Piraten! Ein Interview mit Noam Chomsky
von Noam Chomsky
19.05.2009 — Imagineer Magazine / Libertäre Gruppe Karlsruhe
Imagineer: In welchem Umfang sollten sich die Vereinigten Staaten Ihrer Meinung nach militärisch und diplomatisch in die andauernden Turbulenzen verursacht durch Piraten vor der Küste Somalias einmischen?
Chomsky: Nun, die Geschichte mit Somalia ist komplex. Es ist
eine lange, hässliche Geschichte. Ich werde mich einfach auf die
Gegenwart beschränken. Etwa 2005 oder 2006 - als Teil des sogenannten
“Kriegs gegen den Terror” - ging das Office of Foreign Assets Control
des US-Finanzministeriums - das sich mit Geldtransfers befasst, die
angeblich etwas mit terroristischen Aktivitäten zu tun haben - einer
islamischen Wohltätigkeitsorganisation namens Al-Barakat nach und
behauptete, dass sie an der Finanzierung von Al-Qaida beteiligt sei.
Sie machten den Laden dicht. Es gab eine Menge Publicity dazu, die das
als einen großen Sieg im “Krieg gegen den Terror” darstellte. Ein paar
Jahre später gestanden sie leise, dass es ein Fehler war und dass sie
nichts mit Terrorismus zu tun hatten. Es stellte sich heraus, dass die
Wohltätigkeitsorganisation einen großen Teil der
Nahrungsmittelversorgung für Somalia - ein sehr armes Land -
sicherstellte, sowie Geschäftstätigkeit, Banken und private Unternehmen
finanzierte. Sie leistete einen erheblichen Beitrag zur Wirtschaft, und
als man sie zumachte brach alles zusammen. Somalia hatte eine sehr
fragile Gesellschaft, und so etwas traf sie hart.
Danach wurde
sie zu einer Gesellschaft voller Konflikte mit einer Menge an Kämpfen,
aber eine Gruppe namens Islamische Gerichte übernahm die Macht; sie
übten ihre Herrschaft praktisch über ganz Somalia aus. Es gab eine
winzige Ecke in der Nähe von Äthiopien, die in den Händen der früheren,
von den USA anerkannten Regierung blieb. Die Islamischen Gerichte
machten das… nicht schlecht; ich hätte nicht dort leben wollen, es
herrschte islamisches Recht, aber es war ruhig und kontrolliert. Die
Gewalt ließ nach, und die Leute waren anscheinend ziemlich zufrieden
damit, aber die USA waren es nicht. Sofort marschierte Äthiopien mit
US-Unterstützung ein, und sie konnten die Regierung der Islamischen
Gerichte verdrängen. Sie nahmen Mogadischu ein, aber sehr schnell kam
Widerstand auf; im ganzen Land brach wieder das totale Chaos aus, und
es bleibt bis heute mehr oder weniger so. Das ist die eine Seite der
Geschehnisse.
Die andere Seite ist, dass fremde Staaten (die europäischen Staaten und einige der Golfstaaten: Saudi-Arabien, Jemen und andere) begannen giftige Abfälle in somalischen Gewässern zu verklappen. Da der Staat nicht wirklich funktioniert sind die somalischen Hoheitsgewässer eine Art kostenlose Mülltonne. Also begannen sie sie zu vergiften, und sie begannen auch dort zu fischen. Es ist ein reiches Fanggebiet, und sie überfischten es schnell mit Fabrikschiffen und so weiter. Die Somalis haben keine Küstenwache und keinen internationalen Einfluss. Also wurden ihre Fischgründe sowohl wegen Überfischung durch reiche Ausländer aus Europa, Saudi-Arabien, etc. (ich weiß nicht, ob die USA beteiligt waren) als auch wegen der Vergiftung ihrer Gewässer ruiniert. Diese Fischer haben nur sehr wenige Möglichkeiten, also gingen sie zur Piraterie über. Das ist der Hintergrund.
