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Kommentar zu Nasrallahs Rede

Gewehrfeuer, und Hisbollah behauptet, der Libanon befinde sich im Krieg

von Robert Fisk

09.05.2008 — Robert Fisks Internetseite des Independent

— abgelegt unter:

Wenn ihr uns bekämpfen wollt, müsst ihr gegen uns kämpfen. So lautete Sayed Hassan Nasrallahs gestrige Botschaft  an die Libanesische Regierung. Nur Sekunden nach diesen Worten kam es auf den Straßen Beiruts zu zwei massiven Gewehrfeuergefechten.

Nasrallah sprach – wie immer, wenn er den Feinden der Hisbollah droht -, in seiner durchdachten, sorgfältigen und alarmierenden Art. Er nannte den Namen des libanesischen Premierministers Fouad Siniora in einem Zug mit dem des Drusenführers Walid Dschumblat, selbst das. Nasrallah bezeichnete Dschumblat als wahren Premierminister und Siniora als dessen Stellvertreter. Er beschuldigte beide, am Beiruter Flughafen eine CIA-Mossad-Basis installieren zu wollen. Welchen anderen Grund könnte es für die beiden Männer geben, die Auflösung des Hisbollah-Kommunikationssystems und die Absetzung des Chefs der Flughafensicherheit zu fordern, fragte er. Die "libanesische Regierung hat dem Widerstand den Krieg erklärt", so Nasrallah. Vielleicht. Aber Nasrallah möchte immer noch lieber die Israelis als Feinde der Hisbollah sehen  – und nicht die Gegner im eigenen Land.

Was passierte in den ersten Minuten nach seiner Rede? Mindestens ein Bewaffneter der schiitischen Amal eröffnete das Feuer auf ein Büro von sunnitischen Regierungsanhängern. Einige dieser jungen Leute gehören womöglich zu jenen Jugendlichen, die offensichtlich extra für eine solche Schlacht aus Tripoli hergeschafft worden waren. Die Libanesische Armee hielt sich letzte Nacht in den Straßen zurück. Ihre gepanzerten Fahrzeuge fuhren jedoch zwischen den Schnittstellen der zerstrittenen Gruppen hin und her - offensichtlich, um deeskalierend auf beide Seiten einzuwirken.

Die Rede des Generalsekretärs der Hisbollah, Hassan Nasrallah, war düster und alarmierend. Sie erfolgte weniger als 24 Stunden, nachdem Obermufti Mohammed Kabbani die Hisbollah wütend als "bewaffnete Bande von Verbrechern, die hässlichste Angriffe gegen Bürger und deren Sicherheit verüben", bezeichnet hatte. Unnötig zu erwähnen, dass beide Männer das Offensichtliche ungesagt ließen: Nasrallah repräsentiert einen großen Teil der schiitischen Gemeinde, Kabbani repräsentiert die meisten der Sunniten.

Keine Frage, dem religiös-sektiererischen Hintergrund dieses gefährlichen Spiels kommt zentrale Bedeutung bei. Die Straßenkämpfe in Beirut finden zwischen Schiiten und Sunniten statt. Erstere unterstützen die vom Iran bewaffnete Hisbollah, Letztere die libanesische Regierung, die heute regelmäßig mit dem Ausdruck "von Amerika unterstützt" etikettiert wird. Anders gesagt: Der Kollaps der Stadt Beirut in den letzten beiden Tagen ist Teil des amerikanisch-iranischen Konflikts. Aber die Amerikaner werden gewiss der Hisbollah die Schuld geben, die Iraner den Amerikanern.

Doch die Rhetorik, zu der Nasrallah - und Kabbani – griffen, ist zum Fürchten, auch wenn Nasrallah während seiner Rede neben dem gelben Banner der Hisbollah die libanesische Nationalflagge mit der grünen Zeder im Hintergrund hängen hatte. Er bezeichnete Dschumblat als "Lügner, Dieb, Killer...". Und obwohl Dschumblat vermutlich herzlich gern dasselbe über Nasrallah sagen würde, ist diese Sprache für die Libanesen lebensgefährlich.

Nasrallah beschwerte sich, die Absetzung des Sicherheitschefs des (Beiruter) Flughafens, Wafiq Chucair, sei Teil einer amerikanisch-israelischen Verschwörung. Das mag übertrieben klingen. Nasrallah erklärte jedoch ausführlich und insistierend, Punkt für Punkt, weshalb die Hisbollah ihre neuen Kommunikations-Links - einschließlich ihrer Kameras im Beiruter Flughafen - behalten sollte. Diese Argumentation ist vermutlich nicht so unbegründet - obwohl die Links der Organisation (Hisbollah) natürlich andererseits helfen, Staat im Staate zu bleiben. Schnurlose Kommunikation könne leicht angezapft werden, sagte er und fügte hinzu, die neue Kommunikation sei "das machtvollste Instrument" der Hisbollah im Krieg 2006 gegen Israel gewesen.

Nasrallah wies ausführlich darauf hin, dass die Regierung Siniora der Hisbollah erst kürzlich mitgeteilt hatte, sie könne ihre abgesicherten Kommunikations-Schaltkreise behalten, man werde sie dulden, falls die Hisbollah ihre "Zeltstadt" im Zentrum Beiruts schließe, die weitgehend leer steht. Das Kommunikationssystem existierte ja zum überwiegenden Teil schon über ein Jahr.

Die Hisbollah habe keinen Streit mit der Libanesischen Armee. Deren Kommandeur, General Michel Suleiman, wird dies womöglich etwas anders sehen. Gestern sagte er, die Situation "gefährdet die Unparteilichkeit der Armee".

All dies trägt zur Verschärfung der Libanonkrise bei. Gestern kam auf dem Beiruter Flughafen so gut wie kein Flugverkehr zustande. Die christliche Tageszeitung L'Orient Le Jour schrieb zurecht, der Flughafen sei eine Geisel der Hisbollah - die alle Straßen, die zum Terminal führen, kontrolliert. In der Kleinstadt Saadnayel im Bekaa-Tal kam es zu kurzen Gewehrfeuergefechten zwischen der Regierung und Anhängern der Opposition. In Regionen, die Demarkationslinien zwischen schiitischen und sunnitischen Distrikten darstellen, brannten Reifen. Die Armee schloss die Corniche-Mazraa-Autobahn, die West-Beirut unterteilt. Diese Straße ist derzeit Schauplatz eines Feuergefechts - Stand letzte Nacht. Kuwait drängt seine Bürger, den Libanon zu verlassen - ohne ihnen allerdings verbindlicher mitzuteilen, wie genau sie dies bewerkstelligen sollen - ohne Flughafen.                                    

Übersetzt von: Andrea Noll
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