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"Stoßt Michael Moore von einer Klippe" - über die Angriffe der amerikanischen Krankenversicherungsindustrie gegen Moores Film 'Sicko'

Interview mit dem Whistleblower Wendell Potter

von Amy Goodman

17.11.2010 — Democracy Now!

Als Michael Moore, der für seine Regiearbeit in 'Fahrenheit 9/11' einen Oscar erhalten hatte, ankündigte, er werde 2004 eine Doku über das amerikanische Gesundheitswesen drehen, herrschte bei den Krankenversicherungen heller Alarm. Wendell Potter war einer der Ersten, die in die Offensive gingen. Er war damals Sprecher von CIGNA - eines Riesen in der Branche der Privatversicherer. Doch 2009 wandelte sich Potter zu einem der bekanntesten Whistleblower (Warner) gegen die Versicherungsindustrie. Wir sprachen mit ihm über die Rolle, die er bei den Angriffen gegen Michael Moores 'Sicko' spielte und über die Bewegung für eine allgemeine Krankenversicherung (single-payer healthcare system (Krankenversicherung aus einer Hand)).

 

Unser Gast:

Wendell Potter - Senior Fellow im Fachgebiet 'Krankenversicherung' am 'Center for Media and Democracy'. Sein Buch 'Deadly Spin: An Insurance Company Insider Speaks Out on How Corporate PR is Killing Health Care and Deceiving Americans' ist soeben erschienen.

 

 

Amy Goodman:

Zum Abschluss unser Sendung senden wir den zweiten Teil unseres Gesprächs mit dem ehemaligen Chefsprecher von CIGNA und früheren Sprecher von Humana, Wendell Potter. Er unterhielt sich gestern mit Democracy Now!. Im zweiten Teil geht es wieder um die Krankenversicherungsindustrie und ihre Angriffe auf den Filmemacher und Oscar-Preisträger Michael Moore (nachdem dieser angekündigt hatte, eine Doku über das amerikanische Gesundheitswesen drehen zu wollen). Natürlich spreche ich von'Sicko'. Wendell Potter war damals eine der Schlüsselfiguren, die hinter der Verleumdungskampagne gegen Moore steckten. Potter kommentiert die damalige generelle Politik der Versicherer gegenüber Michael Moore so:

 

(Einblendung)

Wendell Potter:

Wir hatten große Angst. Uns war klar, wir würden eine äußerst ausgeklügelte und teure Kampagne benötigen, um die Menschen von der Idee einer allgemeinen Krankenversicherung abzubringen. Wir hatten Angst, die öffentliche Meinung könnte sich tatsächlich darauf einigen. Wenige Tage nach der Premiere des Filmes ('Sicko') hielten wir ein Treffen mit unseren Umfrageleuten ab. Sie sagten, die Menschen seien zum ersten Mal - zum ersten Mal seit sie diese Umfragen machten -, mehrheitlich dafür, dass sich die Regierung in weit stärkerem Maße in unser Gesundheitswesen einmischen sollte. Also das...

 

Amy Goodman:

Wer hat diese Umfragen gemacht?

 

Wendell Potter:

McInturff - Public Opinion Strategies, von Bill McInturff (ein sehr bekannter Stratege für die Republikaner; er war auch John McCains Umfrageleiter). McInturff führt seit circa zwei Jahrzehnten Umfragen für die Versicherungsindustrie durch. In dieser Zeit hat er Trends in der öffentlichen Meinung im Auge behalten. Ja, den Versicherern - den Managern - hat das wirklich Angst eingejagt. Wir alle waren besorgt. Wir spürten, dieser Film könnte so einschlagen, dass er den Weg für eine entsprechende Gesetzgebung (für das Gesundheitswesen) ebnen könnte. Falls eine solche Gesetzgebung käme, wäre das ganz gegen die Interessen der Versicherungsindustrie.

Aus diesem Grund war es für die Versicherer sehr wichtig, dem Film so massiv wie nur möglich entgegenzutreten.

 

Amy Goodman:

Das also war die Grundstrategie - falls es eine solche gab -, als der Film in den Vereinigten Staaten anlief?

 

Wendell Potter:

Nun, eine Komponente (der Strategie) war die Finanzierung einer Frontgruppe - ich schreibe darüber ziemlich ausführlich in meinem Buch. Ich beschreibe, wie aufgrund von Sonderinteressen, vor allem im Falle der Versicherungsindustrie, Premium-Gelder eingesetzt wurden, um Abertausende, wenn nicht Millionen von Dollars an PR-Firmen zu schleußen, die das Geld einsetzten, um Pseudo-Graswurzelorganisationen ("Astroturf"*, wie wir es nannten) und Frontgruppen zu gründen. Im vorliegenden Fall wurde eine Frontgruppe gegründet, die sich 'Health Care America'  nannte. Ihr einziger Zweck war es, Michael Moore und die Idee einer allgemeinen Krankenversicherung (single-payer system) anzugreifen.

