Interview mit der Revolutionären Vereinigung der Frauen Afghanistans
von Ian Sinclair
06.05.2009 — Peace News
Die unabhängige Frauenorganisation Revolutionäre Vereinigung der Frauen Afghanistans (RAWA) wurde 1977 gegründet. Sie kämpft für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit in Afghanistan. RAWA stellte sich sowohl gegen die sowjetische Invasion und Besetzung Afghanistans von 1979 – 1989, als auch gegen die darauf folgenden Regierungen der Mujahedeen und der Taliban, sie unterhielten im Untergrund Schulen für afghanische Mädchen, veröffentlichten eine Zeitschrift und starteten humanitäre Projekte.
Mariam Rawi ist ein Mitglied von RAWAs Komitee für Auslandsbeziehungen. Sie beantwortet hier Fragen von Peace News zur derzeitigen von den USA angeführten Besetzung Afghanistans.
1) Als die USA 2001 in Afghanistan einmarschierten, behauptete Bush, er kämpfe für „Fortschritt und Pluralismus, Toleranz und Freiheit“. Was ist nach der Meinung von RAWA der Grund für den Einmarsch der Vereinigten Staaten in Afghanistan und das Fortführen der Besetzung?
Die USA marschierten in Afghanisten
wegen ihrer geopolitischen, wirtschaftlichen und regionalen
strategischen Interessen ein und um Afghanistan in einen starken
Militärstützpunkt in der Region zu verwandeln. Da
Afghanistan das Herz von Asien ist, würde es als guter
Ausgangspunkt für die Kontrolle der umliegenden Länder wie
Pakistan, China, Iran und vor allem der zentralasiatischen Republiken
dienen. Zusätzlich besetzen sie, als eine Supermacht,
Afghanistan weiterhin, um aufsteigende Mächte wie Russland und
China zu bekämpfen, die für die USA wirschaftlich,
militärisch und politisch zu immer größeren Rivalen
werden.
Viele behaupten heute, dass die Invasion 2001 vor dem 11. September geplant wurde, aber er bot den Kriegstreibern im Weißen Haus und im Pentagon eine einmalige Gelegenheit, ihre Agenda für die Region voranzutreiben. Mit den Worten von Tony Blair: „Ehrlich gesagt, wir hätten nie die Zustimmung der Öffentlichkeit für den plötzlichen Start eines Feldzugs gegen Afghanistan bekommen können, hätte es den 11. September nicht gegeben ...“
Ein weiterer Grund für die Invasion in Afghanistan war, das Milliardengeschäft mit den Drogen in die Finger zu kriegen. Wie wir in den vergangenen paar Jahren klar sehen konnten, verwandelten die USA und ihre Allierten Afghanistan in das Opiumzentrum der Welt. Die Opiumproduktion stieg um über 4400 Prozent, 93 Prozent des illegal hergestellten Opiums der Welt kommen aus Afghanistan. Man sagt, dass Drogen, in Geld gerechnet, nach Öl und Waffen als Handelsware an dritter Stelle liegen. Hinter diesem Geschäft stehen große Finanzinstitutionen und die Kontrolle der Drogenwege war der US-Regierung sehr wichtig. Nun haben sie ihr Ziel erreicht.
Außerdem gibt es in Afghanistan große Vorkommen an Gas, Kupfer, Eisen und anderen Mineralien und Edelsteinen und die großen Mächte waren natürlich daran interessiert, diese auszubeuten, wie sie es in armen afrikanischen Ländern tun. In den vergangenen Jahren gab es Bemühungen, unsere natürlichen Resourcen zu erkunden. Der Geologische Dienst der Vereinigten Staaten (USGS) schätzt, dass im Norden von Afghanistan über einige Provinzen verteilt ungefähr 700 Milliarden Kubikmeter Gas und 300 Millionen Tonnen Öl lagern. Auch das zweitgrößte nicht erschlossene Kupfervorkommen mit schätzungsweise 11 Millionen Tonnen Kupfer befindet sich in unserem Land. Neben der Absicht, die Öl- und Gasvorkommen der zentralasiatischen Republiken durch Afghanistan zu leiten, sind die USA also auch an der Ausbeutung der Resourcen Afghanistans interessiert.
