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Rezension: Hans Christoph Buch, Kain und Abel in Afrika (2001)

Völkermord Ruanda-Kongo II: Literarische Aufarbeitung der Begegnung mit dem Horror

von Sabine Grund

16.12.2007 — ZNet Deutschland

— abgelegt unter:

Hans Christoph Buch bezeichnet seinen kleinen Band über Ruanda als Roman. Dabei sind romanhaft vor allem die historischen Kapitel, in denen er Einblicke in die Erlebnisse des deutschen Afrikaforschers Richard Kandt (1867-1918) gibt. Im Nachwort gesteht der Autor, dass dieses Buch ihm unter seinen zahlreichen Werken am schwersten gefallen ist, denn schreibend verarbeitet er seine persönlichen Begegnungen mit dem Horror in Ruanda 1995, 1996 und im Kongo 1997, die ihn eingestandenermaßen bis in Tagträume und Alpträume verfolgen. Als ob er es sich von der Seele schreiben wollte, enthält das Buch mehrfach sehr konkrete Einsichten in den Völkermord, der in Ruanda 1994 scheinbar plötzlich ausbrach und sich, von der Weltöffentlichkeit unbeachtet, bis heute im Kongo fortsetzt. Aber zuerst zur historischen Figur Richard Kandt, den der Autor in der Ich-Form seine Erlebnisse im Ruanda des frühen 20. Jahrhunderts berichten lässt - und so Einblicke in die jüngere Geschichte des Landes vermittelt.

Ob erfunden oder nicht, bleibt offen: In seiner Suche nach neuen beruflichen Herausforderungen bittet der junge Mediziner Kandt um einen persönlichen Termin bei Bismarck, den er tatsächlich erhält. Bismarck hört sich die Sorgen seines jungen Gastes an und stellt fest: "Für jedes Problem gibt es eine große und eine kleine Lösung." Er selbst habe sich für die große Lösung entschieden, als er Politiker wurde und sich die Einheit Deutschlands auf seine Fahne schrieb. "Es gab viele Widerstände zu überwinden, aber nur wer sein Jahrhundert in die Schranken fordert, trägt seinen Namen ins goldene Buch der Geschichte ein." Dem jungen Arzt empfiehlt der deutsche Kanzler, seine Forscherleidenschaft für Afrika auszuleben und die Quellen des Nils zu finden, wofür andere bereits Vorarbeit geleistet hätten (Kandt hat dazu ein Buch veröffentlicht: Caput Nili, 1902).

So bereist Kandt 1897, in der Frühphase der nach 1890 begonnenen Kolonialisierung, erstmals Ruanda aus Forscherinteresse. Dabei wird ihm die Dominanz der Minderheitsgruppe der rund 100.000 Tutsi über die zwei Millionen Hutu deutlich, eine traditionelle Herrschaftsstruktur, auf der das Kolonialsystem bewusst aufbaute. Kandt verbrachte mehrere Jahre in Ruanda und wurde 1908 Resident der Kolonialmacht beim König. Beim Heimaturlaub 1914 wurde er vom Beginn des 1. Weltkrieges überrascht, meldete sich als Arzt zum Militärdienst und starb 1918 in Nürnberg an den Folgen von Kriegsverletzungen.

Seine persönlichen Eindrücke von Ruanda lässt Hans Christoph Buch am "Eingang zur Unterwelt" beginnen, den er in der Halle des Hotel Mille Collines der Hauptstadt Kigali verortet. Dort trifft er 1995 einen Überlebenden des Völkermordes, dessen Vater Hutu und die Mutter Tutsi gewesen waren. Seine Eltern und Geschwister wurden vor seinen Augen ermordet, das Überleben wird ihm, wie vielen, zur Qual. Ruanda werde von einer Selbstmordwelle heimgesucht, berichtet der Autor. Im folgenden Abschnitt leitet er über zu einem früheren Eingang zur Unterwelt, dem Hotel Lutetia in Paris, wo sich unter deutscher Besatzung das Hauptquartier der Gestapo befunden hatte. Dort hatte er Mitte der 1980er Jahre eine Ruanderin getroffen, Übersetzerin seines letzten Romans ins Französische, und von ihr eine Liste mit Namen wichtiger Politiker in Ostafrika erhalten. Damals war der Völkermord in Burundi von 1972 ein Gesprächsthema, der 'nur' circa 100.000 Opfer gekostet hatte und international ignoriert worden war (s. Anmerkung 1).

