Venezuela: 6. Dezember 1998 - 11 Jahre später
Ein Kommentar von Hugo Chávez
von Hugo Chávez
09.12.2009 — ZNet
I
Die Veröffentlichung von 'Lines of Chávez No 50' * ist mitnichten unbedeutend, denn sie fällt mit dem zehnten Jahrestag des großen Sieges des Volkes zusammen (6. Dezember 1998). An diesem hellen, transzendentalen Datum zog der Wille der Mehrheit den definitiven Schlussstrich unter den Puntofijista (1). Durch dieses politische Modell war Venezuela vierzig Jahre lang ausgebeutet und mies verwaltet worden. Doch jetzt standen die Tore weit offen für eine historische Zeit. Die Zeit der Revolution wurde in eine Zeit des Regierens umgewandelt.
Die Revolution begann mit der Volksrevolution am 27. Februar 1989 und setzte sich mit den Militäraufständen am 4. Februar und 27. November 1992 fort. Diese lösten einen langen, komplexen Prozess aus, der zu einer Akkumulation der Kräfte und zu Organisationsarbeit führte, was schließlich, am 6. Dezember, jene Symbiose ermöglichte.
An dem denkwürdigen 6. Dezember traf unser Volk die unwiderrufliche Entscheidung, Akteure ihrer eigenen Geschichte zu sein und ihr Schicksal selbst zu gestalten. Dabei ging es nicht nur um zusätzliche Wahlkampagnen oder um einen Wechsel des Präsidenten. Die Menschen wollten eine neue Republik gestalten - und sie taten es auch. Sie wollten ein neues, ein wirklich freies und unabhängiges, souveränes Venezuela aufbauen.
Meine Mitbürger: Im Lichte dieses großen Jahrestages möchte ich euch erneut - mit einem sehr loyalen und reinen Gefühl der Liebe - sagen, wie grenzenlos meine Dankbarkeit und Bewunderung für euch ist. Ihr - ihr seid das große Volk des Simon Bolivar. Ich bin hier, um euch zu danken. Mein Leben gehört euch.
II
Banken für die Menschen!
Es ist wichtig, den tiefgreifenden Unterschied zwischen der Logik eines revolutionären Staates, wie wir ihn heute gestalten, der die Menschen in den Mittelpunkt stellt und (der Logik) des bourgeoisen Staates hervorzuheben.
Gemäß der Logik des bourgeoisen Staates gibt das Kapital und nimmt das Kapital. Alles, was zählt, ist die beständige Förderung des Kapitals, um jene ökonomischen Struktur zu fördern, die Missbrauchs-Privilegien einiger Weniger unterstützt. Und nicht nur das: Diese Wirtschaftsstrukturen sollen zudem das sich reproduzierende Modell einer Gesellschaft sein, die darauf basiert, die Mehrheit ungleich zu behandeln und zu isolieren. Erinnern wir uns an die Finanzkrise, die die USA erschütterte. Wir erlebten, wie die Macht des Staates den korrupten Banken zu Hilfe eilte und die Bankkunden vergaß.
Venezuela hat sieben Banken - ohne Wenn und Aber - unter seine Kontrolle gestellt. Unsere Vorstellung ist es, die Bankkunden zu schützen und deren Ersparnisse zu sichern. In diesem Falle waren es circa 713 200 Kunden, die ihre Ersparnisse diesen sieben Banken anvertraut hatten. Darüber hinaus beschlossen wir, zwei der Banken in unser öffentliches Finanzwesen zu integrierten, um die Unterstützung für Menschen der unteren Einkommensgruppen zu stärken und auf eine breitere Basis zu stellen.
Was für ein Unterschied! Dort (in den USA) schützt man die Banker, damit sie mit ihren durchtriebenen Tricks weitermachen können. Bei uns landen Banditen mit weißen Kragen im Gefängnis.
Es ist empörend, dass diese Verräter und Destabilisierer sich an die privaten Medien wenden, um - durch ihre Lügen - Chaos zu verbreiten. Es sind dieselben Leute, die nichts zu der Finanzkrise in den USA zu sagen hatten - zu dem Land, das sie so sehr verehren. Doch damit werden sie nicht durchkommen! Sie werden uns nicht besiegen!
Vergessen Sie nicht, dass "die ernsten Probleme, denen wir uns heute stellen müssen, Folgen dessen sind, was das System hervorgebracht hat - in diesem Fall das Finanzsystem des kapitalistischen Systems. Es hat im Laufe der Geschichte zahlreiche Krisen erzeugt." Diese aktuellen Worte stammen von unserem 'People's Power Minister für Wirtschaft und Finanzen', Ali Rodriguez Araque hat dies am 30. November gesagt.
