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Pakistan: Die Lage wird schlechter, doch die Stimmung steigt

von Robert Fisk

02.04.2010 — The Independent / ZNet

Vor wenigen Tagen reiste ich durch Lahore. Die Bevölkerung ist immer noch tief erschüttert durch den Selbstmordanschlag. Zwei Selbstmordbomber hatten sich neben zwei Armeelastern in die Luft gesprengt. 18 pakistanische Soldaten und 48 Zivilisten wurden getötet. Natürlich waren die Zivilisten "Kollateralschäden". Selbst diesen obszönen Ausdruck für 'unbeabsichtigte Opfer' haben die bösen Jungs von uns übernommen. Die Zivilisten zahlen den Preis für den anhaltenden Krieg, den Pakistan gegen die Taliban führt (im Swat-Tal und in Waziristan) - für Amerikas "Krieg gegen den Terror". Hier, in Lahore ist es vor allem ein Kampf zwischen den Taliban und der (pakistanischen) Armee. Mir fiel auf, dass die Straße, an der die Bomben explodierte, innerhalb der Zone der Royal-Artillery-Kasernen liegt. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, wofür die beiden Buchstaben RA standen. Ja, Großbritanniens imperiales Gespenst geistert noch immer durch diese Region - während das neue Imperium Amerika gewährleistet, dass die Menschen heute wieder so leiden wie unter den Raj. Wird die Freiheit nie in diese Mitternacht dringe

Noch weit empörter war ich durch Richard Holbrookes aufgeblasenen, übertrieben optimistischen Auftritt auf CNN, drei Tage nach dem Anschlag in Pakistan. Die Dinge liefen jetzt besser in "Af-Pak" (Afghanistan-Pakistan) teilte er der Welt mit. Wie ich diese infantilen Wortkreationen hasse ("Af-Pak", "strategische Tiefe", "spikes" (Stacheln), "surges" (Wogen (Truppenaufstockungen))). Die Al-Kaida sei "unter enormen Druck" geraten, "seit sie Schlüsselmitglieder ihrer Führerschaft verloren hat". Von 12 Al-Kaida-Führern seien im vergangenen Jahr 10 "eliminiert" worden. Man sollte hinzufügen, dass die meisten dieser Führer bei Angriffen durch unbemannte Drohnen auf pakistanischem Gebiet getötet wurden. Bei solchen Angriffen starben allein im Jahr 2009 667 Menschen. Und pakistanische Zivilisten werden Opfer von Racheattacken, die normalerweise der pakistanischen Armee gelten: Bei 15 Selbstmordanschlägen in den ersten 70 Tagen des neuen Jahren starben 322 Pakistanis, 500 wurden verletzt. Derzeit hat die pakistanische Armee zwei Divisionen im Swat-Tal stationiert sowie weitere Divisionen in Waziristan. Ginge es nach Mr. Holbrooke, so würde die pakistanische Armee auch in Nord-Waziristan einmarschieren - aber das müsse der Kommandeur der pakistanischen Armee entscheiden, meinte er großzügig.

So sieht es aus, Leute - wie damals im Irak unter Bush und Blair von Kut-al-Amara. Und je schlimmer es wird, desto mehr steigt der Optimismus. Wenn die Lage schlimm ist, kann sie schließlich besser werden. Zwischen 2001 und 2009 starben in Pakistan 12 632 Menschen (12 815 wurden verwundet). Sie starben durch Selbstmordanschläge, bei Operationen der pakistanischen Armee, durch Angriffe von Nato-Drohnen oder bei Stammeskonflikten. Nicht schlecht, oder? Die politische Gesamtsituation in Pakistan sei "heute viel besser", sagt Dickie Holbrooke. Eben erst appellierte der Ministerpräsident des Punjab, Shahbaz Sharif, an die Taliban, ihre Bombenattentate in Lahore einzustellen - da die Bevölkerung die Amerikaner (und Ex-Diktator) Pervez Musharraf nicht minder hassten wie die Taliban. Die pakistanische Armee spiele derzeit keine Rolle mehr in der "komplizierten" politischen Situation (so Holbrooke). Wir werden sehen.

Ich denke daran, wie ich diese Woche zusammen mit Imram Khan - und anderen ehrlichen pakistanischen Politikern (und ich versichere Ihnen, es gibt nicht viele) - im Gras saß. Es dämmerte über den Margalla-Bergen. Imran war zornig: "Mein Gott - die Menschen in Waziristan sind ein wunderbares, schönes Volk. Was tun wir ihnen nur an? Die Armee feuert mit ihrer Artillerie 20 Kilometer neben das Ziel. Man hatte ihnen befohlen, auf 11 Taliban zu feuern, und nach dem Schuss meldeten sie: 11 Taliban getötet. Wir töten unser eigenes Volk. Das muss aufhören". Es gibt wenig Grund zu der Annahme, dass Obama und seine vertrottelte Außenministerin sich einen Dreck darum scheren. Die Menschen sind verloren.

