Patrice Lumumba - 50 Jahre nach seiner Ermordung (1)
Ein Interview mit Adam Hochschild
von Juan Gonzalez
21.01.2011 — Democracy Now!
Diese Woche begehen wir den 50. Jahrestag der Ermordung von Patrice Lumumba. Er war der erste demokratisch gewählte Premier des Kongo (heute: Demokratische Republik Kongo). Patrice Lumumbas Panafrikanismus und seine Vision von einem einigen Kongo brachten ihm viele Feindschaften ein. Sowohl Belgien als auch die USA versuchten aktiv, ihn zu töten. Die CIA ordnete seine Ermordung an - und versagte. Stattdessen ließen Belgien und die USA heimlich Gelder und andere Hilfen an Lumumbas politische Rivalen fließen. Diese griffen nach der Macht und nahmen Lumumba gefangen. Am 17. Januar 1961 wurde Patrice Lumumba erschossen, nachdem er zuvor gefoltert und verprügelt worden war.
Juan Gonzalez:
Diese Woche war der 50. Jahrestag der Ermordung von Patrice Lumumba. Er war der erste demokratisch gewählte Premierminister der heutigen Demokratischen Republik Kongo. Seit Ende des 19. Jahrhunderts war der Kongo eine Kolonie Belgiens gewesen. Die Herrschaft der Belgier war brutal. Sie plünderten die reichen natürlichen Ressourcen des Landes. Patrice Lumumba war Mitglied der Befreiungsbewegung des Kongo und wurde einer ihrer Führer. 1960 wurde er zum ersten Premierminister des Landes gewählt.
Amy Goodman:
Lumumbas Panafrikanismus und seine Vision von einem einigen Kongo brachten ihm viele Feinde ein. Sowohl die USA als auch Belgien versuchten aktiv, Lumumba zu stürzen oder zu töten. Die CIA ordnete seine Ermordung an - und versagte. Stattdessen übergaben die USA und Belgien Geld und andere Hilfen an Lumumbas politische Rivalen. Diese griffen nach der Macht und nahmen Lumumba gefangen. Hier ein Ausschnitt aus einer Nachrichtensendung der (amerikanischen) Universal Studios vom Dezember 1960:
(Einspielung)
Universal Studios Newsreel:
Ein neues Kapitel ist aufgeschlagen - in der düsteren und tragischen Geschichte des Kongo. Der abgesetzte Premierminister Lumumba wurde nach Leopoldville zurückgebracht. Zuvor war er von Sondereinheiten des mächtigen Oberst Mobutu gefangengenommen worden. Vorbei an einer jubelnden und drohenden Menschenmenge wurde Lumumba zu Mobutus Hauptquartier gebracht - (er) versprach Lumumba, der für die Roten ist, einen fairen Prozess. Die Anklage soll lauten: 'Anstiftung der Armee zu einer Rebellion'. Mittlerweile wurde Lumumba in ein Armeegefängnis außerhalb der Hauptstadt verlegt. Währenddessen haben seine Anhänger Stanleyville und die Provinz Orientale unter ihre Kontrolle gebracht. Sie drohen mit neuem Chaos. Davor war Lumumba auch anderen Demütigungen ausgesetzt. So wurde er gezwungen, jene Rede 'zu essen', in der er erneut behauptet hatte, er sei der rechtmäßige Premierminister des Kongo. Selbst in Fesseln bleibt Lumumba ein gefährlicher Gefangener. Er ist ein Epizentrum - für brutale Loyalität, aber auch für seine nicht minder brutalen Gegner. (Ende)
Amy Goodman:
Am 17. Januar 1961 wurde der kongolesische Premierminister Patrice Lumumba erschossen. Zuvor wurde er gefoltert und verprügelt.
Um mehr darüber zu erfahren, sind wir nun mit Adam Hochschild verbunden. Er ist Autor des Buches
'King Leopold's Ghost: A Story of Greed, Terror, and Heroism in Colonial Africa' (2).
Sein neues Buch erscheint demnächst und trägt den Titel: 'To End All Wars: A Story of Loyality and Rebellion'. Hochschild ist Dozent an der Berkeley Graduate School of Journalism und Mitbegründer des Magazins Mother Jones. Diese Woche veröffentlichte die New York Times einen Kommentar von ihm - unter der Überschrift: 'An Assassination's Long Shadow' (Der lange Schatten einer Ermordung). Adam Hochschild ist uns nun aus San Francisco zugeschaltet. Bitte, Adam, erklären Sie uns, was Sie mit 'langer Schatten' meinen.
