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Polizeigewalt auf dem Gipfel von Toronto

Journalist beschreibt, wie er von der kanadischen Polizei verprügelt u. verhaftet wurde, als er über den G20-Gipfel berichtete

von Amy Goodman

28.06.2010 — Democracy Now!

 

 Unser Gast: Jesse Rosenfeld - freier Journalist

 

Amy Goodman:

Ich möchte mich nun einem jungen Journalisten zuwenden, der verprügelt und verhaftet worden ist. Jesse Rosenfeld ist einer von mehreren Hundert, die bei den G20-Protesten in Toronto verhaftet wurden. Er ist freier Journalist und arbeitet für die Londoner Zeitung 'The Guardian' sowie für das 'Alternative Media Center' (AMC). Am Samstagabend, als er vor dem Hotel Novotel über die Proteste berichtete, wurde er von der kanadischen Polizei verhaftet. Wir konnten ihn heute Morgen - kurz vor der Sendung - erreichen. Er war drüben im CBC. Er beschreibt uns, was ihm passiert ist.

 

 

Jesse Rosenfeld:

Sie fingen an, Greifer-Einheiten loszuschicken und kündigten Massenverhaftungen an. An diesem Punkt ging ich auf sie zu - ich stand mit einigen Medienleuten dort - und sagte: "Was ist mit den Medien?" Ihre erste Reaktion war: "Nun, die Medien stehen auch unter Arrest". Dann kam der Offizier auf mich zu (unverständlich) und sagte: "Falls Sie eine offizielle Genehmigung des G8-G20-Gipfels haben, ist es für Sie in Ordnung, und Sie dürfen durch".

 

Das ist ein interessanter Punkt, denn ich hatte schon am 11. Juni eine Medienakkreditierung für den G8-G20-Gipfel beantragt - vor Einsendeschluss. Ich schickte mein ganzes Material und  einen Brief vom Guardian - ich schickte beides hin. Was geschah? Vom Gipfel hörte ich immer nur, ja, ja, ja, Sie sind zugelassen, wir warten nur noch auf die endgültige Zustimmung der RCMP, die ihren Hintergrund checken. Erst dann würden sie mir eine Genehmigung bzw. einen offiziellen Medienausweis mit Foto schicken. Im Grunde hieß das, sie würden einen Hintergrundcheck durchführen. Sie taten das, um mir meinen Medienausweis verweigern zu können. Ich hatte also nur einen Ausweis des 'Alternative Media Center' (AMC) bei mir. Diese Ausweise werden vom AMC ausgestellt, nicht von der Regierung. Das AMC händigte diese Ausweise an alle unabhängigen Journalisten aus, mit denen sie zusammenarbeiten.

 

Die Polizei sagte mir: "Oh, diese Papiere werden von uns nicht anerkannt". Ich erklärte ihnen, dass ich auch für 'The Guardian' und für 'Comment Is Free' arbeite. Ich nannte ihnen meine Redakteure. Ich erläuterte ihnen Einiges zu meinen Storys. Sie sagten: "Nun, wir werden Ihre Papiere überprüfen, wenn sie okay sind, dürfen Sie gehen".

 

Zu diesem Zeitpunkt nahmen sie mich zur Seite. Eine Gruppe Medienleute durfte die Polizeilinien passieren. Ein Offizier kam auf mich zu, sah meinen ID-Ausweis - meinen AMC-Ausweis - und sagte: "Der ist nicht legitim. Sie sind verhaftet". Gleich darauf gingen zwei Polizisten auf mich los. Ich hielt mein Notepad in den Händen. Sie hielten mich an den Armen fest und zogen mich nach hinten. Mein Notepad flog durch die Luft. Zwei hielten mich fest, der dritte Polizeioffizier schlug mir in den Magen. Ich kippte nach vorne und wurde daraufhin in den Rücken geschlagen. Ich ging zu Boden. Als ich hinfiel, verletzte ich mich am Bein. Mehrere Offiziere sprangen auf meinen Körper. Ich wurde im Rücken getroffen. Sie drückten mein Gesicht gegen den Beton. Die ganze Zeit sagte ich: "Ich widersetze mich meiner Verhaftung nicht. Ich bin Journalist. Warum schlagen Sie mich?" Sie zogen mich an einem Bein hoch und verdrehten mir das Fußgelenk. Ich lag am Boden und widersetzte mich nicht. An diesem Punkt, nachdem ich das alles die ganze Zeit gesagt hatte, sagten die Polizisten: "Hören Sie auf, sich Ihrer Verhaftung zu widersetzen". Es wirkte so, als wollten sie sich absichern.

