Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Artikel Israels jüdisches Problem in Teheran
Artikelaktionen

Israels jüdisches Problem in Teheran

von Jonathan Cook

03.08.2007 — ZNet

— abgelegt unter:

 

Iran ist das neue Nazideutschland und sein Präsident, Mahmoud Ahmadinejad, ist der neue Hitler. Zumindest das erklären israelische Offizielle seit Monaten, während sie und ihre amerikanischen Verbündeten versuchen, die Zweifler in Washington davon zu überzeugen, dass ein Angriff auf Teheran unabdingbar ist. Und wenn den jüngsten Medienberichten Glauben zu schenken ist, sieht es so aus, als ob sie in ihrem Kampf um allgemeine Zustimmung wieder Oberwasser bekommen: Vizepräsident Dick Cheney soll dabei sein, das Weiße Haus zurück auf den Pfad zu einem Militärschlag zu führen.

Früher in diesem Jahr sagte uns Binyamin Netanyahu, der israelische Oppositionsführer und der Mann, der sich als erster Panikmacher im Staat zu entwerfen scheint: „Es ist 1938 und Iran ist Deutschland. Und Iran beeilt sich, sich mit Atombomben zu bewaffnen.” Über Ahmadinejad sagte er: „Er bereitet einen neuen Holocaust für den jüdischen Staat vor.“

Vor ein paar Wochen, als der israelische Geheimdienst behauptete - wie er das seit den frühen 90ern regelmäßig getan hat - dass Iran nur noch ein Jahr oder so von dem Punkt entfernt ist, wo es kein Zurück mehr gibt und er einen Atomsprengkopf entwickelt, äußerte sich Netanyahu in dieser Weise: „Iran könnte die erste Atommacht werden, die sich nicht abschrecken lässt“. So warnte er und fügte hinzu: „Dies ist ein jüdisches Problem, so wie Hitler ein jüdisches Problem war … Die Zukunft des jüdischen Volkes hängt von der Zukunft Israels ab.“

Aber Netanyahu war bei weitem nicht allein mit extravaganten Behauptungen über einen drohenden Völkermord durch den Iran. Israels neuer Präsident Shimon Peres hat eine iranische Atombombe mit einem „fliegenden Konzentrationslager“ verglichen. Und der Premierminister Ehud Olmert sagte letztes Jahr einer deutschen Zeitung [BILD 28.4.2006]: „Ahmadinejad spricht heute so wie Hitler vor der Machtergreifung. Er spricht von der völligen Zerstörung und Vernichtung des jüdischen Volkes.“

Es gibt ein interessantes Problem dabei, diese „Iran ist Nazideutschland“-Linie zu vermitteln. Wenn Ahmadinejad wirklich Hitler wäre, bereit, den Völkermord an Israels Juden in der Sekunde zu begehen, da er Atomwaffen in seine Finger kriegen kann, warum leben dann um die 25.000 Juden friedlich im Iran und sind durchaus nicht gewillt, trotz wiederholter Offerten von Seiten Israels und amerikanischer Juden, da wegzugehen?

Was ist die Grundlage für Israels düstere Vorhersagen - für dieses ideologische Gerüst, das vermutlich zur Rechtfertigung eines Angriffs auf den Iran errichtet wird? Dankenswerterweise erinnerte uns George Bush, als er letzten Monat seine Irakpolitik verteidigte, erneut an die Bedrohung, die Iran angeblich darstellt: Es „droht Israel von der Landkarte zu vertilgen“.

Dieses Märchen ist ununterbrochen wiederverwertet worden, seit ein Übersetzungsfehler bei einer Rede gemacht wurde, die Ahmadinejad vor fast zwei Jahren gehalten hat. Farsi-Experten haben bestätigt, dass der iranische Präsident, weit entfernt davon, mit Israels Zerstörung zu drohen, aus einer Rede des alten Ayatollah Khomeini zitiert hat, in der er Unterstützern der Palästinenser versicherte, dass „das zionistische Regime in Jerusalem von den Seiten der Geschichte verschwinden“ würde.

Er drohte nicht damit, Juden oder gar Israel auszutilgen. Er verglich Israels Besatzung Palästinas mit anderen illegitimen Herrschaftssystemen, deren Zeit vorbei war, einschließlich dem des Schahs, der einst Iran regiert hatte, dem von Apartheidssüdafrika und dem des Sowjetreichs. Trotzdem überlebte und gedieh die fehlerhafte Übersetzung, weil Israel und seine Anhänger sie für ihre eigenen rohen Propagandazwecke ausgenutzt haben.

