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Selbstmord als Lösung

von Barbara Ehrenreich

31.07.2008 — Barbaraehrenreich.com / ZNet

— abgelegt unter:

Wenige Tage, bevor der Kongress die Housing Bill verabschiedete, fand Carlene Balderrama aus Taunton/Massachussetts ihre persönliche Lösung für die Häuserkrise. Etwas mehr als zwei Stunden, bevor ihr Kreditgeber - die Firma PHH Mortagage Corporation (verflucht sei ihr Name) - ihr Haus versteigern wollte, erschoss sie sich mit dem Gewehr ihres Mannes.

Es war nicht gerade die Art Reaktion auf schwere Zeiten, die Jamens Grant im Sinn hatte, als er am 19. Juli im Wall Street Journal schrieb: "Why no outrage?" (Warum keine Empörung?) "Aus der fehlenden Volksempörung", so der berühmte, kontroverse Autor des Journal, "könnte man schließen, dass die Kreditkrise Gottes Fehler sei und nicht das Werk von Bankern, Ratenfirmen und schlafenden Regierungs-Wachhunden". Als Gegenbeispiel nannte er die geistreichen Reaktionen auf die 'Depression' in den 90ger Jahren des 19. Jahrhunderts, als die Agitatorin und Anwältin Mary Lease die Mengen mit der Botschaft aufrüttelte: "... wir wollen, dass das verdammte Versteigerungswesen ausgelöscht wird.." Notfalls mit Gewalt werden wir zu unseren Häusern stehen und neben unseren Herden".

Vielleicht hätte Grant in den 30ger Jahren des 20. Jahrhunderts noch stärkere Beispiele für Widerstand finden können. Bauern und Mieter nutzten damals die Macht der Menge (manchmal auch die der Feuerwaffen), um gegen Versteigerungen und Räumungen zu kämpfen. Zu diesem Thema habe ich mir Rat bei Frances Fox Piven eingeholt. Sie war Mitautorin des Klassikers 'Poor People's Movements: Why They Succeed, How They Fail' *. Laut Piven wurden in den 30ger Jahren einige amerikanische Großstädte so massiv vom Widerstand erschüttert, dass sie ein Räumungsmoratorium verkündeten. 1931 kam es in Chicago zu  Aufständen von Mietern, die mit ihren Mieten in Rückstand geraten waren. Bei diesen Unruhen starben drei Menschen, drei Polizisten wurden verletzt.

Wie Piven sagt, waren die Aktionen häufig spontan: Eine Gruppe arbeitsloser Männer erfährt von einer angesetzten Räumung und marschiert durch die Straßen. Während dieses Marsches sammeln sie weitere Leute ein. Am Ort der Räumung angekommen, tragen sie die Möbel wieder ins Apartment zurück und bleiben vor Ort, um die bedrohten Mieter zu schützen. Bei einem solchen Vorfall in Detroit waren einmal 100 Polizisten nötig, um eine einzige Familie zu räumen. In Detroit, so Piven, "verteidigten zwei Familien ihre Wohnungen, indem sie den Vermieter erschossen. Die sympathisierenden Geschworenen sprachen sie (später) frei".

In 80 Jahren verändert sich Vieles. Als die Polizei und die Versteigerer beim Haus der Balderramas eintrafen, war das Familiengewehr bereits losgegangen. Das Opfer der Auktion hatte sich selbst erschossen. Ich weiß nicht, ob sie eine "gute" Schuldnerin war. Die Familie war schon früher pleite gewesen - aber sicher nicht durch einen Karibikurlaub oder durch Schränke voller Designerklamotten. Ein 'Anpassbarer Ratenkredit' brach ihnen schließlich das Genick. Frau Balderrama hatte die Finanzen der Familie geregelt und ihrem Ehemann offensichtlich nicht mitteilen wollen, dass die ständig steigenden monatlichen Hypothekenraten das Einkommen, das der Mann als Flaschner erwirtschaftete, auffraßen.

Selbstmord - als Reaktion auf Verschuldung - wird immer populärer. James Scurlock hat eine brillante Dokumentation zu diesem Thema gedreht ('Maxed out'). Darin geht es um die Angehörigen von zwei College-Studenten, die Selbstmord begingen, weil die Schulden auf ihren Kreditkarten überwältigend wurden. "Alle Leute, mit denen wir sprachen, hatten zumindest einmal über Selbstmord nachgedacht", so Scurlock 2007 auf einem Treffen der National Association of Consumer Bankruptcy Attorneys (Nationale Vereinigung der Anwälte bei Konsumentenbankrott). Die Los Angeles Times schrieb damals, die Anwälte im Publikum hätten Scurlock recht gegeben, "sie beschrieben, wie manche Klienten mit Zyanid in ihr Büros kamen oder drohten, "falls Sie mir nicht helfen, habe ich ein Gewehr im Auto"".

Vielleicht war Indien der Trendsetter. Seit 1997 begingen schätzungsweise 150 000 verschuldete indische Bauern Selbstmord. Da es im ländlichen Indien kaum Gewehre gibt, griffen die Bauern zu Pestiziden, die für ihre Pflanzen gedacht waren, um Selbstmord zu begehen.

Trocknen wir unsere Tränen -  schließlich ist der Tod eine effektive Kur gegen Schulden und Sorgen aller Art. Versuchen Sie die Sache aus dem Blickwinkel eines chicen Eckbüros zu sehen: Wenn Sie Ihre Schulden nicht bezahlen können, Ihre Rolle als Konsument ausgespielt haben und auch nicht mehr als Arbeitnehmer benötigt werden (wie eine wachsende Zahl Amerikaner) gibt es keinen Grund zum Weiterleben. Ich will nicht sagen, dass die Gläubiger, Banken und Kreditfirmen Sie tot sehen wollen, aber wir leben nun einmal in einer Kultur, in der Kreditwürdigkeit normalerweise ein digitaler Gradmesser für das Selbstwertgefühl einer Person ist. Daher lautet die korrekte Antwort auf ein unlösbares Schuldenproblem: "Erschießt mich!"

Die Alternative wäre, daran zu denken, dass Sie mehr wert sind als alles Geld. Richten Sie das Gewehr lieber gegen andere. Das ist natürlich nur bildlich gemeint. Nicht Gott oder irgendein abstrakter Wandel im ökonomischen Klima hat diese Kreditkrise verursacht sondern echte Menschen. Häufig verstecken sie sich hinter der Maske von Finanzinstitutionen. Sie finden eine nützliche Liste mit Namen in Nomi Prins Artikel für die aktuelle Ausgabe des Magazins 'Mother Jones'. Die meisten dieser Leute sind nach wie vor große Bosse. Sie werden fett vom Blut und von den Tränen normaler Schuldner. Nur einige Wenige sehen einem Gerichtsverfahren entgegen. Ich weiß, wir leben nicht mehr in den 30ger Jahren - aber wie wäre es mit einem Marsch auf die Wall Street?

Barbara Ehrenreich hat dreizehn Bücher verfasst - unter anderem den Bestseller 'Arbeit Pur' ('Nickeled and Dimed'). Sie schreibt regelmäßig für die New York Times, Harpers und The Progressive sowie für Time magazine. Ehrenreich lebt in Florida.

 

Anmerkung d. Übersetzerin

 

*'Poor People's Movements' von Frances Fox Piven und Richard Cloward ,1978 erschienen;

Deutsch: 'Aufstand der Armen', 1986 bei Suhrkamp erschienen

Orginalartikel: Suicide Solution
Übersetzt von: Andrea Noll
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