Israels schweinischer Zionismus muss gestoppt werden
Israels Magnaten sind aufgewacht im Hinblick auf die neue Realität; beginnen sie, den Preis für ihr Verhalten zu zahlen – ihr Kapitalismus wurde als schweinisch definiert.
von Gideon Levy
19.08.2011 — Ha'aretz
Es gibt eine bemerkenswerte Ähnlichkeit zwischen Zionismus und Reichtum: Beide wußten nicht, wann sie stoppen sollten. In diesen Tagen sprechen wir über "schweinischen Kapitalismus", ein Begriff, den Präsident Shimon Peres früher als Mitglied der Knesset geprägt hat; er bezog sich insbesondere auf Benjamin Netanyahu, der zu der Zeit Finanzminister war und nun Premierminister ist. Es lohnt sich, daran zu erinnern, dass es auch schweinischen Zionismus gibt.
Schweine sind unersättlich, ist der Gedanke dabei. Sie fressen alles, was ihnen in den Weg kommt und verschlingen sich selbst, bis sie sterben. Das Gleiche tun Kapitalismus und Zionismus. Eine breite (und viel versprechende) Öffentlichkeit stimmt nun zu, dass der israelische Kapitalismus eine Schweinerei ist; der Begriff des Zionismus als schweinisch ist noch das Arbeitsgebiet einer winzigen Minderheit in Israel, aber nicht in der Welt. Zionismus und Kapitalismus begannen unterschiedlich.
Zionismus begann als nationale Bewegung, die danach strebte, eine nationale Heimat für die Juden zu errichten. Obwohl er dabei eine gravierende Ungerechtigkeit für die vorherigen Bewohner des Landes schuf, hatte er eine innere Gerechtigkeit. Er begann bescheiden: Einfriedung und Türme, Dunam um Dunam – einige davon legal erworben – Formen landschaftlichen Ansiedelns, die zum internationalen Modell wurden und eine relativ egalitäre Gesellschaft. Diese Bewegung errichtete einen inspirierenden und fast wundervollen Staat, dessen unglaubliche Errungenschaften auf vielen Gebieten einmalig in der modernen Geschichte sind.
Bis 1967 schien diese Bewegung zufrieden zu sein. Aber mit dem Essen (dem Sieg im Sechs-Tage-Krieg) kam der Appetit, und seitdem hat die Bewegung Charaktereigenschaften, die nur als schweinisch definiert werden können. Das Siedlungsprojekt in "den Gebieten" wurde von seiner Gründung an durch grenzenlose territoriale Lust angetrieben, das Besatzungsregime wurde grausam und totalitär, und Israels Sicherheitspolizei wurde unmoralisch. Hätte der Zionismus gewußt, wann er stoppen sollte, hätte er seine Lust und Gefräßigkeit gezügelt, das im Jahre 1948 begangene Unrecht wiedergutgemacht und seine Richtung geändert, dann wäre es eine Bewegung geworden, die man bewundert. Aber er stoppte nicht rechtzeitig, zügelte seine Gefräßigkeit nicht und heute bezahlt Israel den Preis dafür.
Ein Großteil der reichen Bevölkerung dieses Landes begann gut. Eine Familie errichtete eine Salzindustrie, eine andere eine bescheidene Molkerei, eine gründete eine Reederei, der andere startete als Bauunternehmer und ein Dritter begann als Importeur von Mobiltelefonen. Sie halfen, die Wirtschaft zu entwickeln und das Land und seinen Wohlstand aufzubauen.
Aber auch hier kam mit dem Essen der unersättliche Appetit und einige von ihnen wußten nicht, wann sie ihre Gefräßigkeit stoppen sollten. Sie überschütten ihre Angestellten mit enormen Gehältern, feiern ihre Familienereignisse verschwenderisch, führen ein pompöses Leben und behandeln das Geld der Bevölkerung, als ob es ihr eigenes wäre, indem sie Geld, das ihnen nicht gehört, zu ihrem Vorteil verwenden.