Die Piraterie erwies sich als sehr lukrativ. Das ist ungefähr wie Drogenschmuggel in Indien, mit reichen Bossen; sie expandieren zu kriminellen Unternehmen und so weiter. Das ist der Hintergrund. Das kam nicht einfach aus dem Nichts; wenn wir es verstehen wollen, sollten wir die Aufmerksamkeit auf den Hintergrund richten. Wer die Piraterie eliminieren will, sollte den Fischern eine Lebensgrundlage geben und aufhören, ihr Land und ihre Gewässer zu zerstören.
Im Wesentlichen ist Ihre Behauptung, dass die negativen Auswirkungen,
die die Vereinigten Staaten nun bekämpfen müssen, von ihren
polititschen Entscheidungen in der Vergangenheit verursacht wurden?
Ja, und nicht sehr weit in der Vergangenheit. Ich habe bloß über die vergangenen paar Jahre gesprochen. Geht man weiter zurück, wird es noch schlimmer. Es gibt eine lange Vorgeschichte, einschließlich der Bush-Clinton-Invasion und der Unterstützung für Siad Barre, dem brutalen Gangster, der dort lange Zeit den Laden schmiss.
Um auf die aktuelle Situation zurückzukommen: Am 12. April 2009 führten
Scharfschützen der United States Navy SEAL eine Operation durch um
Richard Phillips zu retten, den Kapitän eines unter US-Flagge fahrenden
Schiffes. Während dieses Einsatzes töteten die Scharfschützen drei
Piraten. Diese drei Männer, die sich Respekt verdient hatten, indem sie
wirtschaftliche Möglichkeiten zurück in ihre Gemeinden brachten, wurden
im Grunde im Austausch für das Leben eines Menschen ermordet. Ist das
ein gültiges Argument?
Es ist schwierig, über ein bestimmtes Ereignis zu sprechen. Wenn man den Rahmen eng genug fasst - da ist ein Amerikaner, der von Piraten gefangen genommen wurde, und die Navy SEALs retten ihn - dann kann man das innerhalb dieses engen Rahmens rechtfertigen. Wenn man den Vorfall in einem breiteren Rahmen betrachtet, sieht es ganz anders aus.
Haben Sie in gewisser Weise Verständnis für die Piraten?
Ich habe Verständnis für den Hintergrund. Ich verstehe, warum sie Piraten wurden, und ich verstehe unsere entscheidende Rolle dabei, die wir im Umgang mit dieser Situation und bei ihrer Lösung außer Acht lassen. Ein Art mit der aktuellen Situation umzugehen ist die Piraten zu töten. Aber eine andere Möglichkeit ist die Umstände anzugehen, für deren Entstehen wir mitverantwortlich sind. Tatsächlich sollten wir Somalia erhebliche Reparationen zahlen für das, was wir ihnen angetan haben, und Europa ebenfalls, für die Überfischung und Vergiftung der Gewässer.
Kommen wir zu einer anderen Art von Piraterie - eine, die sehr viel heimischer ist. Wie sollten die USA und anderen Industrienationen Ihrer Meinung nach mit geistigem Eigentum umgehen, speziell im Bezug auf die Online-Piraterie und die sogenannten illegalen Online-Downloads? Wenn ich mich an meinen Computer setze und das aktuelle U2-Album “illegal” herunterlade, ist das gerechtfertigt?
Nun,
wieder kommt es darauf an, wie weit wir das Netz auswerfen. In einem
sehr engen Sinne, denke ich, kann man argumentieren, dass es illegal
ist - da gibt es einen kreativen Künstler, der ein Lied geschaffen hat
und der überleben will, und er kann nicht überleben wenn Leute nur
stehlen. Also ja, in einem sehr engen Sinne sind Urheberrechtsgesetze
gerechtfertigt. Allerdings lässt sich eine allgemeinere Frage stellen:
Warum haben wir das Urheberrecht? Ist das die moralische Art und Weise
oder auch nur die wirtschaftlich effizienteste Möglichkeit die Künste
zu unterhalten? Ich denke nicht; es gibt bessere Möglichkeiten. Zum
Beispiel sollte es in einer freien demokratischen Gesellschaft eine Art
von Verpflichtung geben (zu der man durch eine demokratische
Entscheidung gekommen ist), eine angemessene Unterstützung für die
kreativen Künste bereitzustellen, so wie wir es für die Wissenschaft
tun. Wenn das getan würde, würde der Künstler keine Urheberrechte zum
Überleben brauchen. Das ist wirtschaftlich effizienter, denke ich, und
moralisch gerechter.
