Über die Schrecken des Ersten Weltkrieges
Unsere Führung wird sich nie damit befassen müssen
von Robert Fisk
13.09.2008 — Independent.co.uk
Christchurch/Neuseeland. Direkt vor Andrew Holdens Büro bei der Christchurch Press (nahe Cathedral Square) bietet sich einem ein sehr lebenslustiger, bunter, kleiner Ausblick auf das Wasser. Glauben Sie mir, Neuseelands schönste Stadt ist so kolonial, wie man es nur sein kann. Sie ist ein Potemkinsches Dorf, mit Regierungsgebäuden im Pseudo-Tudor-Stil, mit Viktorianischen Wohnhäusern (die Holzversion) und Kirchen im Stile der Schottischen Barone. Tausende Neuseeländer - mit großen, braunen breitkrempigen Hüten - standen im Begriff, ein großes Dampfschiff zu betreten. Sie reihten sich am Kai auf oder standen auf einer der Gangways oder an Deck.
Als ich das Geschehen diese Woche sah, dachte ich im ersten Moment, es sei ein Jahresfest (vielleicht dreht es sich um Neuseelands 35 Millionen langweilige Schafe?). Andrew Holden bemerkte mein Interesse. "Sie gehen nach Galipoli" (1), sagte er. Meine Augen wandten sich - ruckzuck wie der Blitz der Geschichte - wieder jenen kleinen Gestalten auf Deck zu: Da zogen sie hin - eine neue blühende junge Generation - in den Krieg meines Vaters.
Ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen, aber ich denke - ich fühle und vermute es -, dass der Große Krieg (der Erste Weltkrieg 1914-1918) unser Leben allmählich mehr beherrscht als jener schreckliche Krieg 1939-45, der (uns) definitiv mehr kostete. Im Laufe der Jahre nimmt die Zahl derer zu, die die großen Friedhöfe an der Somme, in Passendale und Verdun besuchen. Der Zweite Weltkrieg geistert vielleicht durch unser Leben, aber der Erste Weltkrieg - so scheint es mir - hält uns alle gefangen.
Die statistischen Zahlen sind immer noch so gewaltig, dass sie uns überwältigen. John Terraine hat errechnet, dass Frankreich im Ersten Weltkrieg bis zum November 1918 1,7 Millionen Männer verlor (bei einer Gesamtpopulation von 40 Millionen). Das Britische Imperium verlor 1 Million Menschen (von denen 700 000 von den Inseln selbst (Gesamtpopulation 50 Million) kamen). Und vergessen wir nicht, dass die Britische Armee schon am ersten Tag an der Somme 20 000 Mann verlor. In der Kathedrale von Christchurch sah ich, dass die Bronzetafeln für die Toten des Ersten Weltkrieges frisch poliert waren. So haben die Tafeln ausgesehen, als die Trauernden vor fast hundert Jahren hierher kamen und auf sie blickten.
Wer hätte je gedacht - selbst vor einem halben Jahrhundert - dass 2008 ein Film die Filmfestspiele von Toronto eröffnen würde, der 'Passchendaele' (2) heißt? Wahrscheinlich ist es der unaussprechlichste Filmtitel aller Zeiten. Das Filmplakat zeigt nichts als einen jungen Mann, der in Schlamm, Dreck und Regen steht. Wer hätte das je gedacht? Oder hätten Sie gedacht, dass 'At the Sharp End' von Tim Cook zu einem der populärsten Sachbücher der neueren kanadischen Geschichte wird? Cook ist ein Historiker über den 'Großen Krieg' am 'Ottawa War Museum'. Das Buch ist der erste Band seiner monumentalen Studie über Kanadier, die im Ersten Weltkrieg zwischen 1914 und 1918 kämpften.
Die kanadische Version des britischen Oberbefehlshabers im Ersten Weltkrieg General Douglas Haig war ein Wahnsinniger namens Sam Hughes (Kanadas' Minister für Militär und Verteidigung'), der seine jungen Männer zwang, das hoffnungslose Gewehr Mark III (made in Canada) zu benutzen. Es klemmte und schoss fehl und ließ die Zahl der Toten unter den Kanadiern - die sich mit dieser möderischen patriotischen Waffe nicht verteidigen konnten -, anschwellen. Der Historiker Cook hat manchmal einen Hang zum Klischee (finde ich), und doch ist er einzigartig.
Es ist erschütternd, wie er die verzweifelten jungen Kanadier beschreibt, die in ihren Granatschützengräben neben den verfaulenden Leibern ihrer längst toten Freunde kauern, während weiterhin die Granaten einschlagen und Körper zerreißen. Ebenso erschütternd sind die Zitate Cooks aus Briefen von kanadischen Soldaten in die Heimat. "Ich ging durch alle Kämpfe, wie wenn ich Holz mache", schreibt Sergeant Frank Maheux an seine Frau - in naivem, etwas gebrochenem Englisch. "Einige nahm ich mit dem Bajonet (!), tötete viele Hunnen. An einem Platz erwischten sie mich zusammen mit einem guten Kumpel. Er wurde neben mir getötet, als ich beobachtete, dass er getötet wurde, sah ich Rot... Als die Deutschen sahen, dass sie geschlagen waren, hoben sie die Hände, aber, liebe Frau, es war zu spät". Mein Gott, der Einschub ("liebe Frau") sagt alles über das Schicksal dieser Deutschen, die sich ergaben. Oder hier ein Zitat von Captain Joseph Chabelle vom Canadian 2nd Division 22 Battailon: "Oh! Das Gefühl, die Klinge in das Fleisch zu treiben, zwischen die Rippen - trotz der abwehrenden Greifbewegungen des Gegners, die sie ablenken wollen. Du kämpfst roh, du strampelst wie wild, die Lippen verzerren sich zu einer Grimasse, die Zähne knirschen, bis du spürst, dass der Griff des Feindes sich lockert und er wie ein Holzblock umfällt. Um das Bajonet herauszubekommen, musst du es mit beiden Händen herausziehen. Wenn es in einem Knochen feststeckt, musst du deinen Fuß gegen den sich noch regenden Körper stemmen und mit aller Kraft ziehen".