Nun ist die Zeit der Rechnung gekommen. Die Öffentlichkeit ruft sie zur Abrechnung auf. Das Wort "Magnat" ist zum Fluch geworden und (das Wort) "reich" ist fast verabscheuungswürdig. Hätte unser wohlhabendes Volk seine Gefräßigkeit rechtzeitig gestoppt, hätte es weiterhin an der Spitze der Welt, oder zumindest an der Spitze dieses Landes, wenn auch relativ bescheiden, feiern können.
Das Verhalten der Öffentlichkeit gegenüber diesen beiden Schweinereien ist bemerkenswert ähnlich. Als Erstes unterwarf man sich dem Reichtum und in der gleichen Weise auch Israels Siedlern in "den Gebieten", seinen "neuen Pionieren". Man schaute weg und verbarg sein Gesicht sowohl davor, wie die Magnaten ihr Geld machten, als auch davor, wie die Siedler ihre Einlagen absetzten. Der Staat behandelte sie auch derart; er ermutigte beide Gruppen. Dem Reichtum und den Siedlern bot er alles Gute – wirtschaftliche Anreize und Schutz, Zuschüsse und Darlehen. Er verkaufte den Magnaten natürliche Ressourcen und Firmen zu Sonderpreisen und gab den Siedlern die besetzten Ländereien kostenlos.
Der Staat hat diese beiden Gruppen geschützt. Er tut es noch, mithilfe eines Komitees für die Magnaten und durch die Fortsetzung seiner Pro-Siedler-Politik.
Die Magnaten sind im Hinblick auf die neue Realität aufgewacht. Im Sommer 2011 ist es nicht so erfreulich, Yitzhak Tshuva, Nochi Dankner, Ilan Ben-Dov oder Idan Ofer zu sein. Sie beginnen, den Preis für ihr Verhalten zu zahlen – ihr Kapitalismus wurde als schweinisch bezeichnet. Dies ist nicht der Fall im Hinblick auf den neuen Zionismus, den Zionismus der Besetzung und Siedlungen in den Gebieten. Es schweinisch zu nennen, ist noch als ketzerisch betrachtet. Aber wenn die Zeit für die Abrechnung kommt, werden wir fragen: Warum haben wir nicht diese Schweinerei rechtzeitig gestoppt?
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Welch orientierungsloses Gerede wird hier in Zmag.de ausgebreitet, wo so grossartige Menschen wie Ilan Pappe schreiben. Ich verstehe ihren Versuch, zu retten, was noch zu retten ist.
Auch Herr Rolf Verleger versucht mir manchmal zu erklaeren, dass es gute und schlechte, oder schweinische, Zionisten gibt wie gute und schlechte, vielleicht auch schweinische Juden, Christen, Moslems, Buddhisten, Atheisten und Antitheisten.
Ja, diese trivialen Ordnungsmethoden kenne ich aus meiner Kindheit in den 50er Jahren. Damals war es auch ueblich, uns zu erklaeren, dass das mit dem 1000jaehrigen Reich gut angefangen hat, aber diese Leute konnten nicht aufhoeren. Sie bauten, kauften und verkauften, die Wirtschaft brummte und summte und es krachte, dass selbst der HERR lachte.
Aber schon als Kind kam mir das komisch vor. Es ist der Versuch, etwas grundsaetzlich Schiefes ins rechte Lot zu versetzen. Wenn wir wie sie mitten im Sumpf stecken, dann sind uns kleine Anhaeufungen von Pflanzen schon fester Untergrund. Jeder von uns kennt das, wenn Sie ehrlich zu sich selbst sind. Und das, was wir oekonomische Wissenschaft nennen, ist die organisierte Instanz einer derartigen Selbsttaeuschung. Und das, was wir politische Wissenschaft nennen, koennen wir gleich hinterher in den Muell packen.
Wir brauchen Wissenschaften und keine Glaubensveranstaltungen. Wir muessen uns der Geschichte frei und offen gegenueber verhalten, ihre inneren Kraefte verstehen, ihre Akteure erkennen und vor allem deren materiellen Interessen.
