Investigativer Journalismus: Jahrelange interne Untersuchungen bei BP zeigten erhöhte Unfallgefährdung an
Nachlässigkeit bei Sicherheitsbestimmungen und mangelhafte Wartung
von Amy Goodman
09.06.2010 — Democracy Now!
Die investigative Nachrichten-Webseite ProPublica.org berichtet über mehrere Untersuchungen durch British Petroleum (BP), über das vergangene Jahrzehnt hinweg. Darin warnten hochrangige BP-Manager, das Unternehmen habe immer wieder die Sicherheit vernachlässigt und gegen Umweltschutzbestimmungen verstoßen. Wenn sich nichts ändere, riskiere man einen schweren Unfall. In den Berichten ist von Vorfällen die Rede, bei denen das Management gegen die Sicherheit verstoßen habe, indem es sich nicht um überalterte Ausrüstung gekümmert und Angestellte unter Druck gesetzt habe, damit sie Probleme nicht meldeten. Inspektionen seien abgekürzt oder verschoben worden, um die Produktionskosten zu senken. In einem Report aus dem Jahr 2001 steht zum Beispiel, BP habe äußerst wichtige Gerätschaften vernachlässigt, die im Falle einer Notabschaltung gebraucht würden - wie Abschaltventile und Gas- und Feuer-Detektoren. Diese Gerätschaften sind vergleichbar mit jenen, die den Ausbruch des Feuers und der anschließenden Explosion auf der Deepwater Horizon hätten verhindern können (wenn sie funktioniert hätten). Wir sprechen nun mit Abrahm Lustgarten. Er ist investigativer Reporter für ProPublica.org .
Unser Gast:
Abrahm Lustgarten - investigativer Journalist für ProPublica.org . Sein aktueller Artikel heißt:
'Years of Internal BP Probes Warned that Neglect Could Lead to Accidents'.
Amy Goodman:
Bei uns in New York ist nun der Reporter Abrahm Lustgarten von ProPublica. Seine aktuelle investigative Reportage befasst sich mit internen Untersuchungen, die BP über das vergangene Jahrzehnt durchführen ließ. In den Berichten warnen hochrangige BP-Manager, dass der Ölkonzern immer wieder Sicherheitsbestimmungen und Umweltschutzauflagen missachtet habe. Wenn sich nichts ändere, gehe BP das Risiko eines schwerwiegenden Unfalls ein.
Abrahm, willkommen bei Democracy Now! Erläutern Sie Ihre Entdeckungen.
Abrahm Lustgarten: Nun, wir dachten, spielen wir den Ball mal ein wenig zurück und sehen wir, was BP in den letzten Jahren getan hat. Durch Interviews mit einer Reihe von 'Whistleblowern' (Warnern) - die sich vor allem mit den (BP-)Operationen in Alaska befasst haben -, sowie durch einige Dokumente, die ProPublica zugespielt wurden, fanden wir heraus, dass BP seit etlichen Jahren mit seiner internen Problemkultur zu kämpfen hat. Wir sahen uns die Jahre seit 1999 - also 11 Jahre - etwas genauer an. Bei den angesprochenen Problemen handelte es sich um mehrere Kernthemen. Es ging um mangelndes Verantwortungsgefühl bei Managern, um die Unfähigkeit, auf Warnungen von Sicherheitsinspektoren und Wartungspersonal zu hören (Entscheidungen die zu zu einem Muster wurden); altes Material wurde nicht durch neues ersetzt. Material wurde bis zum Geht-nicht-mehr eingesetzt, weil man den höchst möglichen Profit erzielen wollte - auf Kosten der Ausrüstung. Stets wurde der Schwerpunkt auf Profit und Produktion gelegt - zu Lasten von Sicherheit und Umweltverträglichkeit.
Und wir haben es hier mit einem Land - Entschuldigung, mit einem Unternehmen - zu tun, dessen Haushalt höher ist als der mancher Länder dieser Welt.
Enorm hoch.
Wir reden also über Kostenersparnis bei einem Unternehmen, das Rekordgewinne einfährt - selbst unter Zugrundelegung der eigenen Maßstäbe. Erläutern Sie uns bitte, was BP vernachlässigt hat und woher Ihre Dokumente stammen.
