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Trucker treten aufs Pedal

von Barbara Ehrenreich

12.04.2008 — The Nation / ZCommunications

Bis zu Beginn diesen Monats hatten die Amerikaner anscheinend nichts zu ihrem kontinuierlichen wirtschaftlichen Ruin zu sagen, außer: "Schlagt mich! Bitte, haut noch einmal drauf!" Nehmt mein Haus, aber lasst mich vor der Zwangsversteigerung noch den Rasen mähen. Nehmt meinen Job, ich werde einfach in der Dunkelheit verschwinden. Oh, bitte nehmt auch meine Krankenversicherung, mir bleibt immer noch ADVIL.

Dann, am 1. April, kam es zu einer Welle des Widerstandes - von den Lastwagenfahrern. Sie griffen zu ihrem stärksten Aktionsmittel: Passivität. Angesichts von 4 Dollar pro Gallone Diesel nahmen sie den Fuß vom Pedal, blieben stehen oder bummelten. Am Autobahnkreuz von New Jersey kam es zu einem Trucker-Konvoi "so weit das Augen reicht", wie ein Sprecher des Kreuzes sagte. Sie fuhren mit der Eisberg-Geschwindigkeit von 20 Meilen pro Stunde.

Auch vor der Stadt Chicago nahmen sie den Fuß vom Gas und fuhren zu Dritt nebeneinander. So blockierten sie den Verkehr und verursachten Staus. Trucker fuhren massenhaft in Harrisburg/Pennsylvania ein und verursachten Verzögerungen im Hafen von Tampa, wo 50 Laster in einem Bummelstreik stillagen. Bei Buffalo teilte ein Fahrer der Presse mit, er werde diese Woche frei nehmen, um "für unsere Wirtschaft zu beten".

Die Lastwagenfahrer, die die Proteste organisierten - über CB und Internet - verfolgen vor allem ein Ziel: die Senkung der Dieselpreise. Sie sind selbständige Unternehmer - also auch Geschäftsleute - und kommen mit den aktuellen Dieselpreisen nicht zurecht. Sie wollen, dass die Regierung die Treibstoffreserven freigibt. Sie wollen eine Untersuchung der Profite von Ölunternehmen und der Regierungssubventionen für diese Firmen. Alle Fahrer, mit denen ich sprach, waren sich bewusst, dass die Regierung nur ein Wochenende benötigte, um Bear Stearns - mit $30 Milliarden - rauszupauken, während die Trucker-Unternehmen sich im Sinkflug befinden.

Die Auswirkungen der Trucker-Proteste gegen den Ruin der Lastwagenfahrer werden weit über diese Selbständigengruppe hinausreichen. Erstens ist Trucking kein marginaler Geschäftszweig. In der Bloggosphäre stellt man sich zwar vor, alles, was wichtig ist, würde mit Pixelgeschwindigkeit via Satellit überall hin geschleudert, doch 70% der Güter Amerikas werden mit dem Lastwagen transportiert. Den Autorenstreik haben wir zwar überlebt, doch ein Trucker-Streik würde weit mehr als unsere Meinungsmache betreffen. Der Trucker Donald Hayden drückte es mir gegenüber so aus: "Wenn alle Trucker sich entscheiden, dieses Land dicht zu machen, können die nichts dagegen tun".

Noch wichtiger ist, dass die Trucker-Aktivisten ihre Proteste als Teil einer größeren Anstrengung verstehen. Sie wollen "Amerika zurück haben", wie es einer von ihnen formulierte. "Wir werden nicht nur unseretwegen weitermachen", sagt mir JB (JB ist sein CB-Funkname und steht für 'Jake Brake' - die große Bremse an Mammuttrucks) auf einem Rastplatz in Virginia. Er ist auf dem Weg nach Florida.