Das Geschwaetz ueber eine Heimstatt fuer Juden, frueher wurde dabei noch der Begriff juedisches Volk verwendet und nur die allerduemmsten verwenden ihn noch, koennt ihr euren Grosseltern erzaehlen, falls sie euch noch zuhoeren.
Israel ist ein zionistisches Projekt. Und der Zionismus ist eine eurokolonialistische Ideologie zum Landraub in Palaestina. Und nichts anderes. Er wurzelt in der Zeit des nationalen Wahns, als auch Namibia von den Deutschen ueberfallen wurde. Es war die Zeit, als sich alle Landraeuber einen ideologischen Anstrich gaben, eine Ideologie zur Legitimierung des Landraubs organisierten. Unter der Fahne des Nationalismus, um genuegend Soeldner aufzutreiben.
So war es auch mit der zionistischen Weltbewegung, die niemand kannte, sah, spuerte, vor allem nicht die juedischen Menschen. Und sie nannten sich Juden, weil sie dann zur Teilhabe berechtigt waren und schnell vorher sich irgendwo zum Juden erklaeren liessen. Und dann boten sie sich als erstes den Englaendern an, weil sie wussten, dass diese Soeldner im Nahen Osten brauchen und dafuer auch Geld fliessen lassen. Das koennen sie gut bei Jabotinski nachlesen.
Siegfried Bernfeld, ein Mitbegruender der freien Paedagogik im deutschsprachigen Raum, war in den 20er Jahren fuer einige Monate in Palaestina und wollte sich dort am Aufbau von sozialistischen, kooperativen Keimzellen beteiligen. Nach wenigen Monaten hat er entsetzt Palaestina verlassen wegem dem unglaublichen nationalen Rassenwahn, der dort gepflegt wurde und alles Leben in seinen Sumpf zog.
Das heutige Israel steht in wirklicher Uebereinstimmung mit dem alten Israel und seinen Vernichtungen anderer Voelker, besonders der Kanaanern. Die historischen Dokumente sprechen eine deutliche Sprache des Raubs, der Abschlachtung, der Vertreibung. Und heute sehen wir das gleiche.
Auch Uri Avnery habe ich es geschrieben. Es ist eure parasitaere Existenzgrundlage als Teilhaber am Raubgut, an einer basislosen Oekonomie, an einer Gesellschaft, die nur von Hass aus ihrer Angst, das dies zu Ende geht, lebt. Und es wird zu Ende gehen wie so vieles dieser aufgeblasenen Konstruktionen. Heute halten sich diese Systeme nur ueber ihren monstroesen Militaerapparat am Leben. Aber auch das wird zu Ende gehen.
Und dann? Dann werden jene heutigen Israelis ein neues, befreites Leben mit den arabischen und afrikanischen und asiatischen Menschen fuehren koennen, die dies immer schon wollten. Und der Rest geht dahin zurueck, wo sie hergekommen sind. Zu ihren stalinistischen und faschistischen Freunden.
Die Palaestinenser werden das neue alte Palaestina organisieren. Es sind Menschen mit einer hohen Kultur, einer tiefen Verbundenheit mit Natur und Geschichte, erfuellt mit Prinzipien der Gerechtigkeit, Gleichwertigkeit, Respekt und Achtung zu anderen Menschen und deren Kulturen, sofern sie friedlicher Natur sind.
Es gibt einen wichtigen Satz, der tief in der juedischen Kultur verankert ist. "Tu deinem Naechsten nicht an, was dir selbst verhasst ist". Er koennte auch von Jesus von Nazareth stammen, dem juedischen Freiheitskaempfer gegen die Eliten, der nie Christ geworden waere. Und nur missbraucht wird und wurde von dem christlichen, kriminellen Apparat.
An die Redaktion oder Frau Inga Gelsdorf wende ich mich mit der Bitte, diese Antwort ins englische zu uebersetzen und an Herrn Gideo Levy zu senden und in Znet ebenso zu verbreiten.
mit lieben Gruessen, willi uebelherr