(Der britische Soldat und Kriegspoet im Ersten Weltkrieg) Private James Owen beschrieb einmal, wie ein wütender Freund von ihm versuchte, einen Deutschen mit dem Bajonet zu töten: "Er stach wieder und wieder nach dem Deutschen, doch jedes Mal nahm dieser die Arme nach unten und hielt die Spitze des Bajonets mit seinen bloßen Händen auf. Er schrie um Erbarmen. Oh Gott, es war brutal".
Der britische Oberbefehlshaber Haig hielt anfangs übrigens wenig von den Kanadiern. "Sie sind sehr großzügig beim Munitionsverbrauch", beschwerte er sich. "Das weist eher auf Nervösität und eine niedrige Moral hin".
Wie diese Boshaftigkeit das Blut in Wallung bringt! Und der Blutdruck steigt weiter, wenn man die Sammlung 'Croquis et dessins de Poilus' (Skizzen und Entwürfe der Poilus (3)) durchblättert. Sie enthält Amateurzeichnungen und -malereien französischer Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg. Die Sammlung ist wunderschön produziert und zeigt die Verzweiflung der französischen Soldaten. Ironischerweise enthält sie auch einige traurige Porträtzeichnungen ihrer kanadischer Kameraden. Dieses exzellente Buch wurde vom Französischen Verteidigungsministerium herausgegeben. Warum hat das Ministerium bei der Produktion nicht mit dem Imperial War Museum (in Ottawa/Kanada) zusammengearbeitet? Weiß der Geier. Zählt die 'Entente' (im Ersten Weltkrieg) nicht mehr? Krieg bedeutet das totale Versagen der menschlichen Seele (human spirit). Wer das verstehen will und den absoluten Ekel begreifen, der auf den "Schiedsspruch" des Krieges (Chamberlain gebrauchte diesen Begriff auf Seite 3 der Kriegserklärung im September 1939)) unweigerlich folgt, muss jenen Auszug aus Jean Gionos Kriegsroman 'Le Grand Troupeau' (1931) lesen, der sich in der oben erwähnten Sammlung 'Croquis et dessins de Poilus' findet und sich auf Louis Dauphins blankes, Regen verwaschenes Gemälde 'Supply Route at Perome' bezieht.
"Die Ratten mit ihren roten Augen", schreibt Giono über jene Kreaturen, mit denen er den Krieg teilte, "marschierten vorsichtig durch den Graben." "Dort unten gab es kein Leben mehr - außer dem der Ratten und der Läuse... Die Ratten kamen, um die Leichen zu beschnüffeln... Sie wählten junge Männer ohne Backenbärte aus... sie rollten sich zu einem Ball zusammen und begannen, das Fleisch zwischen Nase und Mund (des Mannes) aufzufressen, bis zu dem Punkt, wo die Lippen anfingen... Ab und zu putzten sie sich ihre Barthaare, um sauber zu sein. Dann die Augen - sie holten sie mit ihren Krallen heraus. Sie leckten die Augenlider und bissen in das Auge, als sei es ein kleines Ei..."
Mein Vater hat diesen Horror an der Somme gesehen. Sie alle haben ihn gesehen. Natürlich brauchten die Herren Bush und Blair ihre Gedanken nicht mit solchen Bildern zu besudeln. Dass unsere Jungs (wieder) per Schiff in den Krieg ziehen, ist genug für unsere Führer (Mrs. Thatcher allerdings hatte damals das Ablegen vom Hafen Portsmouth, das an Gallipoli erinnerte, mit heller Freude hingenommen). Könnte es nicht sein, dass wir, das Volk, mehr über das Grauen wissen, als unsere Herren? Die Geschichte legt diesen Schluss nahe.
Anmerkung d. Übersetzerin
(1) Türkische Halbinsel. Galipoli war im Ersten Weltkrieg ein Kriegsschauplatz, an dem viele australische Soldaten kämpften und starben.
(2) Passchendaele (Passendale) hieß ein kleines Dorf in Westflandern/Belgien. Im Ersten Weltkrieg wurde es zum Inbegriff der Schrecken des Grabenkrieges. Der kanadische Filmbeitrag 'Passchendaele', zu den Filmfestspielen in Toronto 2008, schildert den "Grabenkrieg" aus der Sicht eines kanadischen Soldaten, der aufseiten der 'Entente' kämpft.
(3) Poilus = "bärtige Männer": Bezeichnung für alle Soldaten des Ersten Weltkrieges
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