Gleichzeitig ist die 25.000 Köpfe starke iranische jüdische Gemeinde die größte im Nahen Osten mit einer Geschichte, die dreitausend Jahre zurückreicht. Als eine von vielen nichtmuslimischen Minderheiten im Iran leiden Juden an Diskriminierung, aber es geht ihnen sicherlich nicht schlechter als der einen Million palästinensischen Bürgern Israels - und weit besser als den Palästinensern unter israelischer Besatzung im Westjordanland und im Gazastreifen.

Die iranischen Juden haben wenig Einfluss auf politische Entscheidungen und können keine höheren Ämter in der Armee oder der Verwaltung bekleiden. Aber sie haben viele Freiheiten. Sie haben einen Abgeordneten im Parlament, sie praktizieren ihren Glauben öffentlich in Synagogen, ihre Wohlfahrtsverbände werden von der jüdischen Diaspora unterstützt und sie können frei reisen, eingeschlossen nach Israel. In Teheran gibt es sechs koschere Schlachter und etwa dreißig Synagogen. Ahmadinejads Amt („Ahmadinejad’s office”) machte vor kurzem eine Schenkung an ein jüdisches Krankenhaus in Teheran.

In den Worten Ciamak Moresadeghs, Präsident des jüdischen Komitees Teherans: „Wenn man meint, dass Judaismus und Zionismus dasselbe sind, ist das genauso, als wenn man meint, dass Islam und Taliban dasselbe sind, und das sind sie nicht.“ Irans Staatsmänner verurteilen den Zionismus, dem sie vorwerfen, dass er zur Diskriminierung gegen die Palästinenser beiträgt, aber sie haben auch wiederholt versichert, dass sie kein Problem mit Juden, Judaismus oder sogar dem Staate Israel haben. Ahmadinejad, karikiert als ein Händler des Völkermords, hat in der Tat zu „Regimewechsel“ aufgerufen - und das nur in der Bedeutung, dass er meint, dass eine Volksabstimmung mit allen Bewohnern Israels und der besetzten Gebiete, Kriegsflüchtlinge eingeschlossen, über die Regierungsform abgehalten werden sollte.

Trotz der Abwesenheit irgendeiner Bedrohung gegen die Juden Irans haben israelische Medien vor kurzem berichtet, dass die israelische Regierung nach Wegen sucht, um iranische Juden nach Israel zu locken. Die Zeitung Ma’ariv wies darauf hin, dass bisherige Programme wenig Teilnehmer gefunden haben. Es gab, so der Bericht, „bei tausenden iranischen Juden keine Motivation wegzugehen“. Laut der New Yorker Zeitung Forward überzeugte ein Programm, um iranische Juden zur Auswanderung nach Israel zu bewegen, nur 152 dieser 25.000 Juden davon, den Iran zwischen Oktober 2005 und September 2006 zu verlassen, und von den meisten hieß es, dass sie aus wirtschaftlichen Gründen gegangen seien, nicht aus politischen.

Um diese Bemühungen zu verstärken - und vermutlich um die peinliche Unstimmigkeit, dass ein zweiter Holocaust kurz bevorsteht, aber tausende Juden glücklich in Teheran leben, zu vermeiden - hat sich Israel nun hinter einen Schritt von [einigen] jüdischen Geldgebern gestellt, jeder iranischen jüdischen Familie, die nach Israel zieht, dafür 60.000 US-Dollar zu geben, zusätzlich zu einer Reihe von existierenden finanziellen Vorteilen für jüdische Einwanderer z.B. bei Krediten und Hypotheken.

Diese Erklärung stieß bei der Gesellschaft iranischer Juden auf Verachtung, die in einer Stellungnahme verlauten ließ, dass ihre nationale Identität nicht zum Verkauf stünde. „Die Identität iranischer Juden ist für keinerlei Geldbetrag feil. Iranische Juden gehören zu den frühesten Iranern. Irans Juden lieben ihre iranische Identität und ihre Kultur, also werden Drohungen und dieser kindische politische Lockversuch ihr Ziel, die Identität der iranischen Juden auszulöschen, nicht erreichen.“

Jedoch könnte diese finanzielle Geste nicht nur unwillkommen, sondern auch selbsterfüllend sein, wenn frühere Präzedenzfälle als Messlatte dienen können. Israel organisierte vor einigen Jahren, als Argentiniens Wirtschaft in eine tiefe Rezession fiel, ein ähnliches Programm und strahlte übers Fernsehen ein Angebot von 20.000 US-Dollars für jeden Juden aus, der sich in Israel niederlassen würde. Monate später meldeten die israelischen Medien eine Zunahme antisemitischer Übergriffe in Argentinien, die noch beitrügen zum Druck auf die Juden dort, auszuwandern. Natürlich wurde nicht erwähnt, dass es möglicherweise einen ursächlichen Zusammenhang geben könnte zwischen den Übergriffen und Israels großzügigem Angebot an Juden, ihr Heimatland zu verlassen, während die Argentinier in Armut versinken.

