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Ni'lin - hört irgendwer?

Die Bewohner der Palästinenserstadt Ni'lin kämpfen weiter gegen israelische Versuche, ihnen ihr Land wegzunehmen.

von Neve Gordon

19.07.2008 — The Nation / ZNet

— abgelegt unter:

"Bulldozer-"Terrorist" aus Jerusalem tötet 3 bei Amokfahrt", lautete vor kurzem die Schlagzeile eines CNN-Artikels.

Er beschrieb die Attacke eines palästinensischen Bauarbeiters, der drei Israelis tötete und Dutzende verletzte. Bei meiner Google-Suche fand ich 3525 Einträge - Nachrichten-Artikel, in denen etwas über diesen brutalen Angriff stand. USA Today, The New York Times, The Los Angeles Times, BCC, Fox News, Al Dschasierah und andere große Medien - sie alle haben darüber berichtet. Auch weniger bekannte Medien - wie die Khaleej Times (Vereinigte Arabische Emirate), die Edmonton Sun (Kanada) oder B92 (Serbien) - schrieben ausführlich über das Geschehene. Es ist davon auszugehen, dass weltweit fast alle Nachrichtenmedien in irgendeiner Form über den Angriff berichteten.

Gibt man auf Google den Begriff "Ni'lin" ein, so erscheinen lediglich 75 Ergebnisse. Nur Wenige der großen Medien berichten über den mutigen Widerstand der Bewohner der Palästinenserstadt Ni'lin in der besetzten Westbank gegen die Enteignung ihres Landes durch Israel. CNN, die LA Times und USA Today berichteten überhaupt nicht. Das Wall Street Journal und die New York Times berichteten kurz - das war's. Bedenkt man, dass die Einwohner Ni'lins in den letzten zwei Monaten einen Meilenstein setzen konnten - einen Meilenstein in der Geschichte des Volkswiderstandes - so bietet die eingeschränkte Berichterstattung über ihre Kampagne noch nicht einmal einen Überblick .

Die Geschichte Ni'lins ist die Geschichte fortwährender Enteignung. Ni'lin ist eine landwirtschaftlich geprägte Stadt. Im Krieg von 1948 gingen ihr große Teile ihres ländlichen Besitzes verloren. Nach 1967 nutzten die Israelis die Tatsache, dass Ni'lin nahe an der international anerkannten Grünen Linie liegt und fingen an, Land für jüdische Siedlungen zu konfiszieren. Zunächst wurden 74 Dunam[1] für die Siedlung Shilat enteignet. Anschließend 661 Dunam für die Siedlung Mattityahu. 1985 wurden 935 Dunam konfisziert - für die Siedlung Hashmonaim. 6 Jahre später wurden weitere 274 Dunam enteignet, diesmal für die Siedlung Mod'in Illit und 1998 weitere 20  Dunam für die Siedlung Menora. Insgesamt wurden 13% des Landes von Ni'lin für den (israelischen) Siedlungsbau enteignet.

Im Jahre 2002 begann Israel mit dem Bau der Trennmauer. Diese Barriere ist, so die Entscheidung des Internationalen Gerichtshofs, illegal. Vor kurzem begann ein neuer Bauabschnitt. Er liegt nahe der Stadt Ni'lin. Sollten diese Bauarbeiten zum Abschluss kommen, so werden die Bewohner der Stadt Ni'lin weitere 2500 Dunam verlieren - 20% des Landes, das sie noch besitzen.

Doch das Fass ist jetzt übergelaufen. Anfang Mai starteten die Bewohner eine Volkskampagne, um die Enteignungen zu stoppen. Trotz der brutalen Versuche, den Aufstand niederzuschlagen - mit Schusswaffengewalt (fast 200 Verletzte) und durch Ausgangssperre - sind die Bewohner nicht gewillt, sich zu beugen. Das ist keine unwichtige Sache. In den Annalen der Geschichte findet man äußerst selten eine Stadt, die gemeinsam - quasi wie eine einzige Person - aufsteht, eine Stadt, in der es täglich zu Aktionen des zivilen Ungehorsams kommt. Vor allem angesichts der gewaltsamen Reaktionen auf diesen Widerstand ist dies ungewöhnlich.

Die Ereignisse, die sich in Ni'lin entfalten, sind eigentlich der perfekte Stoff für eine gute Story. In den ersten drei Tagen der Ausgangssperre wurde kein Krankenwagen in die Stadt gelassen. Die Leiche eines verstorbenen Einwohners wurde 4 Stunde lang am Stadteingang aufgehalten, bevor das israelische Militär der Familie endlich die Erlaubnis gab, die Leiche für die Beerdigung in die Stadt zu holen. Eine schwangere Frau in Wehen durfte den Ort nicht verlassen und musste zu Hause gebären. Ein 12jähriger Junge wurde von Soldaten aus seinem Haus geholt und zwei Tage lang festgehalten, ohne dass es eine Beschuldigung gab. Mehrere ältere Frauen wurden geschlagen. 3 Einwohner wurden beim Einsatz scharfer Munition schwer verwundet.

Warum berichten die meisten Medien nicht über die anhaltende Kampagne in Ni'lin? Der Grund ist schlichtweg, dass eine Berichterstattung über Ni'lin das Stereotyp über den israelisch-palästinensischen Konflikt, wie es uns die Quellen der Mainstream-Nachrichten vermitteln, beschädigen würde. Die Ereignisse in Ni'in enthüllen eine komplexere Realität. Der Bulldozer-Angriff  hingegen hat zu einer Betonung der typischen Auffassung über den Konflikt geführt.. Ni'lin zeigt keine Palästinenser, die Terrorakte gegen eine Zivilbevölkerung begehen. Die Story von Ni'lin zeigt vielmehr populäre Akte zivilen Ungehorsams, die sich trotz der ruchlosen Unterdrückung der Besatzungsmacht ereignen.