 

Amy Goodman:

Wer waren die Typen, die bei 'Health Care America' mitmachten?

 

Wendell Potter:

Es waren nur ein paar Leute. Eine Frau war dabei. Ich glaube, sie hieß... ich erinnere mich nicht mehr an ihren Namen. Ich glaube, sie hieß Sarah Berk. Doch der Medienvertrag für diese Sache wurde mit einem Kerl namens Bill Pierce abgeschlossen. Ich kannte ihn schon längerere Zeit und hatte schon früher mit ihm zusammengearbeitet. Er war früher PR-Mann für (die private amerikanische Krankenversicherung) Blue Cross / Blue Shield Association. Doch zu jener Zeit arbeitete er gerade für das PR-Unternehmen APCO Worldwide. Er stand im Verzeichnis unter 'Medienkontakte'. Wenn man seine Nummer anwählte, wurde man zu seinem Schreibtisch bei APCO Worldwide durchgestellt. Das war nur eine Fassade. Es war nur...

 

Amy Goodman:

Was ist APCO Worldwide?

 

Wendell Potter:

Es ist eine sehr, sehr große PR-Agentur, die vor einigen Jahren von der großen Anwaltskanzlei Arnold & Porter aus Washington gegründet wurde. 'A' und 'P' stehen für Arnold und Porter. Sie verteidigten...

 

Amy Goodman:

Daher APCO.

 

Wendell Porter:

Genau. Sie verteigten die Tabakkonzerne. Sie hatten das Gefühl, sie bräuchten Unterstützung - sowohl, was das Urteil der öffentlichen Meinung anging als auch im Gerichtssaal.

 

Amy Goodman:

Und was hat es mit 'Health Care America' auf sich? Wie haben die sich selbst definiert?

 

Wendell Potter:

Sie sagten, sie würden sich für die Konsumenten einsetzen. Und...

 

Amy Goodman:

Hat irgendjemand in dieser Zeit die Sache enthüllt?

 

Wendell Potter:

Nein. Keiner.

 

Amy Goodman:

Wurden diese Leute von jemandem losgeschickt, um gegen das zu argumentieren, was Michael Moore in Radio und Fernsehen sagte? Wurden sie in den Zeitungen zitiert?

 

Wendell Potter:

Nein. Ich habe erst vor kurzem in dieser Sache recherchiert - nur, weil ich herausfinden wollte, wie sie abgeschirmt wurden. Keiner ist ihnen je auf die Schliche gekommen.

 

Amy Goodman:

Aber sie wurden doch zitiert, oder?

 

Wendell Potter:

Natürlich. Sie wurden ausgiebig zitiert. Sie gaben Pressemitteilungen heraus. Sie hatten den Status einer legitimen Organisation - selbst für die New York Times.

 

Amy Goodman:

Nennen Sie den entsprechenden Artikel.

 

Wendell Potter:

Die New York Times veröffentlichte einen Artikel, der eine Art Rezension von 'Sicko' sein sollte. Es war aber keine wirkliche Rezension. Es ging darum, dass der Film im Juni 2007 in den USA anlaufen würde. In diesem Artikel zitiert die New York Times den Sprecher von 'Health Care America'. Er sagte, dies (der Film) sei ein Schritt in Richtung Sozialismus. Der Reporter unternahm - offensichtlich - keinen Versuch herauszufinden, ob sie (Gruppe) hauptsächlich von der Versicherungsindustrie finanziert wurde. Kein Reporter, den ich erlebt habe, hat das getan.

 

Amy Goodman:

Wenden wir uns nun einem Ausschnitt aus Michael Moores Film 'Sicko' zu. Sie hatten einen solchen Bammel vor diesem Kinofilm, dass CIGNA einen (glücklichen) Mitarbeiter an die Riviera schickte, um sich den Film beim Filmfestival (in Cannes) anzusehen - wo Moore fünfzehn Minuten lang stehende Ovationen entgegennahm. Bei einer Konferenzschaltung mit dem Konzern berichtete dieser Mitarbeiter, was dort zu sehen war. Hier ein Ausschnitt aus Michael Moores 'Sicko':

 

(Einblendung: Michael Moore in einem staatlichen britischen Krankenhaus)

 

Michael Moore:

Dieser Mann hier hat sein Fußgelenk gebrochen. Was wird es ihn wohl kosten? Wenn er wiederhergestellt ist, wird er eine hohe Rechnung bekommen, stimmt's?