Adam Hochschild:
Nun, Amy, ich glaube, die Ermordung Lumumbas war ein Ereignis, das von vielen Menschen als Wendepunkt in der Geschichte der Unabhängigkeitsbewegungen Afrikas gesehen wurde. Während der 50ger Jahre hatte es überall auf dem Kontinent Befreiungsbewegungen gegeben. Viel Idealismus lag in der Luft und sehr viel Hoffnung - sowohl bei den Afrikanern als auch bei ihren Unterstützern in den USA und in Europa: Endlich, endlich würden die Kolonien unabhängig sein. Ich meine, die Menschen gingen damals von echter Unabhängigkeit aus - davon, dass diese Länder selbständig sein und ihr ökonomisches und politisches Schicksal in die eigenen Hände nehmen würden. Als Lumumba ermordet wurde, war dies ein (negatives) Signal: Es wird nicht geschehen. Der Grund war, dass Belgien und die übrigen großen ehemaligen Kolonialmächte Europas - wie Großbritannien oder Frankreich - zwar damit einverstanden waren, ihre afrikanischen Kolonien in die Unabhängigkeit zu entlassen, jedoch nur, solange es ihren Geschäften nicht abträglich war, das heißt, den Arrangements, die sie getroffen hatten. Solange eine europäische Macht weiterhin die Minen, Fabriken und Plantagen des Landes behalten konnte, war es okay. Sollten sie ruhig ihre Unabhängigkeit haben!
Aber Lumumba sprach mit lauter Stimme, und was er sagte, klang dramatisch. Er sagte, Afrika müsse auch in wirtschaftlicher Hinsicht unabhängig werden. Als die eigentlichen Unabhängigkeitsfeierlichkeiten (des Kongo) stattfanden - am 30. Juni 1960 - hielt er eine Brandrede zu diesem Thema und reagierte damit auf die ausgesprochen arrogante Ansprache von König Baudouin von Belgien. Ich glaube, mit Lumumbas Reden zu diesem Thema setzte ein Prozess ein, der zwei Monate später dazu führte, dass die CIA, mit Zustimmung des Weißen Hauses, beschloss, ihn zu ermorden.
Juan Gonzalez:
Natürlich sind die meisten Amerikaner/innen - vielleicht - nicht so sehr mit dem Thema 'Kolonialismus in Afrika' vertraut, denn während des 19. Jahrhunderts war dies vorwiegend ein europäisches Projekt. Ich denke an die Rolle Belgiens und an die Bedeutung des Kongo. Dieser war wirklich eine Perle Afrikas - in Bezug auf Reichtum und Ressourcen. Wie sehr hat der Kongo gelitten, bevor Lumumba an die Macht kam?
Adam Hochschild:
Nun, die eigentliche Geschichte beginnt relativ spät - in moderner Zeit: 1885 (1884/1885). Damals begannen alle maßgeblichen Staaten Europas - und ihnen allen voran die USA - den Kongo nicht mehr als belgische Kolonie zu betrachten sondern als den persönlichen, privaten Besitz von König Leopold II von Belgien. Dieser Leopold war ein gieriger Ehrgeizling, der eine eigene Kolonie besitzen wollte. Zu diesem Zeitpunkt war sich Belgien noch nicht sicher, ob es überhaupt eine Kolonie haben wollte. Leopold herrschte 23 Jahre lang über den Kongo. Er verschaffte sich dadurch ein gigantisches Vermögen. Würde man es auf heutige Verhältnisse übertragen und in Dollar umrechnen, wären es wohl über eine Milliarde. 1908 sah er sich gezwungen, den Kongo an den belgischen Staat abzutreten. Der Kongo wurde eine belgische Kolonie. Im Jahr darauf starb Leopold. Die nächsten 50 Jahre stand der Kongo unter belgischer Verwaltung. Belgien wurde unglaublich reich durch das, was es dem Kongo abnahm - zunächst Elfenbein und Gummi, später Diamanten, Gold, Kupfer, Holz, Palmöl und alle möglichen Mineralien. Es lief wie mit fast allen europäischen Kolonien in Afrika: Der Reichtum floss nach Europa, und die Europäer profitierten in weit größerem Maße als die Afrikaner.
Als die Unabhängigkeitsbestrebungen in Afrika Erfolg hatten, dachten viele Menschen (in Afrika) - eigentlich die meisten - dass die afrikanischen Staaten in wenigen Jahren, so ab 1960 herum, ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen würden. Das war ihre Hoffnung und auch, dass sie selbst den Profit aus den Minen, den Plantagen und so weiter ernten würden. Lumumba fasste diese Hoffnung in Worte. Sofort wurde er von den USA und Belgien als gefährlicher Mann eingestuft. Die CIA gab den Befehl zu seiner Ermordung, und das Weiße Haus stimmte zu. Wie es heißt, schafften sie es nicht, ihm nahe genug zu kommen, um ihn vergiften zu können. Daraufhin wandten sie sich an einige kongolesische Politiker und gaben ihnen unter der Hand Geld, um ihn zu töten. Belgien half mit. Es war ein belgischer Pilot, der das Flugzeug steuerte, das Lumumba an den Ort seiner Ermordung brachte, und es war ein belgischer Offizier, der das Erschießungskommando leitete.