Zunächst einmal sollte man ein wenig auf den Druck eingehen, dem BP in Alaska ausgesetzt war. In dieser Region ereigneten sich einige der Vorkommnisse, auf die wir einen Blick geworfen haben. Das Prudhoe-Bay-Ölfeld, zum Beispiel ist ein Ölfeld, das so ziemlich abgewirtschaftet ist. Dennoch wurde das Unternehmen unter Druck gesetzt, die Profite und die Produktion am Laufen zu halten, obwohl die Ölproduktion rückläufig war. Seit einem Jahrzehnt steht BP in dieser Hinsicht unter enormem Druck - und gab diesen Druck an seine Angestellten weiter. So wurden diese ermutigt, bestimmte Prozesse einfach auszulassen - wie Drucktests an Ventilen, die in Pipelines und Kompressionsstationen dazu beitragen, dass keine Lecks entstehen. Auch scheinen weniger so genannte "Coupon-Tests" durchgeführt worden zu sein. Bei diesen Tests wird die Korrosion einer Pipeline gemessen, von der man weiß, dass sie schon einmal geleckt hat. Uralte Sicherheitssysteme wurden nicht auf einen neueren Stand gebracht - zum Beispiel Gas- oder Feuersensoren, die Alarm auslösen sollen. Einige dieser Punkte erinnern an das, was auf der Deepwater Horizon im Golf schiefgelaufen ist. Jede dieser Maßnahmen hätte mehrere hunderttausend Dollar gekostet, vielleicht sogar Millionen. Aber im Ganzen hätte das Unternehme dadurch mehrere zehn Millionen gespart.
Wie sind Sie auf diese ganzen internen Dokumente gestoßen?
Oh, es gibt eine Vorgehensweise, wie man sich Quellen erschließt. Im Grunde sind da ein paar Leute, die in diesem Bereich tätig sind. Sie kontaktierten uns, und nach einer Reihe von Gesprächen mit ihnen, brachten sie uns in Kontakt mit Leuten, die BP sehr nahe stehen und ein großes Bedürfnis verspürten, dass das Unternehmen, in das sie seit einem Jahrzehnt Einblick hatten.... und den Eindruck, dass zu wenig unternommen wurde (sie sahen seit zehn Jahren, was das Unternehmen zu korrigieren versuchte und die Situation in Alaska, die sie versuchten zu korrigieren). Zuerst boten sie ein Dokument an, dann ein zweites - und nach einiger Zeit immer mehr, bis es zum Schluss drei wichtige Berichte waren, die wir auf unserer Webseite veröffentlichen konnten. Das Material wurde durch eine Reihe von E-mails und Korrespondenzen bestätigt. Letzteres zeigt auch ein wenig die Art von Kommunikation, die zwischen staatlichen Stellen und dem BP-Management, zwischen internem BP-Aufsichtspersonal und dem BP-Management abläuft.
Gehen wir von Alaska nach Texas.
Yep, Texas. Was wissen wir über die Explosion der BP-Raffinerie in Texas-City im Jahr 2005? 15 Arbeiter verloren dabei ihr Leben. Die Anlage war verfrüht in Betrieb genommen worden. Ein Turm mit Treibstoff explodierte in der Raffinerie. Es gab keinen Sicherheitssensor, der vielleicht frühzeitig Alarm geschlagen und vor einer Explosion gewarnt hätte. BP veranlasste eine interne Studie zu dem Vorfall. Sie stand unter der Leitung des ehemaligen US-Außenministers James Baker und war vernichtend, was die Analyse zu BP anging. Sie deckte sich mit vielen unserer Ergebnisse aus Alaska und mit der Tatsache, dass das Unternehmen systematisch die Erneuerung und Wartung von Ausrüstung vernachlässigt hatte. Nach der Explosion schaltete sich auch OSHA in die Sache ein. Sie stellte fest, dass BP kriminell fahrlässig gehandelt hatte und stellte Hunderte weitere Verstöße fest, gegen die nichts unternommen wurde. Seit 2007 musste BP Geldstrafen in Höhe von rund $87 Millionen zahlen, weil es die Probleme, die schon vor Jahren festgestellt worden waren, immer noch nicht behoben hatte.
