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Rezension: Helmut Strizek, Geschenkte Kolonien (2006)

Völkermord Ruanda-Kongo I: Vor-Koloniales Erbe und seine Instrumentalisierung

von Sabine Grund

01.12.2007 —

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Afrikanische Kolonialgeschichte ist doppelt erschütternd: Einmal war die Haltung der Kolonialmächte gegenüber Afrikanern oft eine Nichtwahrnehmung der 'Anderen' als Menschen. Und zweitens ist dieser Umgang mit Afrika seitens der Politik des Nordens bis heute viel aktueller, als den Bürgern der Industrieländer bewusst ist. Beides wird in Helmut Strizeks Buch zur Geschichte von Ruanda (und Burundi, bis zur Unabhängigkeit 1962: Urundi) deutlich. Ausgehend vom Völkermord in Ruanda 1994, blickt Strizek zurück zur Berliner Kongo-Konferenz 1884/85, als Ruanda und Urundi zu Deutsch-Ostafrika kamen; knapper werden die belgische Kolonialzeit ab 1916 bis zur Unabhängigkeit 1962 und die Entwicklung bis heute behandelt. Das Buch basiert auf Erfahrungen des Autors in Ruanda und seiner langjährigen Forschung zu den Hintergründen des Völkermordes von 1994, der sich bis heute im Kongo fortsetzt. Wichtige Hinweise finden sich in den Fußnoten und im internationalen Literaturverzeichnis, das afrikanische Beiträge einschließt.

Das unwirtschaftliche 'Kolonialfieber'

Ein zögerlicher Bismarck konnte sich dem 'Kolonialfieber' seiner Epoche nicht entziehen: Während der Kongo-Konferenz in Berlin vom 15. November 1884 bis 26. Februar 1885 wurde der Freistaat Kongo zum persönlichen Besitz des belgischen Königs Leopold II. erklärt, bis 1908 der belgische Staat das Gebiet übernahm. Auch wurde Deutsch-Ostafrika begründet, vor allem aus Gebieten des heutigen Tansania, Ruanda und Burundi. Strizek weist darauf hin, dass die Kosten der Kolonien erheblich und ihr Beitrag zum Handel gering waren. Das war Bismarck bewusst, er handelte jedoch mit Blick auf die innenpolitische Stimmung und das sich verschiebende internationale Kräfteverhältnis zwischen Frankreich und England.

Als herrschende ethnische Gruppe in Ruanda und Urundi fand die deutsche Kolonialverwaltung die Tutsi vor. Diese Minderheit, in Ruanda rund 14 Prozent, sieht den äthiopischen Oromo ähnlich und ist vermutlich in vorchristlicher Zeit aus dem Norden in die zentralafrikanische Region eingewandert. Die Tutsi-Hirten sind höherwüchsig als die Hutu, vorwiegend Bauern, die ursprünglich aus Westafrika stammen sollen. Bereits den ersten Vertretern der deutschen Kolonialmacht erschien das Verhältnis der beiden Gruppen als gespannt. Allerdings verbindet in Ruanda die gemeinsame Sprache Kinyarwanda. Wirtschaftlich war das Land in vorkolonialer Zeit autark, Bedarf an Fernhandel bestand nicht.

Die Errichtung der deutschen Kolonialherrschaft in Ruanda begann erst 1897. Ihr war Ende 1896 eine Art Staatsstreich vorausgegangen. Kanjogera aus der Tutsi Adels-Familie der Ega, einer von vier Familien und traditionell nicht führend, setzte zusammen mit ihrem Bruder Kabare ihren Sohn Musinga als neuen König durch. Seine Herrschaft wurde von vielen als illegitim empfunden. Die Ega-Familie suchte sich mit den "neuen Herren" der deutschen Kolonialmacht gegen ihre Gegner zu verbünden. Dies kam den Interessen der Deutschen entgegen. Da man mit der beabsichtigten kleinen Kolonialverwaltung nicht würde gegen die Bevölkerung regieren können, rechtfertigte man die Kooperation mit der traditionellen Tutsi-Herrschaftsstruktur, deren grausame Seiten man ignorierte. Parallelen zum heutigen Präsidenten Paul Kagame, der auch aus dem Ega-Clan stammt, sind interessant.