Was dann geschah, war eine echte Katastrophe. Voller Enthusiasmus unterstützten die USA das diktatorische Regime von (Oberst) Mobutu, der einige Jahre später die totale Macht im Staat hatte. Dieser Diktator herrschte 32 Jahre lang über den Kongo und eignete sich rund $4 Milliarden an. Er hat das Land wirklich heruntergewirtschaftet. Sämtliche amerikanischen Präsidenten begrüßten ihn - mit Ausnahme von Jimmy Carter, der während Mobutus Regentschaft ja mehrere Jahre lang Präsident der Vereinigten Staaten war. Er (Mobutu) hat das Land so ruiniert, dass es sich bis heute nicht davon erholt hat.
Amy Goodman:
Adam Hochschild, ich möchte jetzt einen Auszug aus einem Interview mit dem ehemaligen CIA-Agenten John Stockwell einspielen. Darin spricht er über den Plan der CIA, Patrice Lumumba, den Premierminister des Kongo, zu ermorden:
(Einspielung)
John Stockwell:
Die CIA entwarf ein Programm, um Lumumba zu ermorden - unter Devlins Führung und ermutigt durch ihn. Das von ihnen entwickelte Programm - die Operation - ging schief. Sie konnten es nicht zu Ende bringen. Lumumba sollte vergiftet werden. Ihnen fiel aber keine (passende) Szenerie ein, die es ihnen ermöglicht hätte, ihm das Gift erfolgreich zu verabreichen - ohne, dass es wie eine Operation der CIA gewirkt hätte. Ich meine, man konnte ihn schlecht zu einer Cocktail-Party einladen und ihm dann einen Drink reichen, durch den er kurze Zeit später sterben würde. Das ist doch offensichtlich. Also gaben sie es auf. Sie bekamen kalte Füße. Stattdessen sollte die leitende Person vor Ort mit Mobutu sprechen - über die Gefahr, die Lumumba darstellte. Mobutu sollte aus der Deckung kommen und Lumumba töten; seine Männer sollten Lumumba töten.
Interviewer:
Welche Beziehung bestand zwischen der CIA und Mobutu? Haben sie ihn bezahlt?
John Stockwell:
Ja, wirklich. Ich war dabei - 1968 - als der Chef vor Ort erzählte, wie er am Tag vor jenem Tag hinging und Mobutu Bargeld gab, $25 000. Doch Mobutu habe gesagt: "Behalten Sie das Geld. Ich brauche es nicht." Damals hatte Mobutu natürlich schon soviel auf seinem europäischen Konto, dass $25 000 ihm nichts bedeuteten. (Ende)
Amy Goodman:
Sie hörten die Stimme des ehemaligen CIA-Agenten John Stockwell. (In einem Interview) sprach er über die Attentatspläne der CIA gegen Lumumba. Juan?
Juan Gonzalez:
Nun, Adam, ich hätte noch eine Frage. Kurz nach Lumumbas Tod waren Sie im Kongo. Wir haben noch ungefähr eine Minute - können Sie uns sagen, was Sie persönlich dort erlebt haben, was Sie gesehen haben?
Adam Hochschild:
Ja, ich war dort. Ich war damals noch College-Student. Ich wünschte, ich könnte behaupten, dass ich schon so klug und politisch gebildet war, um zu begreifen, welche Bedeutung das alles, was ich sah, hatte. Dem war nicht so. Erst viele Jahre später fing ich an, es zu begreifen. Aber an eine Sache kann ich mich erinnern. Es war ungefähr sechs Monate nach seiner Ermordung: In Leopoldville - so hieß die Hauptstadt damals noch -, herrschte eine gespenstische Atmosphäre. Jeeps voller Soldaten patroullierten in den Straßen, und sobald es dunkelte, waren die Straßen auf einmal menschenleer. Ich erinnere mich an zwei äußerst arrogante Typen von der Amerikanischen Botschaft. Eines Abends, bei ein paar Drinks, erzählten sie mir stolz, wie diese Person, dieser Lumumba, getötet wurde. Für sie war er kein demokratisch gewählter afrikanischer Führer gewesen sondern ein Feind der Vereinigten Staaten. Da ich ihr Landsmann war, gingen sie davon aus, dass ich mich so wie sie darüber freuen würde, dass man ihn um die Ecke gebracht hatte. Diese Begegnung war Gänsehaut erregend. Ich habe sie nicht vergessen. Dennoch glaube ich, dass mir die volle Bedeutung erst viele Jahre später aufgegangen ist.
Amy Goodman:
Adam Hochschild, danke, dass Sie bei uns waren. Er ist Autor zahlreicher Bücher. Unter anderem hat er ein Buch über die Geschichte des Kongo verfasst: 'King Leopold's Ghost: A Story of Greed'...'
Anmerkung d. Übersetzerin:
(1) zu diesem Thema finden Sie auf unserer ZNet-Seite die Übersetzung eines Artikels von Susan Lyon aus dem Jahre 2003:
Demokratische Republik Kongo http://www.zmag.de/artikel/Demokratische-Republik-Kongo
(2) Hochschilds Buch ist auch auf Deutsch erhältlich: 'Schatten über dem Kongo'
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