Wir schaffen einen historischen Präzedensfall. Wenn wir zurückblicken, sehen wir eine (venezolanische) Regierung nach der andern, die die Bankeneigner privilegierte, indem sie deren Untaten belohnte. So war das auch während der letzten Regierung der 4. Republik. Nie scherte sie sich darum, dass viele tausend Companeros Opfer der Bankenkrise 1994 wurden. Im Gegenteil, während dieser furchtbaren Krise griff sie den Tätern finanziell unter die Arme. Nicht genug, dass sie das Geld ihrer Sparer genommen hatten, sie nahmen auch noch das Geld des Staates - also die Steuergelder aller Venezolaner - und flogen damit aus. Nicht einer der flüchtigen Bankiers wurde je für seine Verbrechen zur Rechenschaft gezogen.
José Martí hatte Recht: "Es ist wichtig, dass reichlich Geld vorhanden ist, aber noch wichtiger ist, dass es von ehrlichen Händen verwaltet wird". Wir werden nicht zulassen, uns durch Ehrlosigkeit verseuchen oder entmenschlichen zu lassen. Die Gerechtigkeit muss siegen - wenn wir das Bolivarische Projekt weiter vorantreiben wollen. Denn, wenn wir die kriminellen Bankiers damit durchkommen lassen, würde dies bedeutet, dass wir das Vertrauen des Volkes missbrauchen und die Seele unserer Nation schwer verwunden.
Es ist unsere Pflicht, die Dinge beim Namen zu nennen, alle komplizierten Euphemismen zu vermeiden und nicht zu rechtfertigen, was nicht zu rechtfertigen ist. Dies sollte die Grundlage unserer Debatte sein - angesichts von Angriffen durch die Medien, in denen es Tag für Tag heißt: Chávez "treibt die Banken in den Bankrott, um sie zu kontrollieren". Es genügt nicht, einfach zu sagen: "Wir haben zwei Banken geschlossen". Es ist wichtig, detailliert und mit Beweisen zu erläutern, aus welchen Gründen die Schließungen erfolgten und weshalb der Staat gezwungen war, diese Entscheidungen zu treffen; dann werden die Banker in der Öffentlichkeit als das entlarvt werden, was sie nun einmal sind: gemeine Diebe, Räuber mit weißen Hemdkragen, Taschendiebe und rückfällige Kleptomanen, die rücksichtslos eure Taschen leeren und alles nehmen, was euch gehört.
Stimmt, wir haben die Terrorkampagne der privaten Medien weitgehend besiegt. Doch es ist nötig, sie völlig zu pulverisieren, weil wir wissen, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der Bevölkerung noch immer unter ihrem wahnwitzigen Einfluss steht.
III
Evo, Bolivien!
Heute wird Bolivien sein Projekt der Tansformation (durch Wahlen) unter Führung von Genosse Morales konsolieren. Bolivien, unser Bruder. Bolivien, die Lieblingstochter von El Liberator.
Schon erklingen Siegesrufe von der schneebedeckten Sajana herab, von den stillen Wassern des Titicacasees und vom Hochplateau der Salzebenen in Uyuni.
"Was bedeutet Bolivien?" hat unser Befreier sich einst gefragt und zur Antwort gegeben: "Unendliche Freiheitsliebe". In diesen Tagen wird diese Liebe Wirklichkeit.
Bolivien geht seiner endgültigen Entkolonialisierung entgegen: Wir erkennen das heute, weil Bolivien wieder stolz ist auf die Erinnerung an seine Ureinwohner und weil es Kraft und Stärke daraus bezieht. Menschen, die immer vergessen und ausgeschlossen wurden, sind nun nicht mehr Opfer von Rassismus und Segregation. Heute sind sie es, die die Macht in Händen halten. Ihr Schicksal und ihre Würde gehören ihnen - wie es sich gehört.
Dies wurde möglich, weil einer von ihnen Präsident wurde, ein Mann, der täglich treu zu seinem heiligen Mandat steht: regieren durch gehorchen. Dieses Mandat trägt er stets in seinem Herzen und in seinem Geist.
Mit Evo Morales wurde die indigene Tradition mächtig. Das Modell - in Kommunen zu leben und zu produzieren - diese Stärke hat er umgesetzt. Evo ist ein indigener Häuptling, der nicht betrügen wird. Aber er lässt sich auch nicht betrügen, denn er verhält sich loyal gegenüber der Geschichte seiner Ahnen, und diese Geschichte ist heute lebendiger denn je.
Heute wird das bolivianische Volk auf die Straßen gehen, auf die Felder und in die Berge, um den Mann zu unterstützen, der alles für sie riskiert: Evo Morales, Evo Bolivia.
Heimat, Sozialismus oder Tod!
Wir werden unablässig triumphieren!
Anmerkungen
(1) Gemeint ist der 'Punto-Fijo-Pakt - ein Modell der Gewaltenteilung, das 1958 zwischen den Vertretern der drei wichtigsten venezolanischen Parteien geschlossen wurde: Acción Democrácia, COPEI und Unión Republicana Democrácia.
Anmerkung der Übersetzerin:
*'The Lines of Chávez No 50', erschienen auf ABN Info
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