Repräsentant der US-Regierung nimmt an Hiroshima-Gedenkfeier in Japan teil
"Ein extrem wichtiger Akt", meint Robert Jay Lifton
von Juan Gonzalez und Amy Goodman
06.08.2010 — Democracy Now!
Vor 65 Jahren warf Amerika eine Bombe mit dem Kosenamen 'Little Boy' (kleiner Junge) über der japanischen Großstadt Hiroshima ab. Laut Schätzungen starben 140 000 Menschen sofort oder erlagen kurze Zeit später ihren schweren Verbrennungen oder der Strahlenkrankheit. 2010 nimmt zum ersten Mal ein Vertreter der US-Regierung an diesem traurigen Jahrestag in Japan teil. Wir sprachen mit dem führenden amerikanischen Psychiater und Autoren, Robert Jay Lifton, der sich seit langem gegen Atomwaffen einsetzt.
Das Interview führten Juan Gonzalez und Amy Goodman
Juan Gonzalez:
65 Jahre ist es her, seit die USA eine Bombe mit dem Kosenamen "Little Boy" über der japanischen Großstadt Hiroshima abwarfen. Die Bombe setzte Schockwellen frei, Radioaktivität und Hitzestrahlung. Diese Mischung tötete Tausende von Menschen auf der Stelle. Schätzungen zufolge starben 140 000 Menschen sofort oder bald nach der Explosion - an Verbrennungen und oder an der Strahlenkrankheit. 74 000 Menschen starben beim Abwurf der zweiten Atombombe - drei Tage später - über der Hafenstadt Nagasaki.
In diesem Jahr reiste zum ersten Mal ein Repräsentant der US-Regierung nach Japan, um an der Gedenkfeier zu diesem traurigen Jahrestag teilzunehmen. US-Botschafter John Roos sagte in einem Statement (Zitat): "Im Interesse künftiger Generationen müssen wir weiter gemeinsam daran arbeiten, dass eine Welt ohne Atomwaffen Wirklichkeit wird".
US-Außenministerin Hillary Clinton sagte am Donnerstag in Washington, Präsident Obama halte es für "angemessen, diesen Jahrestag anzuerkennen".
(Einblendung)
Außenministerin Hillary Clinton:
Dieser Präsident - Präsident Obama - engagiert sich in seiner Arbeit sehr für eine Welt ohne Atomwaffen. Oft sagt er, dass dies für ihn ein langfristiges Ziel sei. Führern und Bürgern, die erkennen, wie wichtig es ist, dass unser Planet nuklear abgerüstet wird, steht ein jahrelanges Engagement bevor. (Ende)
Amy Goodman:
Nun, die USA und Russland besitzen immer noch über 22 000 nukleare Gefechtsköpfe. Frankreich, Großbritannien, China, Indien, Pakistan und Israel haben insgesamt rund 1 000 Atomwaffen (laut der 'International Commission on Nuclear Nonproliferation and Disarmament' (internationale Kommission zur Nichtweiterverbreitung von Nuklear-(Waffen) und für Abrüstung). Das globale Atomarsenal wird auf einen Umfang geschätzt, der circa 150 000 Hiroshima-Bomben entspräche.
Um mehr zu erfahren, sind wir nun per Telefon mit dem führenden amerikanischen Psychiater, Autor und Langzeitkämpfer gegen Atomwaffen Robert Jay Lifton verbunden. Eines seiner Bücher heißt: 'Death in Life: Survivors of Hiroshima'. Es wurde mit dem National Book Award ausgezeichnet. Zu Liftons Werk zählt auch das Buch: 'Hiroshima in America: A Half Century of Denial', das er gemeinsam mit Greg Mitchell verfasst hat.
Dr. Lifton, willkommen bei 'Democracy Now!'
Robert Jay Lifton: Danke.
Amy Goodman: Ihr Buch hieß: 'A Half Century of Denial, Hiroshima in America'. Heute sind es schon 65 Jahre. Welche Gedanken gehen Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an diesen Tag denken? Es ist zwar lediglich ein weiterer Jahrestag, aber heute war zum ersten Mal ein offizieller Vertreter der USA in Hiroshima, um an der Gedenkfeier teilzunehmen.
Es ist enorm wichtig, dass ein offizieller Vertreter Amerikas an der Gedenkfeier teilnimmt - denn dies ist ein Zeichen, dass wir die Toten gemeinsam ehren. Darum geht es hier ja: Die Toten zu ehren - und herauszufinden, welchen Sinn ihr Tod hatte. Die übergeordnete Botschaft dieser Feier ist eine Warnung an die Welt, was die Gefahren der Atomwaffen angeht.
Traditionell reagiert Amerika auf den 6. August, indem der (damalige) Einsatz dieser Waffe in vielen Medien verteidigt wird: Die grausamste Waffe, die je geschaffen wurde, so heißt es, habe Menschenleben gerettet - nicht vom Töten (ist die Rede). Dies (die Reise des US-Repräsentanten) revidiert diese Haltung: sich einreihen in das Gedenken an die Tragödie und eine Antihaltung gegen Atomwaffen einnehmen. Daher halte ich diese Sache auch für so extrem wichtig.
Juan Gonzalez: Aber es ist immer noch ein weiter Weg bis zur Übernahme von Verantwortung für den Einsatz der schlimmsten Massenvernichtungswaffe gegen eine Zivilbevölkerung, oder nicht? Dieses Land hat noch einen weiten Weg vor sich, bis es erkennt - und anerkennt - welchen Horror es damals verbreitet hat.