 

Noch ein interessanter Aspekt: Als sie auf mir herum hüpften - eine Minute oder zwei Minuten danach - kamen zwei Offiziere vorbei. Einer erkannte mich und sagte, ich sei ein (Zitat) "Kid mit einem großen Maulwerk" (Zitat Ende). Die hatten mich im Laufe dieser Woche mehrfach auf anderen Demonstrationen getroffen. Ich hatte bei den Auseinandersetzungen an vorderster Front  gestanden und harte Fragen gestellt - während sie mit den Medien zusammenstießen (das taten sie die ganze Woche über auf sehr brutale Weise) oder Demonstranten zusammenschlugen. Sie erkannten mich als jemanden, der sie öffentlich herausgefordert hatte, den sie auf dem Kieker hatten. An diesem Punkt sprangen mich auch die anderen Offiziere an, wissen Sie, sie schlugen mich und nahmen mich fest.

 

Dann brachten sie uns ins Gefängnis. Ich wurde ungefähr zwischen 22 Uhr und 23 Uhr 30 verhaftet. Ich wurde erst am Nachmittag des folgenden Tages - zwischen 17 Uhr und 18 Uhr - wieder freigelassen. Im Grunde wurden wir... es wurde keine Anklage gegen uns erhoben. Wir wurden festgenommen, weil wir (Zitat) "den Frieden gebrochen hatten" (Zitat Ende). Das ist aber kein Straftatbestand. Was unsere Haftbedingungen betrifft: Nun, ich habe in den letzten circa drei Jahren, also seit 2007, als Journalist aus dem Nahen/Mittleren Osten berichtet. Die Gefängnisse erinnerten mich eher an jene dort, in denen die Israelis Palästinenser gefangenhalten oder an die Gefängnisse der 'Palästinensischen Autonomiebehörde': Bis fast 5 Uhr morgens trugen wir Handschellen - wenigstens ich. Während dieser Zeit wurde ich immer wieder in eine andere Zelle verlegt oder wartete, bis es weiter ging in die nächste - überfüllte - Zelle, in der schon über 20 andere Personen waren. Wir hatten einen Nachttopf und sehr wenig Zugang zu Wasser. Dann, am Schluss meiner Verschiebung, landete ich in einer Zelle, die nur 5 auf 8 Fuß groß war und in der sich schon fünf andere Personen befanden. Es gab nur Bänke, keinen Waschraum, nur den Zementboden. Der Raum war absolut kalt. Wir hatten nicht genug Platz, um uns hinzulegen und zu schlafen - nicht alle auf einmal. Es war unglaublich schwierig, Schlaf zu finden, weil es so kalt war. Viele Leute, die ich im Gefängnis getroffen habe, waren geschlagen worden - massiv verprügelt: blutige Nasen, Veilchen oder Verletzungen am ganzen Körper. Das gilt auch für viele Leute vom AMC. Einige waren vor Ort und wurden nur festgenommen, weil sie ihre Arbeit taten, das heißt, an vorderster Front berichteten.

 

Amy Goodman:

Das war Jesse Rosenfeld - freier Journalist, der bei 'The Guardian' akkreditiert ist. 'The Guardian' ist eine Zeitung mit Sitz in London. Er arbeitet auch als Journalist für 'Alternative Media Center' (AMC). Rosenfeld war am Samstagabend von der kanadischen Polizei verhaftet worden.

 

 

 

 

Übersetzt von: Andrea Noll
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