Ausführlich schildert Strizek das taktische Verhältnis des Tutsi-Adels zur deutschen Kolonialmacht und das wirtschaftliche Auspressen der Landbevölkerung mittels einer raffinierten 'feudalen Bodenordnung'. Das deutsche Residentursystem, dem englischen Modell der indirekten Herrschaft nachempfunden, stützte sich auf lokale Machtträger – und stärkte damit die Tutsi-Minderheitsherrschaft. In Missionarskreisen wurden Einwände gegen das Kooperieren mit einer aggressiven Minderheit gegen die Mehrheit geäußert. 1916 verlor Deutschland während des 1. Weltkrieges Ruanda und Urundi an Belgien. Das in deutscher Zeit von den Missionaren eingeführte Schulwesen veränderte das Land grundlegend und blieb ein Motor sozialen Wandels.

Die Missionsarbeit hatte gesellschaftliche Sprengkraft. Die Mehrheit der Hutu-Bauern, in Ruanda rund 85 Prozent, begrüßte die christliche Lehre der Brüderlichkeit als Botschaft gegen ihre Unterdrückung durch den Tutsi-Adel. Die ethnischen Spannungen in Ruanda wurden verstärkt, als 1922 Bischof Classe in Abstimmung mit der belgischen Kolonialverwaltung die angeblich angeborene Fähigkeit der Tutsi zum Herrschen zur Kirchendoktrin erhob. Er verschaffte den Tutsi privilegierten Zugang zur (katholischen) Bildung, so dass sie die einheimischen Priester stellten. Erst 1956 revidierte das der neue Schweizer Bischof André Perraudin und weckte den Hass der Tutsi-Führungsschicht, die Gleichheit nicht akzeptierte, sondern ab 1959 ins Exil nach Uganda und Burundi ging. Dort gründeten einige die Inyenzi-Terrororganisation, um durch Angriffe von außen die Hutu-Regierung nach der Unabhängigkeit Ruandas 1962 am Staatsaufbau zu hindern; das Geständnis hierzu liegt auch dem UN-Gerichtshof zu Ruanda in Arusha, Tansania vor (siehe Fußnote 28, S.192f).

Für Ruander gilt die Lehre aller Länder, in denen es religiöse oder ethnische Spannungen gibt: Solche Konfliktlinien sind von innen oder außen zur Destabilisierung eines Landes benutzbar; sie sollten im Interesse aller Bewohner durch gemeinsame Anstrengung endgültig überwunden werden. Ethnisch-herrschaftspolitisch motivierten Völkermord hat es in der Region mehrfach gegeben. 1972 wurden in Burundi 100.000 bis 300.000 Hutu mit Schulbildung ermordet – mit Wissen der internationalen Gemeinschaft. 1994 fielen ca. 800.000 Menschen (Tutsi und Hutu) in Ruanda dem mit internationaler Unterstützung geführten Eroberungskrieg der Exil-Tutsi zum Opfer. Während von der internationalen Gemeinschaft nur die Massaker an der Tutsi Bevölkerung als Völkermord anerkannt wurden, wird bis heute die Aufklärung der Massenmorde an der Hutu Bevölkerung durch die Eroberer verhindert. Ihre Machtübernahme in Ruanda unter dem damaligen Rebellenführer und heutigen Präsidenten Kagame wurde erst möglich, als die Clinton-Regierung ohne Konsultation Frankreichs die militärischen Garantien für die Umsetzung des in Arusha ausgehandelten Machtteilungs-Abkommens von 1993 nach nur zwei Monaten zurückzog. Auch der Abschuss des Flugzeugs des regierenden ruandischen Präsidenten Habyarimana am 6. April 1994, der den Völkermord auslöste, ist bis heute offiziell nicht aufgeklärt; Unterlagen dazu werden unter anderem von der UNO unter Verschluss gehalten.

Ist also 1994 wirklich Gott aus Ruanda geflohen, wie der Autor zu Beginn des Buches andeutet? Oder haben nicht vielmehr diejenigen seiner Anhänger, die in Regierungen, UNO, NGOs von den Plänen wussten, ihre elementarste Pflicht zum Widerstand gegen Völkermord ignoriert?

 

Helmut Strizek (2006)

Geschenkte Kolonien

Ruanda und Burundi unter deutscher Herrschaft

Berlin: Ch. Links Verlag224 Seiten, 24.90 Euro, ISBN 3-86153-390-1

Dieser Artikel ist NICHT bei www.zmag.org erschienen!

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