Venezuela: Eine Großdemonstration für die Reformen
von Kiraz Janicke
26.11.2007 — venezuelaanalysis.com / ZNet
Caracas. In einer Großdemonstration - die die gewalttätigen Studentenproteste (von vor zwei Wochen) gegen Venezuelas Präsidenten zahlenmäßig weit in den Schatten stellte -, marschierten am Donnerstag über 50 000 Studierende pro Reformen. Der Marsch am 'Tag der Studenten' sollte zudem an den Studentenaufstand am 21. Oktober 1957 erinnern, dessen Höhepunkt der Sturz von Diktator Marcos Parez Jimanez (am 23. Januar 1958) gewesen war.
Um 10 Uhr versammelten sich die Studenten auf der Plaza Venezuela. Cesar Trompiz, Studentenführer an der Bolivarian University of Venezuela, erklärte als Ziel des Marsches: "Ja zu den Reformen, ja zur Revolution, und ja zu Präsident Chavez".
Der Marsch wand sich friedlich und festlich durch die Straßen von Caracas. Die Studenten tanzten und sangen "Ja, ja, ja zu den Reformen!" "Ja, ja, ja - es ist die Stunde der Menschen, die Stunde der Armen!" Sympathisanten schwenkten Poster und Flaggen aus Hochhausapartments. Die Arbeiter der Baustelle in La Candelaria legten ihre Werkzeuge nieder, jubelten und tanzten auf ihren Gerüsten Salsa, als die Studenten vorbeizogen. Als ein Sympathisant der Opposition ein 'Nein' aus dem Fenster eines Bürogebäudes hängte, lachten die Demonstranten und sangen: "Sie werden nicht wiederkehren!" Damit meinten sie die alten politischen Parteien, die vor Chavez Venezuela regiert hatten.
Dreitausend Studenten der Schule für Sozialwesen an der Zentralen Universität von Venezuela (UCV) beteiligten sich an dem Marsch. Am 7. November hatten dort oppositionelle Studenten 123 Pro-Chavez-Studenten mehrere Stunden lang belagert. Sie hatten gedroht, die Chavistas zu lynchen, warfen große Steine und Stühle, zerstörten Fensterscheiben und versuchten, das Gebäude in Brand zu stecken.
Auch Tausende Oberschüler beteiligten sich an dem Marsch für die Reformen. Eine der Reformen sieht die Senkung des Wahlalters auf 16 Jahre vor. Wie Trompiz erklärte, stammt dieser Vorschlag von der Studentenbewegung. Dies "ist ein weiterer Grund zum Feiern".
Schließlich erreichte der Demonstrationszug Miraflores. Es war 17 Uhr, als die Studenten den Platz vor dem Präsidentenpalast füllten. Sie wollten Präsident Chavez hören - der gerade von einer sechstägigen Reise aus Europa und dem Nahen/Mittleren Osten zurückgekehrt war.
Chavez bezog sich auf den Studentenaufstand von 1957, als er sagte: "In den 50gern erhoben sich die Studenten gegen den Präsidenten, aber heute sind sie in Miraflores mit dem Präsidenten, denn diese Regierung gehört euch allen, diese Macht gehört nicht Chavez sondern dem Volk, den Studenten...."
"Hier wird demonstriert, dass die venezolanischen Studenten aufseiten der Revolution sind... hier wird eine solide, revolutionäre Studentenbewegung geboren.. Dies ist essentiell - Ihr Studenten seid der Treibstoff für die Revolution", fügte er hinzu.
Einige Leute würden herumgehen und behaupten, er, Chavez, wolle durch die Reformen mehr Macht erlangen, "aber was ich (wirklich) will, ist, der Republik mehr Macht geben, ein neues Gleichgewicht der Macht - der Volksmacht - schaffen, die politischen Parteien und die Sozialbewegungen stärken".
Die Reformen seien Zukunftsreformen und nötig, um den Übergang zum Sozialismus zu festigen, so Chavez. "Eines Tages werde ich den Präsidentenpalast verlassen". Diese Äußerung führte zu Protestrufen. Chavez versicherte, er sei zuversichtlich, dass es viele kompetente Leute gäbe, die (eines Tages) sein Amt übernehmen könnten.
Ein populärer antiimperialistischer Demo-Slogan von Studenten überall in Lateinamerika lautet: "Wer nicht springt, ist ein Yankee". Chavez spielte darauf an, als er zum Schluss seiner Rede sagte: "Wer nicht springt, ist ein Escualido (Schmutzfink)". (Diesen Ausdruck prägte Chavez für die Opposition, die er als "philosophisch und moralisch beschmutzt" bezeichnet.) Die Urdaneta Avenue war inzwischen voller hüpfender Studenten.
Die neue Reform will das Recht auf kostenlosen Universitätsbesuch in der Verfassung verankern. Sie sieht auch eine Änderung von Artikel 109 vor: Studierende und nichtakademische Universitätsmitarbeiter sollen bei Wahlen zu Universitätsämtern die gleiche Stimme erhalten wie die Mitarbeiter des akademischen Teams. Hector Sosa, Student an der Bolivarian University of Venezuela, kommentiert gegenüber venezuelaanalysis.com: Davon "haben Generationen von Studierenden geträumt".
Sosa fügt hinzu, die Reformen seien notwendig, um die Macht des Volkes - durch die Schaffung von Arbeiter-, Studenten-, Kommunal- und Campesino-Räten - zu stärken.
Adriana Castillo studiert an der National Experimental University of the Armed Forces. Für sie ist dieser Marsch die Wiedergeburt der venezolanischen Studentenbewegung. Gegenüber venezuelaanalysis.com erklärt sie, historisch gesehen sei die venezolanische Studentenbewegung links und äußerst radikal. Im Verlauf der 90ger habe jedoch ein Rechtsruck stattgefunden, denn der Zugang zu den Universitäten sei beschränkt worden, sie seien elitärer geworden.
Emilio Negran, Präsident der Bolivarischen Union of Students, sagte, mehr als 90% der Studierenden unterstützten die Verfassungsreform – so sähe die Realität aus. Die Opposition weigere sich, die 700 000 Studierenden des Bildungswerkes (education missions) und der seit 2003 neugeschaffenen Bolivarischen Gemeinde-Universitäten anzuerkennen. Auf der Plaza Brian, im Mittelklasseviertel Chacao, kam es derweil zu einer Demonstration oppositioneller Studenten. Diese Demo war wesentlich kleiner (als die vor dem Präsidentenpalast).
Auf der Plaza Brian sprach der frisch gewählte neue Präsident der Studentenvereinigung der UCV, Ricardo Sanchez. Er argumentierte, die Reformen, durch die Chavez die Möglichkeit hätte, sich erneut zur Wahl zu stellen, würden zu einer "Diktatur im Stile Kubas" führen. Er rief die Studierenden dazu auf, am Montag auf Miraflores zu marschieren.
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