaltigen?
Ja, im Parlament. Sie können alle diese Drohungen auf meinen Webseiten nachlesen. Heute - nachdem sie mich aus dem Parlament geworfen haben -, ziehe ich von einem "Sicherheitshaus" zum nächsten, wenn ich in Kabul bin. Selbst mit einer Burka und einem Bodyguard ist es nicht sicher. In den dunklen Zeiten der Taliban, dieser Terroristen, war ich eine Aktivistin, eine Aktivistin im Untergrund. Mein Leben war damals riskant, aber heute, wo angeblich Demokratie herrscht und tausende Soldaten (im Land sind), ist mein Leben, verglichen mit damals, trotz Burka und Bodyguard, nicht sicher. Es gab viele Mordanschläge (gegen mich). Ich stehe vor Ihnen stellvertretend für die demokratischen, unschuldigen Menschen meines Landes, die keine Stimme haben. Es gibt viele andere wie mich, die nicht sicher sind. Sie sind heute Aktivisten im Untergrund.
Die große Debatte in den USA dreht sich um die Truppenverstärkung (Surge). Die Debatte geht keineswegs darum, wieviele Truppen Obama schicken wird – wie viele Soldaten mehr, oder ob er überhaupt mehr Soldaten schicken soll. Es geht darum, wie groß die zusätzliche Masse sein wird. Das ist aus dieser Debatte geworden. Wie denken Sie darüber? Wie sollte es mit den US-Soldaten weitergehen?
Wie gesagt, diese Soldaten sind Opfer einer falschen Politik ihrer Regierung. Sie entsendet sie zu einem bösen Zweck: Krieg. Sie behaupten, der Krieg in Afghanistan sei ein guter Krieg, der Krieg im Irak ein böser Krieg. Doch Krieg ist Krieg. Ein Krieg kann unmöglich Demokratie, Menschenrechte oder Rechte für Frauen bringen. Leider gleicht Obamas Politik und Obamas Botschaft an mein Volk der Außenpolitik der Bush-Regierung ziemlich. Er will eine Aufstockung der Truppen in Afghanistan, was weiteren Krieg und weitere Konflikte bringen wird.
Obama wird einen barbarische Taliban als Gemäßigte dekorieren, um ihnen eine Chance zu geben, sich an der Macht zu beteiligen. (Er wird) diesen Terroristen sanfte Namen geben. Aber wir haben keine gemäßigten Taliban. Das Gleiche gilt für (den Kriegsherren) Gulbuddin Hekmatyar. Sie laden diesen Faschisten ein, sich an der Regierung zu beteiligen. Wenn dieser Terrorist an die Macht kommt, wird die Situation noch blutiger werden. Wäre Obama wirklich ehrlich zu meinem Volk, würde er sich zumindest bei ihm entschuldigen. Zu allererst würde er versuchen, den Kriminellen Bush vor Gericht zu bringen - vor den Internationalen Strafgerichtshof - und auch etliche Bushisten in meinem Land. In den vergangenen acht Jahren haben sie Afghanistan in einen sicheren Hafen für den Terrorismus und in ein Zentrum für Drogenhandel verwandelt.
Aber in unserem Land wird so oft das Argument gebracht, gerade die Frauen Afghanistans würden am meisten von der US-Besatzung und vom Krieg profitieren.
Sie wurden noch mehr betrogen. Im Gegenteil. So ziemlich das Gegenteil ist der Fall. In meinem Land ist die Wahrheit das erste Opfer. Sie betrügen die Wahrheit noch immer, vor allem in den Mainstream-Medien. Sie streuen den Leuten überall auf der Welt Sand in die Augen. Nach dem 11. September, als sie Afghanistan besetzten, sagten sie: Zum ersten Mal werden die Frauen keine Burka mehr tragen und frei sein. Es ist eine große Lüge. Ich trage die Burka - nur, um zu überleben. Ich meine, diese ekelerregende Burka ist das Symbol der Unterdrückung. Sie ist wie ein Leichentuch für einen lebendigen Leib. Die meisten Frauen tragen sie, um zu überleben. Die Fälle von Vergewaltigungen, von häuslicher Gewalt (unverständlich)... in die Gesichter von Mädchen, die Ermordung von Frauen nehmen rapide zu.
Fürchten Sie um Ihr Leben, wenn Sie heimreisen? Warum gehen Sie überhaupt zurück nach Afghanistan, Malalai?
Natürlich gehe ich, denn wir haben eine große Verantwortung. Die Verantwortung von demokratischen Männern und Frauen ist enorm, denn wir glauben: Keine Nation kann einer anderen Nation Freiheit geben. Wir sind bereit, unser Land aufzubauen, falls die USA und ihre Verbündeten uns ein wenig Luft lassen, um in Frieden zu atmen.
Heute stecken wir zwischen zwei mächtigen Feinden. (Selbst wenn) eine feindliche Besatzungsmacht abzieht, unterstützt ihre Regierung weiter die Warlords und jetzt auch noch die Taliban. Wenn sie aufhören würden, sie zu unterstützen, wäre es viel einfacher, gegen einen - anstatt gegen zwei - Feinde zu kämpfen.