Download-Piraterie im Internet ist ein sehr
kleiner Teil der gesamten Problematik um das geistige Eigentum. Der
wichtigste Aspekt betrifft die hochgradig protektionistischen
Regelungen, die in der World Trade Organisation festgeschrieben sind,
und die weit über alles bisher dagewesene hinausgehen. Sie garantieren
Großkonzernen wie Pharmaunternehmen Patentrechte. Dazu gibt es eine
Menge zu sagen. Wenn das Patentregime im 18. und 19. Jahrhundert und
sogar Anfang des 20. Jahrhunderts existiert hätte, wären die
Vereinigten Staaten und England keine reichen, entwickelten Länder. Sie
entwickelten sich im Wesentlichen durch das, was wir heute als
Piraterie bezeichnen. Nehmen wir zum Beispiel England, was eine längere
Geschichte hat. Ein großer Teil des englischen Wohlstandes, der den
Beginn der Industriellen Revolution mit eingeleitet hat, rührte
geradewegs von der Piraterie her. Sir Francis Drake, der riesige Summen
für England beschaffte, war ein Pirat. Er raubte spanische Schiffe auf
hoher See aus. Er wurde ein großer Held. Er trug wesentlich zur
wirtschaftlichen Entwicklung Englands bei.
Darüber hinaus hat
nicht etwa England den Weg für die moderne industrielle Technologie
gebahnt. Es hat viel davon aus Irland gestohlen. Irland hatte eine
fortschrittliche Webereiindustrie, und England eroberte und zerstörte
sie. England stahl vieles aus Indien. Als Indien erobert wurde, hatte
es für damalige Verhältnisse eine moderne Wirtschaft. England verhängte
die Prinzipien des freien Marktes über Indien, aber die Engländer
selbst hatten einen extrem starken Protektionismus, um die frühe
britische Textilindustrie zu schützen. Sie holten auch
hochqualifizierte Techniker aus Belgien und den Niederlanden nach
England, um sich von ihnen Technologie beibringen zu lassen, und die
USA taten dasselbe.
Sobald die USA ein unabhängiges Land
wurden, verhängten sie extrem hohe Zölle - das war im Rahmen des
wirtschaftlichen Entwicklungsprogramms Alexander Hamiltons. Er führte
sehr hohe Zölle ein, um die frühe amerikanische Industrie vor
überlegenen britischen Waren zu schützen. Diese betrafen zunächst
Textilien, später dann Stahl, sodass Andrew Carnegie das ersten
Milliarden-Dollar-Unternehmen aufziehen konnte. Das lief so bis zum
Zweiten Weltkrieg. Dann - während der Zeit ihres größten Wachstums -
waren die USA mit Abstand das protektionistischste Land. In der Tat ist
es in vielerlei Hinsicht heute noch so, obwohl es nicht als
Protektionismus bezeichnet wird. Ein großer Teil der hochentwickelten
amerikanischen Wirtschaft kommt direkt aus dem staatlichen Sektor -
ebenso in anderen Ländern, aber hier ist es besonders auffallend:
Computer, Internet, Informationstechnologie, und so weiter. Vieles
davon stellt einen radikalen Verstoß gegen die Regeln des Freihandels
dar, die wir den Armen aufzwingen.