Der „Krieg gegen den Terror“ und die „Befreiung der afghanischen Frauen“ waren nur Lügen, um die oben genannten Interessen und viele andere versteckte Absichten der USA in Afghanistan zu verdecken. Die Träume unserer Menschen von Befreiung wurden gleich zu Beginn der Invasion zerstört, als sie sahen, dass die Kriegsverbrecher und Mörder und Vergewaltiger der Nordallianz, die Afghanistan zerstört hatten, von den USA und ihren Verbündeten nach dem Fall des Talibanregimes unterstützt und wieder an die Macht gebracht wurden. Als berüchtigte Kriminelle wie Burhanuddin Rabbani, Abdul Rasul Sayyaf, Karim Khalili, Mohammad Mohaqiq, Yunus Qanooni, Mullah Rakiti, Atta Muhammad, Rashid Dostum, Ismail Khan, Haji Almas, Hazrat Ali und viele andere von den USA als Freiheitshelden dekoriert und an die Macht gebracht wurden, wussten alle, dass Afghanistan wieder einmal der Mittelpunkt eines Schachspiels der USA und ihrer Verbündeten geworden war, die die Slogans „Demokratie“ und „Menschenrechte“ für unsere Nation zu schmerzlichen Witzen werden ließen.
2) Können Sie bescheiben, wie das
Leben der Frauen in Afghanistan heute aussieht? Ist es besser oder
schlechter als das Leben unter der Regierung der Taliben?
Trotz allem Zeter-und-Mordio-Geschrei über „Frauenrechte“ und die „Befreiung der afghanischen Frauen“ ist die Lage der Frauenrechte in Afghanistan immer noch eine Katastrophe.
Es gibt keine fühlbare Veränderung in den Lebensbedingungen der afghanischen Frauen, in bestimmten Teilen des Landes ist das Leben schlimmer als unter den Taliban. Die Zahl der Entführungen, Vergewaltigungen, verkauften jungen Mädchen, Zwangsehen, Säureangriffen, Prostitution und Selbstverbrennungen von jungen Mädchen und Frauen hat Rekordhöhe erreicht, selbst verglichen mit dem Talibanregime.
Aufgrung von Zwangsehen und häuslicher Gewalt ist die Selbstverbrennung von Frauen zwischen 18 und 35 Jahren in Afghanistan zur Epidemie geworden. Es gab hunderte solcher Fälle, vor allem in den Provinzen Herat, Farah, Ghorund Badghis. Wo es kein Recht gibt und keine juristische Unterstützung für Frauen, haben sie keine andere Wahl, als sich selbst zu verbrennen, um ihrem Elend zu entkommen.
Wegen der großen Armut, von der über 80 Prozent der Bevölkerung Afghanistans betroffen sind, ist das Leben für unzählige Kriegswitwen und arme Frauen eine Katastrophe und in vielen Gegenden Afghanistans sind Prostitution und auf der Straße betteln auf ein nie da gewesenes Ausmaß angestiegen. Es gibt viele Berichte, dass Eltern gezwungen sind, ihre Kinder zu verkaufen, weil sie sie nicht ernähren können. Allein in der westlichen Provinz Herat wurden 2008 offiziell 150 Fälle von Kindsverkäufen gemeldet – die tatsächlichen Zahlen sind viel höher.
Vieles spiegelt sich gar nicht in den Nachrichten wider, da die Medien unter dem Schatten der Gewehre und Drohungen der Kriegsfürsten stark unterdrückt sind.
In den vergangenen Jahren hat es in Bezug auf Frauenrechte nur einige kosmetische Veränderungen gegeben. Zum Beispiel wurden das Frauenministerium und die 68 weiblichen Parlamentsabgeordneten laut als ein großer Erfolg verkündet. Trotzdem hat das Ministerium nichts getan für die Frauen und funktioniert nur als Schaufenster. Die meisten der Frauen im Parlament sind für die Kriegsherren und können die afghanischen Frauen nicht vertreten, da sie selbst Teil des Problems sind.
Die afghanischen Frauen wurden in den vergangenen sieben Jahren unter der US-Besatzung schwer verraten. Ihr Elend wurde dazu benutzt, die Besetzung Afghanistans zu rechtfertigen, aber es wurden keine Schritte unternommen, ihre Wunden zu heilen. Vielmehr wurden die schlimmsten Gegner der Frauenrechte gestärkt, unterstützt und auf Schlüsselposten gesetzt.
Wenn die Kriegsherren, Taliban, Drogenbarone, Besatzungskräfte und eine korrupte Marionetten- und Mafiaregierung wie ein Schatten über dem ganzen Land lasten, wie können da seine Frauen in den Genuss der grundlegendsten Rechte kommen?