Wenn Obama wirklich ehrlich zu meinem Volk wäre, würde er die demokratisch Gesinnten in meinem Land unterstützen. Wir haben viele davon. Aber er unterlässt es nicht nur, die demokratisch Gesinnten in meinem Land zu unterstützen, er fängt auch noch einen Krieg mit Pakistan an, in dem er die Grenzregion zu Pakistan zum Angriffsgebiet macht. Und was die Statistik über zivile Opfer angeht, diese unschuldigen Menschen, die getötet wurden, so denke ich, dass in der Obama-Zeit schon mehr getötet wurden als selbst unter dem Kriminellen Bush.
Velen Dank, dass Sie bei uns waren - Malalai Dschoja, eine führende Aktivistin für die Demokratie in Afghanistan. 2005 war sie die jüngste Person, die je in das Afghanische Parlament gewählt wurde. Ihre Memoiren sind soeben erschienen: ' Women Among Warlords: The Extraordinary Story of an Afghan Woman Who Dared to Speak Out'. Dieses Buch wurde mit Unterstützung von Derrick O'Keefe verfasst.
(...)
Danke.
Anmerkung d. Übersetzerin:
Malalai Dschoja oder Joya - ihr Nachname wird im Deutschen unterschiedlich übersetzt. Ein aktuelles Buch erschien 2009 unter dem Namen Malalai Joya: 'Ich erhebe meine Stimme' ('I raise my voice')
'A Woman Among Warlords' (erschien 2009)
Twitter
RSS Feed

Das deprimierende an der ganzen Sache ist, dass diese bewundernswerte Frau einen aussichtslosen Kampf für ein modernes, lebenswertes und vor allem demokratisches Afghanistan führt! Etwas wovon halb Afghanistan träumte, als wir über das Land damals herfielen. Um ihnen angeblich die Demokratie reinzubomben.
Ein demokratisches Afghanistan, wie es sich Frau Dschoja wahrscheinlich vorstellt, wäre aber das Gegenteil von dem, was die USA und deren Komplizen sich so gedacht haben.
Demokraten in Afghanistan, die die Interessen ihres Volkes tatsächlich wahrnehmen?
Frau Dschoja hat da etwas nicht richtig verstanden, befürchte ich.
Da sich mittlerweile einfach nicht mehr verheimlichen lässt, dass die Taliban, in ihrer so unterschiedlichen Zusammensetzung, auf jeden Fall aber alle die Ausländer aus ihrem Lande schmeißen werden, bleibt nur noch die Möglichkeit sich mit ihnen zu arrangieren und einen wenn möglich glatten und zügigen Abgang hinzulegen. (Um einen schändlichen Abgang wie in Saigon 1975 zu vermeiden). Das ist gerade voll in Arbeit, hat man den Eindruck!
Auch wenn man sich von Anfang an mit Karsai einen ausgemachten Verbrecher, den man selbst in den USA trainiert hatte, als Partner für die Unterschriften unter die nötigen „Freifahrtscheine“ installiert hatte, so sind die Machtpositionen unter den Warlords im Moment doch ganz anders verteilt und darum müssen nun neue Partner für uns her, die den Einfluss später für den Westen garantieren, wenn die NATO und die US-Army abgezogen ist. Wenn wir die Freunde in Kabul dann von unseren Superbasen im Irak unterstützen werden!
Karsai, der bestenfalls Bürgermeister von Kabul ist, ist out, (die Flasche hat noch nicht einmal einen sauberen Wahlbetrug hingekriegt, obwohl doch alles bis ins Kleinste durchgesprochen war) ganz andere Kaliber müssen nun ran.
Menschenschlächter vom Schlage eines Dostum, Heckmatjar oder Mullah Omar eventuell. Das wären zuverlässigere „Partner“ für uns. Mit solchen Typen haben wir doch die besten Erfahrungen gemacht, überall auf der Welt. Dostum hat sich doch bereits beim Massenmord an Kriegsgefangenen in Dashd i Leili (2002) bestens bewehrt, Satrapen vom Feinsten, wie Pinochet z.B.
Die werden sich dann auch um Demokraten wie Frau Dschoja "kümmern", das können die viel besser als wir selbst!
Hoffentlich sieht Frau Dschoja so schnell wie möglich ein, dass ihr heldenhafter Einsatz für ein freies und demokratisches Afghanistan für sie ganz schnell in ein Märtyrer Schicksal führen wird, das trotzdem überhaupt nichts bringt, außer einem Platz in den Geschichtsbüchern.
Wie Freunde von uns, nicht wir selbst, mit solchen „Gutmenschen“ umgehen, zeigte sich am 24. März 1980 als der Erzbischof von San Salvador, Oscar Arnulfo Romero in seiner Kirche umgelegt wurde, weil der auch meinte seinen Job machen zu müssen.
Das mit den westlichen Zielen für Afghanistan soll Frau Dschoja bloß nicht falsch verstehen.
Zustände wie heute im "befreiten" und "demokratischen" Irak sind das Ziel, basta, und die werden wir auch hinkriegen. "Mission Accomplished"- you know?
Mr. Obama wird das schon schaukeln, der hat schon bisher die Erwartungen einiger von Anfang an skeptischer Beobachter nicht enttäuscht, dieser Oberhoffnungsträger wird auch noch richtig zulegen. Über den wird man sich noch wundern! Eigentlich braucht er ja nur so weiter zu machen wie bisher!
Ich jedenfalls mache mir um Frau Dschoja echte Sorgen!
C. Pichlo