Absolut. In unserem gemeinsamen Buch: 'Hiroshima in America' führen Greg Mitchell und ich ein Gespräch über die Nerven, die bei den Amerikanern blankliegen, wenn es um Hiroshima geht. Es gibt da eine Tendenz, das Thema 'Hiroshima' zu unterdrücken, sich davon zu distanzieren, da es uns an eine schlimme Sache erinnert, die wir gemacht haben. Wir tun uns schwer damit, dies anzuerkennen. Hinzu kommt, dass kein amerikanischer Präsident sich je entschuldigt hat oder eingestanden hätte, welche Tragödie der Einsatz der ersten Atomwaffe durch die USA verursacht hat. Dieser (aktuelle) Schritt ist zumindest ein Schritt in die richtige Richtung - einer, der uns mit der Position derer verbindet, die gegen Atomwaffen sind. Zudem ist er Teil der Verpflichtung zur Abschaffung von Atomwaffen, die Präsident Obama eingegangen ist. Allerdings ist es nur ein erster Schritt. Was wir brauchen, ist noch viel mehr positives Engagement zur Abschaffung der Atomwaffen. Das bedeutet, sich allen Gefahren, die die Weiterverbreitung von Atomwaffen mit sich bringt, zu stellen und unsere Verpflichtung durchzuziehen, die Weiterverbreitung von Atomwaffen zu verhindern - und das heißt auch, nicht vor der eigenen Türe Halt zu machen, wenn es darum geht, Atomwaffen abzuschaffen. Es ist Teil des (Atomwaffensperr-)Vertrages, und Teil der Verpflichtung der Atomwaffenstaaten. Es war ein erster Schritt - ein sehr, sehr wichtiger Schritt - aber nur der erste.
Juan Gonzalez: Wodurch unterscheidet sich Präsident Obama bei diesem Thema von früheren US-Präsidenten?
Nun, ganz einfach durch sein Versprechen, die Nuklearwaffen abzuschaffen. Obama ist der erste (amerikanische) Präsident mit dieser Haltung. Alle Präsidenten vor ihm nahmen zu diesem Thema eine gewisse ambivalente Haltung ein. Sie sagten alle: "O, diese Waffen sind zu schrecklich, um sie einzusetzen". Gleichzeitig sagten sie: "Die Waffen sind Teil unseres Arsenals. Wir wollen sie zwar nicht einsetzen, aber womöglich müssen wir es tun".
Obama hat zumindest Position bezogen - indem er sagte, die Waffen gehören abgeschafft. Wir müssen dafür sorgen, dass sie von diesem Planeten verschwinden. Seine Taten waren nicht immer tough genug, um diese Haltung zu unterstützen, aber sein Bekenntnis hat große Bedeutung. Was Obama getan hat, nämlich die Einberufung eines Treffens mit einer Reihe von Führern dieser Welt, um jene Probleme, die durch Nuklearwaffen verursacht werden, zu untersuchen, war eine weitere signifikante Tat. Aber die Kehrtwende - oder zumindest Änderung - in der Haltung eines amerikanischen Präsidenten, die sich in all diesen Dingen äußert, stellt erst den Anfang dar. Das sollten wir uns klar machen Natürlich ist es begrüßenswert. Er (Obama) sollte jedoch gedrängt werden, weitere, noch aktivere Klarstellungen in dieser Richtung vorzunehmen.
Amy Goodman: Dr. Lifton, wir haben nur noch 15 Sekunden. Was würden Sie denen antworten, die sagen, der Abwurf der Atombombe habe Amerikanern das Leben gerettet?
Der Abwurf hat keinen Amerikanern das Leben gerettet. Sobald wir diese Waffe hatten, war eine Invasion ausgeschlossen. Die Historiker weisen (obige) Position zurück. Hiroshima und Nagasaki sind die einzigen tragischen Belege für das, was diese Bomben Menschen antun können. Darum ist die Gedenkzeremonie auch so wichtig, und darum ist es so wichtig, dass wir dies anerkennen und am 6. August mit dabei sind.
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Es ist schon erschreckend, zu was die
menschliche Spezies fähig ist. Sie entwickelt
eine Massenvernichtungswaffe, nennt sie "Little
Boy" und "Fat Man" wirft sie auf zwei japanische
Städte ab und tötet ca 200.000 Menschen. Davon
starben in Hiroshima etwa 136.000 Menschen und
in Nagasaki etwa 64.000.
http://www.atomwaffena-z.info/atomwaffen-geschichte/einsatz-von-atomwaffen/nagasaki/index.html
Einige Leute vertreten die Meinung, daß
der Einsatz der Atomwaffen über Japan eine
Demonstration der Stärke gegenüber Stalin
gewesen sein könnte, angesichts des sich
anbahnenden Ost-West-Konflikts.
Auch ist nicht auszuschließen, das die
Wissenschaftler und einige Politiker in
den USA, die immense Summen und Know-How
in dieses Projekt gesteckt haben, diesen
Einsatz forderten, um die Wirkungsweise
dieser Waffen in einem "Feldversuch" zu
testen.
»Ich glaube, daß die Wissenschaftler und
andere diesen "Test" unbedingt haben wollten,
nicht nur wegen der riesigen Menge an Geld, welches das Forschungsprojekt verschlungen
hatte.»
Admiral William D. Leahy, Chef des Beraterstabes
der US-Präsidenten Roosevelt und Truman
http://www.friedenskooperative.de/themen/hirosh01.htm