"Es geht um alle - um die Hausbesitzer, die Bauarbeiter, die Älteren, die ihre Heizkosten nicht bezahlen können... Es ist keine Aktion der Truckerfahrer, sondern eine des Volkes". Hayden erzählt von seinen Eltern. Sie sind 81 und 76 Jahre alt und haben sich mit einem kleinen Fixeinkommen über den Winter von Maine gekämpft. Dan Little, ein Fahrer aus Missouri, beobachtet, wie die Läden in seiner Heimatstadt Carrolton dichtmachen. "Wir sind Amerikaner", so Little, "wir haben dieses Land aufgebaut, und ich will verdammt sein, wenn ich mich einfach hinlege und es ertrage".

Zumindest eine der Truckerstrategien kann man wohl mit der gegenwärtigen Kreditkrise in Verbindung bringen. Am 29. März gab Hayden drei seiner Trucks an Daimler-Chrysler zurück. Er tat dies öffentlich und mit Flair - direkt vor dem Parlamentsgebäude von Augusta. "Pfändung ist etwas, was die Leute normalerweise nicht sehen", so Hayden. Er wollte, dass das Parlament davon Notiz nimmt. Während er die Zündschlüssel zurückgab, so Hayden, sagten die Daimler-Chrysler-Leute: "Wir verstehen nicht, warum sie ihre Zahlungen nicht leisten konnten". "Sehen Sie, ich muss Treibstoff und Lebensmittel bezahlen", hätte er ihnen geantwortet: "Ich habe nun einmal in meinem Leben zu viele Mahlzeiten verzehrt, um das Essen lassen zu können".

Stellen wir uns einmal vor, die Hausbesitzer würden aus ihrer Zwangsversteigerung ein öffentliches Ereignis machen, sie würden Nachbarn und die Presse einladen und jemanden dazu bringen, wenigstens zu filmen, wie ihre Kinder traurig auf der Türschwelle sitzen und die Möbel verstreut auf dem Rasen liegen. Eine nette dramatische Note wäre es auch, wenn Nachbarn die ankommenden Banker mit Schecks, Dollars und Wechselgeld bewürfen - Banker, die allem Anschein nach nie den Hals voll kriegen.

Die übergeordnete Botschaft der Truckerproteste ist Stolz - oder einfacher ausgedrückt - Selbstrespekt. Das haben diese Männer von der Pike auf gelernt. Dan Little: "Mein Großvater war der klügste Mann, den ich je kennen gelernt habe, er sagte: "Wenn du nicht für dich selbst einstehst, wird niemand für dich aufstehen". Gehen Sie auf AmericanDriver.com. Es ist die Internetseite von JB aus Texas und die seines Bruders. Sie finden dort eine riesige Amerikaflagge und - neben Fahrtipps, Wetterinfos und den Lieblingsfotos der Fahrer - die Amerikanische Verfassung und die Unabhängigkeitserklärung. "Das letzte Mal, als wir uns mit so etwas Einschneidendem konfrontiert sahen, gab es eine Revolution".

Die Aktionen in der ersten Aprilwoche sind erst der Anfang. Von einem Protest in Indiana am 18. April ist die Rede und von einem anderen in New York City - sowie von einem großen Truckertreffen in Washington am 28. April.

Wer weiß, welche Ausmaße das Ganze noch annimmt? JB sagt, einige der großen Truckerfirmen drohten allen Angestellten, die sich den Protesten der Selbständigen anschließen, bereits mit Kündigung.

Zumindest erleben wir hier EIN leuchtendes Beispiel für Widerstand im Angesicht der ökonomischen Attacke. Es gibt einen bestimmten Punkt - früher oder später - an dem man aufhört, auf allen Vieren zu kriechen, an dem man, so wie JB und  Fahrerkollegen in ganz Amerika, endlich aufsteht.

Falls Sie die Trucker in irgendeiner Form unterstützen wollen, gehen Sie bitte auf die Seite von 'Trucker and Citizens United.com'

Orginalartikel: Truckers Hit the Brakes
Übersetzt von: Andrea Noll
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