Vor wenigen Monaten noch meckerte "la Clinton" über die Weigerung des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu, den Siedlungsbau zu stoppen. Das war kurz nach Obamas "reach out" (ausgestreckte Hand) - auch einer dieser dämlichen Ausdrücke - an die Muslime. Clinton sagte, mit 'Siedlungen' meine sie sämtliche Siedlungen - illegale Siedlungen, "legale" Siedlungen, Außenposten - wie auch immer die Israelis sie gerne bezeichnen würden. Daraufhin unterbreitete Netanjahu ein lächerliches Angebot. Die jüdischen Kolonien in der Westbank sollten "eingefroren" werden, und das auch nur für sechs Monate (von Jerusalem war, wohlgemerkt, nicht die Rede). Daraufhin trottete la Clinton umgehend zur Arabischen Liga, um dieses außerordentliche, "nie dagewesene" Angebot der Landräuber der Netanjahu-Regierung zu verkünden.

Im Moment tobt la Clinton wieder vor Zorn. US-Vizepräsident Biden war in das Land gereist, dem die USA in den letzten zehn Jahren fast 200 Milliarden Pfund zugewendet hatten (in der Hoffnung, die Israelis und Palästinenser dazu zu bringen, wieder miteinander zu reden), da kündigte die Netanjahu-Regierung den Bau weiterer 1 600 jüdischer Heime in Ost-Jerusalem an. Natürlich hätte Biden sofort ins Flugzeug springen und zurück nach Amerika fliegen sollen. Haben die USA nicht schon genug getan, um ihr kleines Preußen im Nahen Osten in der UNO zu schützen? 39 registrierte Vetos. Keine Chance. Stattdessen sagte Biden, das Timing der Bemerkung sei "nicht hilfreich". Netanjahu sagte, er sei über die Ankündigung nicht vorab informiert gewesen. Wer das glaubt, glaubt sicher auch an den Weihnachtsmann und an Elfen am Boden des Gartens.

Was tat la Clinton? Statt zuzugeben, dass Biden, Obama und sie selbst von den Israelis so verächtlich behandelt werden, wie sie es verdient haben, tobte sie in einem Telefonat mit Netanjahu. Dies sei ein "Affront" und der Zeitpunkt der Ankündigung eine "Beleidigung". Aber das ist lächerlich.

La Clinton und Obama haben keinen Affront und keine Beleidigung erlitten. Diese Frau ist so auf sich fixiert, so herunterkommen, dass sie nicht begreift, wer wirklich angegriffen und beleidigt wurde: die Palästinenser. Sie sind es, die wieder einmal aus ihren Häusern vertrieben und enteignet werden, damit Netanjahus Kolonialisten weiter nach Ost-Jerusalem vordringen können. La Clinton hätte Netanjahu fragen sollen: "Wie können sie unschuldige Palästinenser derart bestrafen?" Doch sie hielt sich selbst und Obama für das Opfer.

Ich tippe, es ist nur eine Frage der Zeit, bis Obamas armseliger Gesandter George Mitchell gegen einen härteren Typ ausgetauscht wird. Und wer wäre wohl besser geeignet als Dickie Holbrooke, der harte Kerl, der weiß, wie man "Af-Pak" anpackt? Er würde vielleicht wissen, wie man Netanjahu anpackt? Es ist noch nicht lange her, da produzierte er in Dayton (Ohio) "Frieden" für Bosnien. Damals war Slobodan Milosevic noch ein geehrter Gast, und die Delegation der Kosovo-Muslime wurde mit ihren Bitten abgewiesen. Nichts sollte den Frieden in Bosnien gefährden. Die Kosovaren gingen. Die Nato fing einen Krieg mit Serbien an, und die Kosovo-Albaner erlebten ihre "ethnische Vertreibung". Nicht vergessen: Wir führten den Kosovo-Krieg, um den Kosovo-Albaner die Rückkehr in ihre Häuser zu ermöglichen. Aber bevor unsere Krieger der Royal Air Force und der US-Airforce anfingen, Serbien zu bombardieren, lebten die meisten Kosovaren ja noch in ihren Häusern.

Wen interessiert es? Mit Pakistan geht es bergauf. Nur die Amerikaner sind ein wenig sauer über Netanjahu. Immer eins nach dem andern. Das sagte auch Holbrooke damals zu den Kosovo-Muslimen. Die Al-Kaida fliehe, sagen sie und glauben, wir würden das ganze Geschwätz glauben.

Übersetzt von: Andrea Noll
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