 

Verwaltungsangestellte des NHS-Krankenhauses:

Hier? Nein. Hier ist alles kostenlos.

 

Michael Moore:

Ich frage nach den Kosten für den Krankenhausaufenthalt, und Sie lachen bloß.

Selbst, wenn er versichert ist, muss er doch irgendeine Rechnung bezahlen, oder?

Was haben Sie für die Geburt Ihres Babys bezahlt?

 

Frisch gebackener Vater:

Nein, nein, nichts. Die NHS (nationale Krankenversicherung) übernimmt alles.

 

Frisch gebackene Mutter:

So ist die NHS.

 

Frisch gebackener Vater:

Wir sind hier nicht in Amerika.

 

Michael Moore:

Aber das hier ist doch die Stelle, wo die Leute ihre Rechnung für den Krankenhausaufenthalt bezahlen müssen?

 

NHS-Kassierer:

Nein, das hier ist ein NHS-Krankenhaus, daher müssen Sie die Rechnung nicht selbst bezahlen.

 

Michael Moore:

Aber warum steht hier auf dem Schild 'Kasse' (cashier), wenn die Leute gar keine Rechnungen haben?

 

Verwaltungsangestellte:

... Stelle, Sie müssen... Es bedeutet nur, dass Sie hier Ihre Transportkosten erstattet bekommen.

 

Michael Moore:

Das heißt also: In britischen Krankenhäusern zahlt man an der Kasse nicht ein, sondern bekommt noch etwas raus - durch das Fensterchen? (Ende)

 

(Einblendung)

(Michael Moore am 18. Juni 2007 bei Democracy Now!)

 

Michael Moore:

Yeah, die haben mich angeschaut, als käme ich vom Mars - als ich diese Briten damals fragte, wieviel sie für das oder jenes, für was auch immer, zahlen müssten.

 

Amy Goodman:

Wir sprechen gerade mit Michael Moore. Reden wir einmal darüber, wie unser heutiges Gesundheitswesen überhaupt entstanden ist.

 

Michael Moore:

Nun, wissen Sie, mein Großvater war zuerst Landarzt. Er kam aus Kanada. Ende des 19. Jahrhunderts absolvierte er eine medizinische Ausbildung in einer Schule. Damals dauerte diese Ausbildung ein Jahr. Wissen Sie, es ist schon erstaunlich, wieviel die damals schon wussten und in einem Jahr vermitteln konnten. In dem kleinen Dorf, in dem ich aufwuchs, weil meine Mutter dort herstammte - und mein Großvater dort lebte -, wurde er mit Eiern, Milch, Hühnern und solchen Sachen bezahlt. Er arbeitete nicht, um reich zu werden. Damals konnte man davon noch nicht reich werden. Sie hatten ihr komfortables Auskommen - die Ärzte am Ort - aber sie gehörten nicht zu den reichen Leuten  der Gemeinde.

 

Wir sind von dem Konzept abgerückt, (kranke) Menschen zu behandeln, weil es einfach richtig ist, sie zu behandeln. Das Krankenhaus, in dem ich zur Welt kam, wurde von Nonnen geleitet. Diese Nonnen arbeiteten nicht, um Profite zu machen und an der Wallstreet zu investieren. Was ich meine, ist, sie taten es, weil sie es für ihre Pflicht gegenüber Gott hielten: Gott und der Menschheit dienen, indem man Krankenhäuser schafft und Babys auf die Welt bringt. Heute sind wir weit davon entfernt. An irgendeinem Punkt haben wir es zugelassen, dass Profit- und Raffgier in uns eindringen.

 

In meinem Film habe ich ein bestimmtes Datum entdeckt - an dem die privaten Krankenversicherer (HMOs) an den Start gingen. Ich hatte Glück. In meinem Büro recherchierte ein 23jähriger für den Film. Ich glaube, Jeremy Scahill hatte ihn mir mal empfohlen. Insofern spielt auch Democracy Now! eine Rolle in meinem Film. Dieser junge Mann stieß auf Watergate-Bänder - naja, sie hatten nix mit 'Watergate' zu tun, nur mit Nixon. Es war eines der Nixon-Tonbänder aus dem Nationalarchiv. Darauf hört man eine Unterhaltung zwischen Nixon und Ehrlichman. Sie diskutieren darüber, ob sie das HMO-Konzept überstützen sollten oder nicht. Ehrlichman sagt zu Nixon: "Sie werden es mögen, weil es privates Unternehmertum bedeutet. Das ist keine dieser Alles-umsonst-Sachen." Und Nixon: "Oh, das gefällt mir. Erzählen Sie mir mehr darüber". Ehrlichman: "Nun, so wird das mit den HMOs funktionieren: Sie kassieren mehr Geld für weniger Leistung. Je weniger ein Unternehmen für sie - die Patienten - tut, desto mehr Geld wird es verdienen." Und Nixon: "Oh, nicht schlecht". Und das alles ist auf Band gespeichert. (Ende)

