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Shalits Rückkehr in einen Staat in Psychose

von Gideon Levy

16.10.2011 — Ha'aretz

An diesem Wochenende war sogar Gilad Shavits aftershave ein Diskussionsthema. Ein Spitzen-Kommentator berichtete der galvanisierten Nation in großer Ernsthaftigkeit, dass die Psychologie-Experten der IDF seiner Familie empfahlen, eine Tasche mit seinem Lieblings-aftershave zu packen, um ihm die Rückkehr zu erleichtern. Als elektronisches Signal am Eingang einer Tel Aviver Bar leuchtet eine Botschaft auf, die nicht weniger grotesk ist: „Sonderpreise für einen Schuss Absolut und Finlandia … willkommen zu Hause Gilad Shalit!“

Shalit wird – so hofft man - am Dienstag nach Hause zurückkehren. Er wird nicht in ein Land zurückkehren, sondern eher in ein Telenovela (? R), in dem Emotionen immer hochgehen und diese immer die einzige Sprache sind. Man muss hoffen, er werde in guter psychischer Gesundheit zurückkehren, aber sicher wird er nicht in eine gesunde Gesellschaft zurückkehren. Er wird in eine Gesellschaft zurückkehren, die sich in einer Psychose befindet. Die nationale Psychose umgibt sein Schicksal vom Tag seiner Gefangennahme und erreicht jetzt ihren Höhepunkt. Die IDF bereitet – wie berichtet wird - ein paar Uniformen für ihn vor, da der „nationale Junge“ sicher einen Teil seines Gewichts verloren hat. Hauptsache ist, ihn in Uniform zu zeigen, wie es sich für einen Kriegsheld geziemt.

Yedioth Ahronot hat schon eine Verkaufskampagne begonnen, die unter dem Spruchband „Möchtest du Gilad schreiben?“ kaschiert ist. Hunderttausend gelbe Bänder flattern im letzten Herbstwind von jedem Baum und den Seitenspiegeln jedes Autos. Israel wird sich noch einmal auf die Schulterklopfen in schwieriger Solidarität, Brüderlichkeit und gegenseitiger Verantwortung – niemand ist wie wir.

Über das Wochenende schrieb ein Brigadegeneral im Ruhestand: „Das ist genau der Unterschied zwischen uns und ihnen.“ (Was nun genau der Unterschied ist, das war nicht klar.) Und ein Reservegeneral erklärte: „Hamas hat ein Herz aus Stein“ (als ob jemand ein Herz aus Gold habe, der zehn Tausende palästinensische Gefangene festhält, von denen einige politische Gefangene sind, einige ohne Gerichtsverhandlung, einige von ihnen seit Jahren festgehalten wurden, ohne dass sie von der Familie besucht werden durften).

In den letzten fünf Jahren ist kein einziger Israeli über Shalits Schicksal unberührt geblieben. So sollte es sein und es ist ein Grund, um stolz zu sein. Die Vermenschlichung eines einzigen Soldaten mit einem (blassen) Gesicht, mit (edlen) Eltern und einem (besorgten ) Großvater und ihn sogar in einen „Jungen“ verwandelt, ist Zeichen einer humanitären Gesellschaft. Man kann sogar die verzweifelte israelische Gesellschaft verstehen, die blitzartig von einer extremen Situation in eine andere wechselt. Die beiden Soldaten, die bei Shalits Entführung getötet wurden, sind unbekannte Soldaten – Shalit dagegen wurde zu einer Heldenikone; aus dem verachteten Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin wurde übernacht ein Heiliger. MIA-Soldaten sind vergessen worden, andere gefangene Soldaten wurden keine nationalen Symbole, und nur Shalit wurde das, was er jetzt ist.

Fünf Jahre mit seltenen Nachrichten, die seine Existenz nicht erwähnten. Anscheinend gibt es da etwas über Shalit und seine Eltern, das das Herz der Nation ansprach. Und auch dies ist nur zu seinem Wohl.

Das Problem beginnt mit den lächerlichen Kronen, die wir für uns beanspruchten und mit der Heuchelei, Leere und Blindheit, die sie charakterisierten. Die Kampagne, Shalit zu befreien, - die nicht frei von abstoßenden Aspekten war, wie die Bemühungen, Besuche bei palästinensischen Gefangenen zu verhindern - wurde zu einer Kampagne des Staates, ein Ventil, um dem Druck für die Demonstration von Fürsorge und ziviler Beteiligung nachzugeben. Die Kampagne war hohl und oberflächlich, genau wie die „Kerzenkinder“, die nach dem Mord an Rabin weinten und bei der nächsten Wahl für Netanyahu stimmten.

Wer ist nicht gegen Terror und für Shalits Befreiung? Aber dieselbe schluchzende Gesellschaft fragte sich nicht einen Moment lang ehrlich und mutig, warum Shalit gefangen genommen wurde. Sie sagte nicht einen Moment lang ehrlich und mutig zu sich selbst, wenn sie weiter diesen Pfad entlang geht, wird es noch viele – tote oder lebendige - Gilad Shalits geben. In auf einander folgenden Wahlen stimmte man immer wieder für Regierungen der Mitte und des rechten Flügels, für solche, die garantieren, dass Shalit nicht der letzte gewesen sein wird. Sie behängt Bäume und Autos mit gelben Bändern und unterstützt alle schwarzen Flaggen. Und keiner sagt es mutig und ehrlich: Shalit ist der unvermeidliche Preis eines Staates, der immer mit dem Schwert zu leben, gewählt hat.

Keiner fragte jemals: Warum ist es erlaubt, mit Hamas zu verhandeln, wenn es um das Schicksal eines einzigen Soldaten geht, doch verboten ist, wenn es um das Schicksal von zwei schwer verletzten Völkern geht?

Stattdessen hüllt sich die israelische Gesellschaft in einen selbstgerechten Umhang von Selbstlob: Wie betroffen sind wir doch vom Schicksal eines einzigen Soldaten!

Und wie ist es mit dem Schicksal vieler Soldaten, einer ganzen Armee, eines ganzen Volkes?

Orginalartikel: Dieser Artikel ist NICHT auf www.zmag.org erschienen!
Übersetzt von: Ellen Rohlfs
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