Um auf die Rechte am
geistigen Eigentum zurückzukommen: Wie ich schon sagte, wenn diese
bereits in der Zeit des Wachstums der aktuell reichen Länder in Kraft
gewesen wären, hätten die sich nicht entwickelt. Heute nennen wir es
Piraterie, aber damals, als es für uns war, haben wir es Entwicklung
genannt. Es gibt in der Wirtschaftsgeschichte einen Begriff dafür. Man
nennt es “die Leiter wegtreten”. Zunächst nutzt man gewisse
Entwicklungsmöglichkeiten, und dann tritt man die Leiter weg, damit
andere nicht folgen. Das nennt man in der WTO internationale
Wirtschaftspolitik. Die Pharmaunternehmen bestehen beispielsweise
darauf, dass sie viel Schutz von der WTO für Forschung und Entwicklung
brauchen. Sie sind jedoch nur für einen kleinen Teil ihrer eigenen
Forschung verantwortlich, und dieser Teil ist vor allem auf die
Vermarktung ausgerichtet. Ein Großteil der riskanten Forschungsarbeit
wird mit öffentlichen Mitteln oder von Stiftungen durchgeführt. In der
Tat gehen einige Schätzungen davon aus, dass die Einsparungen für den
Verbraucher kolossal wären, wenn das Forschungsbudget für Arzneimittel
zu 100 Prozent von der Öffentlichkeit übernommen würde, und die
Unternehmen gezwungen wären in einer Marktwirtschaft zu funktionieren
und zu Marktpreisen zu verkaufen. Doch sie haben genügend Macht, um
dieses System aufrechtzuerhalten, und es gibt viele andere solche
Beispiele. Wie immer hängt es also davon ab, wie weit man das Netz
auswirft, und wie weitgehend man die Problematik betrachtet. Zurück zur
ursprünglichen Frage: Aus einem sehr engen Blickwinkel kann man sagen,
ja, dem kreativen Künstler wird geschadet. Mit einer breiteren
Perspektive gibt es eine Menge anderer Dinge zu sagen.
Anmerkungen
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Libertären Gruppe Karlsruhe.
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Letztes Jahr bereits berichtete ein deutscher Admiral i.R., dass aus somalischen Hoheitsgewässern bis dahin bereits Fisch im Werte von etwa 2,5 Milliarden US-Dollar gestohlen wurde.
Die somalischen "Piraten" die sich daraufhin Schiffe der Nationen griffen, die ihnen die Fische klauten (manchmal auch andere) und dann die Diebe zur Kasse baten, taten genau das, was bei uns uniformierte "Piraten" (Staatsbeamte)genauso machen, die einen Fischdieb in den deutschen Hoheitsgewässern schnappen.
Der wird auch "gekapert" und als Priese eingebracht. Dann "beraubt" man ihn seines Fanggeschirrs und "erpresst" von ihm eine gewaltige Summe (Kaution genannt) bevor er wieder abziehen kann! Kein Unterschied, außer dass die deutschen "Piraten" grüne oder blaue Uniformen tragen!
Unsere "Piraten" schießen auch scharf wenn das "Opfer" zu fliehen versucht, genauso wie in Somalia.
Sie versuchen dabei keine Fischdiebe zu erschießen, auch wie in Somalia. Denn da ist solange niemand zu Schaden gekommen, wie die somalischen Piraten nicht beschossen wurden. Erst als Inder und andere wie die Wahnsinnigen um sich ballerten und ein absolut unbeteiligtes Fischereifahrzeug in ihrer Raserei versenkten, mit vielen Toten, erst da mussten die Somalis auch Gewalt anwenden. Erst da wurde es für die nichtsomalischen Seeleute dort unten wirklich gefährlich.
Und mittlerweile beteiligen sich auch noch ganz andere aus dem besagten Seegebiet an der Piraterie. Das sind nun wirkliche Verbrecher die brandgefährlich sind.
Das hat alles mal ganz "harmlos" mit Fischklau durch UNS begonnen und einer Küstenbevölkerung der wir die Lebensgrundlage entzogen haben...
C. Pichlo