Der deutsche Botschafter in Kigali bietet dem Autor im April 1995 erste Einsichten in die aktuelle Situation, wobei er an Richard Kandts historische Warnung anknüpft, ein gewalttätiger Konflikt sei zu befürchten, weil den Tutsi-Herren nicht begreiflich zu machen sei, warum die Kolonialverwaltung auf der Seite der (großen Mehrheit der) benachteiligten Hutu stehe. Zu dem gerade im inner-ruandischen Flüchtlingslager Kibeho vor sich gehenden Massaker meint der Botschafter, es gäbe zwei Arten von Völkermord, ethnisch-rassistische und politische, die der Abschreckung dienen. Kibeho (wo damals die neuen Tutsi-Herrscher Ruandas gerade Tausende von Hutus ermorden ließen) gehöre zur zweiten Kategorie.

Wie auf leisen Sohlen nähert sich Hans Christoph Buch dem politischen Hintergrund, indem er zuerst die kurze Unterhaltung mit dem Tutsi-Wachposten vor dem Lager Kibeho nacherzählt. Der Junge, der kein Französisch (wie in Ruanda üblich), sondern nur Englisch spricht, wurde als Kind nach Uganda deportiert, nachdem seine Eltern bei einem Massaker in Burundi umgekommen waren. Der fünfzehnjährige Kindersoldat hat nur Waisenhäuser und später Militärcamps erlebt, wo er von der Rwandan Patriotic Front (RPF) als Rebell ausgebildet wurde. Mit dieser Gruppe von Exil-Tutsi um Paul Kagame, der durch den Völkermord 1994 die Macht in Ruanda übernahm, ist er aus Uganda nach Ruanda gekommen.

Ein afrikanischer UN-Mitarbeiter erzählt dem Autor, die Wachposten um Kibeho wollten die UN loswerden, "damit sie das Problem auf ihre Art lösen können – mit Mord und Totschlag." Ein australischer Sanitätsoffizier bestätigt diese Einschätzung. Ein persönliches Erlebnis im Lager lässt den Autor nicht los: Eine Mutter streckt ihm ihr schreiendes Baby entgegen, er "stößt sie brutal zur Seite". In einem Podiumsgespräch am 16. September 2007 in Berlin bestätigte Hans Christoph Buch, wie ihm dieser Moment bis heute nachgeht. Er habe Angst gehabt, weil er in einer insgesamt bedrohlichen Situation auch von zahlreichen Soldaten umringt gewesen sei. Aber er schließt nicht aus, dass er wenigstens dieses eine Baby hätte retten können. Heute geht er davon aus, dass fast alle der 80.000 Flüchtlinge in Kibeho umgebracht wurden. In seinem Buch berichtet der Autor, wie die Muster des Massenmordens sich wiederholt haben: Auch im Kongo wollen die Tutsi-Rebellen unter ihrem Führer Laurent Kabila 1997 die Flüchtlingslager im Ostkongo aushungern, "damit sich das Hutu-Problem auf biologischem Weg löst."

"Gorilla müsste man sein", zitiert der Autor seinen ruandischen Fahrer auf dem Weg nach Goma im Kongo. "Früher hat man die Berggorillas umgebracht, um aus ihren Füßen Aschenbecher zu schnitzen und ihre Knochen und Felle zu Fetischen zu verarbeiten. Heute geht es ihnen besser als uns Menschen; sie leben in Reservaten, sind vor Wilderern geschützt und bekommen regelmäßig zu fressen. Hutus und Tutsis dagegen hat der World Wildlife Fund zum Abschuss freigegeben; kein Greenpeace-Aktivist interveniert, wenn in Ruanda Babys massakriert werden."

Am Schweigen der internationalen Nichtregierungsorganisationen zum andauernden Völkermord in Zentralafrika hat sich bis heute nichts geändert. Und die völlig nichtssagende Buchbesprechung, die seine Zeitung (ZEIT 15/2001) dem Autor gewidmet hat, ist repräsentativ für den Umgang der deutschen Medien mit dem Horror in Afrika – und seinen westlichen Hintergründen.

Hans Christoph Buch (2001)
Kain und Abel in Afrika
Berlin: Verlag Volk & Welt
222 Seiten (vergriffen, bitte in Bibliotheken suchen)

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Anmerkung von ZNet Deutschland

1. s. The Political Economy of Human Rights - Vol. 1,
The Washinghton Connection and Third World Fascism
N. Chomsky and Edward Herman, South End Press 1979
Chapter 3. Benign Terror; 3.4.2 Burundi: "The Limitations of U.S. Power" (S. 106-109)

und die entsprechende Fußnoten 50-58 (S. 386)

Orginalartikel: Dieser Artikel ist NICHT bei www.zmag.org erschienen!
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Leonardo Torres sagt
09.07.2010 05:04

http://www.youtube.com/v/RFpn14f6cJo

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Leonardo Torres sagt
09.07.2010 05:04

http://www.youtube.com/watch?v=tVbQLnFg1fI