Aber falls finanzielle Angebote - und deren mögliche indirekte Konsequenzen - iranische Juden nicht beeindrucken sollten, besteht guter Grund zur Befürchtung, dass Israel zu anderen, zweifelhafteren Mitteln Zuflucht nehmen könnte, um sie doch zum Auswandern zu bewegen. Das ist jedenfalls ein Weg, den Israel zuvor bei anderen Gemeinschaften arabischer Juden eingeschlagen hat, die es entweder als ein Reservoir möglicher Spione und Provokateure für den Bedarfsfall angesehen hat oder, mit den Worten von Israels erstem Premierminister David Ben Gurion, als „menschlicher Staub“ für Israels „demographische Schlacht“ gegen die Palästinenser.

Während der „Operation Susannah” 1954 zum Beispiel warb Israel skrupellos eine Gruppe ägyptischer Juden an, eine Reihe von Bomben in Ägypten zu zünden, um die Briten vom Abzug aus der Zone um den Suezkanal abzubringen. Als der Plan ans Licht kam, warf er natürlich den Schatten von Abtrünnigkeit über die ganze jüdische Gemeinschaft Ägyptens. Nachdem Israel zwei Jahre später auf die Halbinsel Sinai einfiel, wies die Regierung von Gamal Abdel Nasser 25.000 ägyptische Juden aus und, nachdem andere unter dem Verdacht der Spionage inhaftiert worden waren, folgte der Rest bald nach.

Noch weiter ging Israel, um den Auszug der größten jüdischen Bevölkerung der arabischen Welt aus dem Irak zu gewährleisten. 1950 erzwang eine Serie von Bombenexplosionen in Bagdad, die auf Juden gerichtet waren, den Exodus von zirka 130.000 Irakern nach Israel, die davon überzeugt waren, dass arabische Extremisten hinter den Anschlägen stünden. Erst später erwies sich, dass die Bomben von zionistischen Untergrundbewegung(en) gelegt worden waren, mit der Unterstützung der israelischen Regierung.

Nun sehen sich die Juden Irans in einer ähnlichen Weise behandelt - als einfaches menschliches Material. Es gibt zunehmend Berichte darüber, dass Israel die Bewegungsfreiheit zwischen dem Iran und Israel, der sich iranische Juden und ihre israelischen Verwandten erfreuen, dazu ausnutzt, um Spionageoperationen über Irans Atomprogramm auszuführen. Solche Berichte kommen von verlässlichen Quellen wie z.B. dem amerikanischen Enthüllungsjournalisten Seymour Hersh, der sich auf Beamte aus der US-Regierung beruft.

Der Nebeneffekt solcher Aktionen ist nicht schwer vorherzusagen. Belagert von den USA und der internationalen Gemeinschaft geht Teheran massiv gegen Abweichler und Minderheiten vor aus der Furcht heraus, dass die Kontrolle über die eigene Staatsmacht leicht erschütterbar ist und dass die gut dokumentierten Unterwanderungsversuche durch US-amerikanische und israelische Agenten wahrscheinlich noch intensiviert werden. Bisher habe die meisten Beamten in Teheran sorgfältig vermieden anzudeuten, dass Irans Juden eine Doppelloyalität hätten, und genau das hat auch die jüdische Gemeinschaft getan, beide im Bewusstsein, dass eine solche Konfrontation in Israels Interesse läge. Aber während die Spannungen zunehmen und der Zwang für Israel, Teheran seine Völkermordabsichten nachzuweisen, immer mehr zunimmt, könnte diese Politik schließlich aufgegeben werden - und mit ihr die Zukunft der Juden Irans.

Wichtiger als das Wohlergehen von iranischen jüdischen Familien ist anscheinend der Wert von iranischen Juden als Propagandainstrumenten in Israels Bemühungen, die Welt davon zu überzeugen, dass eine Koexistenz mit der Muslimwelt unmöglich ist. Für diejenigen, die einen Kampf der Kulturen konstruieren wollen, ist die 3000-jährige Geschichte der Juden im Iran nicht etwas zu Bewahrendes, sondern nur ein weiteres störendes Hindernis gegen einen Krieg.


Jonathan Cook ist ein Journalist aus Nazaret, Israel. Seine Webseite ist www.jkcook.net.

 

Übersetzt von: Benjamin Brosig
Artikelaktionen