Ein weiterer Aspekt der Ni'lin-Story, der dem gängigen Stereotyp widerspricht, ist, dass hier Palästinenser und Juden nicht auf verschiedenen Seiten kämpfen. Dutzende jüdische Israelis und internationale Aktivisten stehen Seite an Seite mit den palästinensischen Einwohnern. Gemeinsam versuchen sie, die Militärbulldozer davon abzuhalten, Land der Stadt Ni'lin zu zerstören. Unter den Verletzten befinden sich auch viele Israelis.

Die Story von Ni'lin ist - anders gesagt -, die Story eines kolonialisierten Volkes, das sich seiner Kolonialisierung widersetzt. Die Mainstream-Medien sind nicht daran gewöhnt, den israelisch-palästinensischen Konflikt aus dieser Perspektive zu schildern. Unter Zugrundelegung meiner Google-Recherche könnte man meinen, die meisten Redakteure seien noch nicht bereit, umzudenken und einen anderen Ansatz zu wählen. Die historische Kampagne in Ni'lin - und die vielen anderen gewaltlosen Kampagnen des massenhaften zivilen Ungehorsams gegen die Okkupation (in Bi'lin, A'ram und an anderen Orten) sind anscheinend noch immer nicht druckreif.

Nachtrag des Autors

Als das Militär begriffen hatte, dass der Emanzipationswille der Bewohner mit Gewalt vor Ort nicht zu stoppen ist, fingen sie an, palästinensische und israelische Demonstranten zu verhaften - in der Hoffnung, die enormen Rechtskosten würden die Sache erledigen. Falls SIE dazu beitragen wollen, die juristischen Kosten im Zusammenhang mit der Kampagne von Ni'lin zu senken, gehen Sie bitte auf

 http://www.awalls.org/donations

Fussnoten

[1] dunum= 1000 m². http://en.wikipedia.org/wiki/Dunam

Übersetzt von: Andrea Noll
Artikelaktionen
1
flora sagt
25.07.2008 11:52

Wollen Sie eine ehrliche Antwort, Mr. Gorden?
"...Die Geschichte Ni`lin ist die Geschichte fortwährender Enteignung..."
Fortwährende Enteignung(richtiger wohl Vertreibung) nennt man heutzutage Ethnische Säuberung wenn sie systematisch seit Jahrzehnten betrieben wird und dem Raub von Land dient.Und das ist es doch, was in Palästina stattfindet. Ethnische Säuberung aber ist ein Verbrechen gegen die Menschheit, also ein Völkerrechtsverbrechen! Da aber Israel diese ethnischen Säuberungen notorisch und systematisch seit mindestens der Staatsgründung 1948 bertreibt, ist Israel ein Verbrecher - und Terrorstaat. Oder wie nennen wir ansosten solche Staaten, die wir normalerweise wegen solcher Völkerrechtsverbrechen ruck zuck in die Steinzeit zurückbomben?
"hört irgendwer...?" Natürlich hören wir alle diese verheerenden Nachrichten aus Palästina! Aber niemand aus der zivilisierten westlichen Welt wagt es das Maul auf zu machen. Weder die Völker dieser Erde noch deren Regierungen, denn der Terrorstaat Israel hat einen mächtigen Freund der genauso verbrecherisch und skrupellos ist.Dieser mächtige Freund hat klar gesagt, was denjenigen droht, die nicht "mitmachen". Wer nicht unser Freund ist... u.s.w.
Wer diese beiden Terrorstaaten nicht unterstützt wird mit dem Bann belegt indem er als Antisemit oder als amerikafeindlich diffamiert wird.Beides ist absolut tötlich, und das meine ich im Wortsinn!
J.Möllemann war der letzte von politischem Gewicht der es gewagt hat Klartext zu reden, sein Ende ist bekannt!
Also Mr. Gorden, wer ist so lebensmüde und wagt noch zu sagen was er hört und sieht, oder gar was er denkt?
Was für einen Sinn soll es also machen den Israelis zu sagen dass Vökerrechtsverbrechen eine verheerende Wirkung nicht nur auf die Opfer haben, sondern genauso auf die Täter. Wir Deutsche könnten den Israelis kompetente Auskunft geben über den seelischen Schaden von Tätern mit dem sie über Generationen leben werden, aber wer traut sich das? Einem furchtbaren Freund wie Israel oder den U.S.A.gegenüber behält man solche Ratschläge lieber für sich, wenn man nicht lebensmüde ist.
Das ist die Wahrheit, Mr. Gorden, darum sehen und hören wir nichts wenn wir Prominente sind, und darum wird das Leid der Palästinenser und der Iraker und der Afghanen und demnächst der Perser und, und,und... kein Ende nehmen!
Diesen Text hat jemand geschrieben, der als deutscher Vertriebener genau weiss was ethnische Säuberungen (in Wirklichkeit Völkermord) und sogenannte Enteignungen bedeuten. Der zu jung war um Täter zu werden, der aber die Leiden der Opfer kennt!
Jemand, bei dessen Geschichte genauso niemand hinhört, 60 Jahre nach den Verbrechen, wie heute niemand beim Leid der Palästinenser hinhört.
Frage beantwortet, Mr. Gorden?
C.Pichlo