Kalifornien?
In Kalifornien beschäftigten wir uns mit der Carson-Raffinerie, südlich von Los Angeles. Die Behörde vor Ort, die für Luftqualität und Luftverschmutzung zuständig ist, hatte BP die Genehmigung erteilt, die Überprüfungen eigenständig durchzuführen. Das heißt, BP durfte die Kontrollen an den Tanks seiner Anlagen selbst durchführen. Probleme sollten gemeldet werden. Allerdings durften sie diese selbst beheben. Solange BP in gutem, konstantem Kontakt mit dem Bundesstaat (Kalifornien) stand, war alles okay. Nach einiger Zeit wurde der Bundesstaat jedoch misstrauisch. BP berichtete, es gäbe null Probleme. Es seien keine Wartungsarbeiten nötig. Also klopfte der Staat an das Tor der Carson-Raffinerie - und wurde abgewiesen. Man sah sich gezwungen, sich einen Durchsuchungsbeschluss zu verschaffen, bevor man hinein konnte, um Inspektionen durchzuführen. Dabei kam heraus, dass 80 bis 90 Prozent der Auflagen nicht erfüllt waren. Sie fanden Tausende von Verstößen in diesen BP-Anlagen. BP wurde verklagt und der Staat bekam, durch einen Vergleich, $100 Millionen.
Es geht also nicht nur um BP und deren riskante Praktiken. Es geht auch um die Handlungsweise der Regierung. Mit allem, was BP auf dem Kerbholz hatte, bekam es dennoch die Lizenz für Offshore-Bohrungen.
Yeah, genau. Viele der Dokumente (die wir bekamen) und die Zustände, die wir bloßlegten, waren der Öffentlichkeit unbekannt - aber nicht unbedingt der Regierung. Wir fanden auch heraus, dass es ein jahrelanges Gerangel zwischen BP und der Umweltbehörde (Environmental Protection Agency) - vor allem in Alaska und in Kalifornien - gegeben hatte. In einem Teil der Dokumente - im Original der Dokumente, die wir bekamen - ging es darum, dass die Bundesregierung (Kaliforniens) einen Plan forderte. Die Environmental Protection Agency verhandelte im Jahre 2000 mit BP und forderte, dass BP sich damit einverstanden erklären sollte, alle Punkte (siehe oben) in Ordnung zu bringen. Einige Jahre später mussten sie feststellen, dass BP nicht Folge geleistet hatte. Also erhöhten sie den Druck. BPs Reaktion bestand aus verstärkten internen Inspektionen und Analysen des eigenen Verhaltens. Daraus sind diese Berichte entstanden (mit negativen Resultaten) ,die wir gesehen haben. Es hat den Anschein, als habe sich die Environmental Protection Agency 11 Jahre lang den Kopf darüber zerbrochen, was sie mit BP machen soll.
Wer hat mehr Macht: Die Umweltschutzbehöre (EPA) oder BP?
Eine lustige Frage. Wir haben über das Thema 'Ausschluss' diskutiert. Die Regierung wäre in der Lage, mit BP keine Verträge mehr abzuschließen, BP von Regierungsaufträgen auszuschließen. Wie es scheint, ist das das stärkste Druckmittel, das die US-Regierung gegen BP besitzt. Das ist aber eine schwierige Sache - da BP der wichtigste Kraftstofflieferant für das US-Militär ist. Es ist offensichtlich, dass sich BP so verhält, als wäre es der Stärkere, als ob es der US-Regierung keine Antwort schuldig sei. Ich denke, das ist der finale Test für die Umweltschutzbehörde und das Justizministerium: Sind sie in der Lage, ein Druckmittel zu finden - und anzuwenden - das dieses Unternehmen unter Kontrolle bringt?
Abrahm Lustgarten, vielen Dank, dass Sie bei uns waren und für ihre Reportage.
Abrahm Lustgarten arbeitet für die investigative Webseite ProPublica.org und beschäftigt sich seit Jahren mit BP.
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