 

Amy Goodman:

Wendell - Sie haben gelacht, als Moore aus dem Ehrlichman-Tonband zitiert hat - aus dem Nixon-Ehrlichman-Haldeman-Tonband. Kennen Sie das Band?

 

Wendell Potter:

Ich kenne das Band tatsächlich. Ich denke, es war eine große Entdeckung...

 

Amy Goodman:

Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass Sie ein klein wenig wie John Haldeman aussehen?

 

Wendell Potter:

Danke, kann sein, ich weiß es nicht. Wichtig an dem Gespräch war - das eigentlich Wesentliche daran war -, dass zu jener Zeit Ted Kennedy versuchte, eine Gesetzgebung durchzusetzen, die auf ein Medicare-System für alle hinausgelaufen wäre. In diesem Falle hätten wir heute eine allgemeine Krankenversicherung (single-payer system) in unserem Land. Nixon war darauf versessen, eine private, unternehmerische Lösung zu finden, die er gegen Ted Kennedys damalige Vorschläge in Anschlag bringen konnte. Es ging also um eine sehr wichtige Sache.

 

Amy Goodman:

Ich möchte noch einmal auf 'Health Care America' zurückkommen. Was Sie da als "Astroturf"-Organisation beschrieben haben, die sogar in der New York Times und in anderen Publikationsorganen und Medien - als Gesundheitsorganisation der Konsumenten - zitiert worden sei, ist wirklich von Bedeutung. Haben die etwas mit APCO zu tun, mit Arnold & Porter, die die Tabakfirmen verteidigt haben? Diese Leute sind also dazu da, um die Idee einer öffentlichen Option (in der Krankenversicherung), oder etwas in der Art, zu killen, oder? Wie erfolgreich waren Sie damals, als Sie gegen 'Sicko' vorgingen? Was meinen Sie? Glauben Sie, es ist Ihnen gelungen, die Botschaft abzuschotten?

 

Wendell Potter:

Zweifellos glaubten wir, wir hätten es geschafft, die Wirkung des Films zu dämpfen. Wir hatten ja befürchtet, der Film könnte so erfolgreich werden wie 'Fahrenheit 9/11'. Wäre das der Fall gewesen, das war uns klar, hätte dies die öffentliche Meinung beim Thema 'Gesundheitswesen' massiv verändert - in einer Weise, die schädlich für die Profite der Krankenversicherer gewesen wäre. Es war daher sehr wichtig, dass diese Kampagne Erfolg hatte. Einmal, auf einem Strategietreffen, sagte einer der APCO-Leute: Falls unsere Bemühungen, unsere ursprünglichen Bemühungen, nicht zum Erfolg führen, müssen wir zum (nächsten) Element unserer Kampagne übergehen und Michael Moore von einer Klippe stoßen. Das war nicht wörtlich gemeint, aber...

 

Amy Goodman:

Sind Sie da so sicher?

 

Wendell Potter:

Nun, nein, ich bin mir nicht sicher. Um ehrlich zu sein: Als ich mit dieser Sache, die ich jetzt mache, anfing, machte ich mir Sorgen um meine eigene Gesundheit und mein eigenes Wohlergehen. Vielleicht war es ja nur Paranoia - aber diese Unternehmen spielen, um zu gewinnen.

 

Amy Goodman:

Das war Wendell Potter, ehemaliger Chefsprecher des Krankenversicherungsriesen CIGNA. Er hatte diesen Posten inne, als Michael Moore seinen Film 'Sicko' herausbrachte. Heute gehört Wendell Potter zu den wichtigsten Whistleblowern (Warnern). Sein neues Buch heißt: 'Deadly Spin': An Insurance Company Insider Speaks Out on How Corporate PR is Killing Health Care'.

 

Anmerkung d. Übersetzerin

 *Astroturf ist der Namen eines Kunstrasens. Statt einer echten "Graswurzel'-Bewegung wurde angeblich eine "künstliche" Bewegung geschaffen, die diesen geheimen Codenamen trug.

Übersetzt von: Andrea Noll
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