3) Barack Obama, der neue Präsident
der Vereinigten Staaten, hat sich zu einer „Woge“ in Afghanistan
verpflichtet, das heißt, die Truppen werden um 30000 Soldaten
aufgestockt. Wird das von RAWA unterstützt?
Wenn man Obamas Plan für Afghanistan betrachtet, kann man klar erkennen, dass es für unser Land keinen Unterschied zwischen Obama und Bush gibt. Beide verfolgen eine falsche und verheerende Strategie, die Afghanistan und die Region bisher in Richtung Katastrophe und schlimmere Konflikte gedrängt hat.
Selbst wenn die USA Hunderttausende von Soldaten in Afghanistan stationieren, werden diese nicht hier sein, um „Frieden“, Freiheit“ und „Demokratie“ für das Volk von Afghanistan zu bringen. Sie werden nur den US-Interessen in der Region dienen und den Kriegsfürsten, Drogenbaronen und anderen US-Agenten helfen, die in unserem Land an der Macht sind, aber für unser leidendes, von Krieg heimgesuchtes Volk wird das ein sehr schlechtes Ende haben.
Freiheit, Demokratie und Gerechtigkeit können nicht von einem fremden Land mit vorgehaltener Waffe erzwungen werden; diese Werte können nur von unserem Volk und demokratiefreundlichen Kräften in einem harten, entschlossenen und langen Kampf erreicht werden. Diejenigen, die behaupten, diese Werte dem afghanischen Volk mittels Gewalt zu schenken, werden unser Land nur in Richtung Sklaverei treiben.
Für das afghanische Volk wird das erste Ergebnis der „Woge“ ein Anstieg bei der Zahl der zivilen Opfer sein, die schon Proteste und die Opposition von Seiten afghanischer Menschen hervorgerufen hat. In den vergangenen sieben Jahren wurden durch die Bombardierungen der USA und der Nato Tausende unschuldige Menschen getötet oder verwundet. In den vergangenen paar Wochen unter Obamas Herrschaft wurden ungefähr 1000 Zivilisten getötet.
Viele Leute in Afghanistan verlangen einen Truppenrückzug; sie betrachten die Truppen als nutzlos, um etwas Guten für Afghanistan zu bewirken. Die Truppenerhöhung wird zu einem Anstieg der Proteste gegen die USA und die Nato in Afghanistan führen und wird, als Reaktion auf die Besatzungstruppen und ihre Misshandlung der Menschen, mehr Menschen den Taliban und anderen terroristischen Gruppen in die Arme treiben.
Der Truppenanstieg wird den Aufständischen auch als Vorwand dienen, ihre Operationen und Angriffe zu verstärken, was wiederum den Konflikt in Afghanistan verschärfen wird.
Unserer Meinung nach dienen die 30000 zusätzlichen Soldaten nämlich nur der Strategie der USA in der Region, Afghanistan zu ihrem Militärstützpunkt zu machen – sie werden entgegen ihrer Behauptungen nichts zum Kampf gegen die terroristischen Gruppen beitragen. Die USA und ihre Verbündeten spielen in Afghanistan ein doppeltes Spiel: einerseits verstärken sie die Truppen und andererseits unterstützen sie die fundamentalistischen Terroristen der Nordallianz und initiieren Gespräche zwischen den Taliban und Gulbuddin Hekmatyar, die Macht mit diesen brutalen und kriminellen Kräften zu teilen.
Es ist nun ein offenes Geheimnis, dass die USA nicht am Kampf gegen die Terroristen interessiert sind. In der Tat kann sich niemand vorstellen, dass eine Supermacht wirklich unfähig ist, eine kleine, mittelalterlich denkende und ignorante Kraft wie die Taliban zu schlagen. Tatsächlich braucht die US-Regierung einen Vorwand für den weiteren Verbleib in Afghanistan, die Anwesenheit der Taliban und anderer terroristischer Gruppen dient Tom und Jerry also als Entschuldigung, das Spiel noch jahrelang fortzusetzen – das UK hat schon angekündigt, dass es länger als 30 Jahre in Afghanistan bleiben wird.
Es gibt sogar den Vedacht, dass die ausländischen Truppen Vorräte und Waffen an die Taliban liefern. Vergangenen März berichteten die afghanischen Medien und die lokale Verwaltung des Bezirks Arghandab in der Provinz Zabul, dass NATO-Helikopter drei große Container voller Hilfsgüter und Munition für einen Talibankommandanten abgeworfen haben. In einem weiteren Zug wurde ein krimineller Kommandant der Taliban namens Mullah Abdul Salam, verantwortlich für ein Massaker im Jahr 1998, zum Gouverneur des Bezirks Musa Quala in der Provinz Helmand ernannt, der Region mit dem größten Opiumanbau der Welt.
Vor ein paar Monaten wurde Ghairat Baheer, ein berüchtigter Terrorist aus Gubuddin Hekmatyars Partei, aus dem US-Gefängnis auf dem Luftwaffenstützpunkt Bagram entlassen. Jüngste Medienberichte deckten auf, dass er geheime Gespräche führt, um den Weg für eine Teilung der Macht mit Hekmatyar frei zu machen, der auf der Terroristenliste der USA steht. Gemäß Informationen, die Al Jazeera zugänglich gemacht wurden, soll Hekmatyar Asyl in Saudi-Arabien angeboten werden. Danach dürfte er mit Schutz vor Strafverfolgung nach Afghanistan zurückkehren.
Das sind nur ein paar Beispiele, die die Doppelmoral der USA in Bezug auf gefährliche terroristische Banden zeigen: immer wenn die Terroristen sich bereit erklären, in Übereinstimmung mit der Politik zu USA zu handeln, werden sie als Freunde derselben betrachtet, egal, wie viele Verbrechen und Brutalitäten sie gegen afghanische Menschen begangen haben und weiterhin begehen.
4) Welche Lösungen zur Beendigung
der Kämpfe in Afghanistan schlägt RAWA vor?
RAWA ist der festen Überzeugung, dass der Rückzug der ausländischen Truppen der erste Schritt sein sollte, da heute, trotz der Anwesenheit Tausender ausländischer Soldaten in Afghanistan aus vielen Ländern, die Mehrheit unseres Volkes unter Unsicherheit, Tötungen, Entführungen, Arbeitslosigkeit, unter Vergewaltigung, Säureangriffen auf Schulmädchen, Hunger, Gesetzlosigkeit, unter eingeschränkter Redefreiheit und vielen anderen schrecklichen Desastern leidet. Friede, Sicherheit, Demokratie und Unabhängigkeit können nur von uns selbst erreicht werden. Wir sind verantwortlich dafür, uns als Alternative zur Besatzung zu vereinen, uns zu erheben, Widerstand zu leisten und unser Volk zu organisieren.
Derzeit ist unser Volk von drei Feinden umgeben. Auf der einen Seite stehen die Taliban, auf der anderen sind die Luftangriffe der USA und auf der dritten stehen in verschiednen Provinzen die Kriegsfürsten der Nordallianz. Mit einem Rückzug der Truppen wird das Volk wenigsten einen dieser Feinde los.
Die gerechtigkeitsliebenden Menschen in den USA und ihre demokratisch gesinnten Alliierten sollten weiterhin Druck auf ihre Regierungen ausüben, ihre die Fundamentalisten fördernde Politk zu ändern und für die Entwaffnung der bewaffneten Gruppen zu arbeiten, die von den USA bezahlt werden.
Wir sind der Meinung, dass die Frieden liebenden Menschen überall auf der Welt die demokratisch gesinnten Personen und Kräfte in Afghanistan, die von den USA und ihren fundamentalistischen Handlangern unterdrückt werden, unterstützen sollten. Nur eine starke demokratische Bewegung kann Afghanistan zu Unabhängigkeit und Demokratie führen.
Die Menschen in Afghanistan sind ihre gegenwärtige Lage zutiefst leid und sind im Begriff, sich dagegen zu erheben. Trotz Drohungen und Terror gab es schon in einer Reihe von Provinzen in Afghanistan Proteste und Erhebungen. Ohne Zweifel wird sich diese Welle in Zukunft beschleunigen. Mit dem Entstehen einer dritten Bewegung, deren Slogan „Weder Besatzung noch Taliban – Freiheit und Demokratie“ ist, werden sich die Menschen in Afghanistan erheben, um aus eigener Kraft ihre Rechte zu bekommen. Das ist zwar ein langer und schmerzlicher Prozess, aber die einzige Option, um Afghanistan zu Frieden und Wohlstand zu führen.
*Eine bearbeitete Version dieses Interviews erschien vor kurzem in Peace News. ian_js@hotmail.com
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