Venezuelas Kommunen - Hoffnung, Solidarität und Partizipation
Kiraz Janicke im Gespräch mit Daniel Sanchez, von 'Rebirth of the South Commune'
von Kiraz Janicke
31.08.2009 — Green Left Weekly / ZNet
Simon Bolivar war ein lateinamerikanischer Unabhängigkeitsheld des 18. Jahrhunderts. Seine Ideen inspirierten den venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez zur 'Bolivarischen Revolution', die die Welt in den letzten zehn Jahren aufgerüttelt hat. Es geht um den Kampf um Unabhängigkeit vom US-Imerialismus und für eine Alternative zum neoliberalen Raubtierkapitalismus.
2005 erklärte Chavez, der Aufbau des Sozialismus des 21. Jahrhunderts sei Ziel der Revolution. Es handle sich um eine neue Form des Sozialismus, so Chavez, um einen "menschlichen Sozialismus“, mit Schwerpunkt auf demokratischer Partizipation.
Direkte Demokratie und Basispartizipation erblühen in Venezuela - zweifellos. Sie finden ihren Ausdruck in einer Reihe von Organisationsformen - wie den Gesundheitskomitees, den urbanen Gebietskomitees, den Graswurzel-Versammlungen, den Arbeiterräten und Gemeinderäten. Doch viele dieser sich entwickelnden Organisationen sind lokal begrenzt bzw. nicht miteinander verbunden. Häufig geraten sie in Konflikt mit den traditionellen Strukturen des kapitalistischen Staates.
Mit der Entwicklung einer neuen Initiative ("sozialistische Kommunen"), wird nun versucht, die Beteiligung des Volkes weiter auszuweiten und zu vernetzen - im Kampf für ein neues, politisches und ökonomisches System.
Kiraz Janicke ist Mitglied des australisch-venezolanischen Solidaritätsnetzwerkes (Australia-Venezuela Solidarity Network). Er lebt derzeit in Venezuela. In Valencia traf er sich zum Gespräch mit Daniel Sanchez, einem führenden Mitglied der Initiative 'Rebirth of the South Commune'. (Wiedergeburt der Kommune des Südens). Es ging um die Frage, in welcher Weise die Entwicklung der "Macht des Volkes" Venezuela verwandelt.
Die Idee der Kommunen
Die Idee, in Venezuela Kommunen einzuführen, sei auf einen Vorschlag von Präsident Chavez zurückzuführen, so Daniel Sanchez. "Wir wissen, die Idee ist nicht neu; Kommunen gab es schon in der Vergangenheit, und es gibt sie heute in verschiedenen Ländern". Er verweist auf das Beispiel der 'Pariser Kommune' von 1871 und auf Organisationsformen von indigenen Gemeinden in Lateinamerika.
"Aber in Venezuela kopieren wir nicht einfach andere Modelle. Wir entwerfen unser Modell selbst, wir, das Volk, tun es selbst, die Graswurzelorganisationen tun es selbst, (es geschieht) in besonderen geografischen Gebieten, wo Erfahrungen mit Kommunen entwickelt werden".
Eine der wichtigsten Schwerpunkte der Bolivarischen Revolution ist experimentieren. Simon Bolivars Lehrer, Simon Rodriguez, hat es wohl am besten zusammengefasst: "Entweder wir erfinden (etwas), oder wir haben uns eben geirrt". Dieser Satz wird häufig zitiert. Es existiere keine Vorlage für den Aufbau der neuen Kommunen, so Sanchez. "Bis jetzt experimentieren wir noch".
"Wir sind Teil eines nationalen Netzwerkes von Kommunen, die wir in den vergangenen beiden Jahren aufgebaut haben - in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Partizipation und Sozialentwicklung. Nun gibt es ein neues Ministerium - das Ministerium für Kommunen. Mit beiden Ministerien gemeinsam entwickeln wir ein Netzwerk aus landesweit 17 Kommunen".
Auf die Frage, welche Beziehungen zwischen den Kommunen und den traditionellen staatlichen Strukturen bestünden, antwortet Sanchez: "Es besteht eine direkte Beziehung zur (nationalen) Exekutive. Allerdings arbeiten wir auf Graswurzelebene daran, dass diese Beziehung nicht durch Kontrolle und Befehle bestimmt wird und dass wir in einer harmonischen Beziehung zusammenarbeiten".
Ein Schlüsselaspekt des Verhältnisses zwischen kommunalen Organisationen und Volksorganisationen einerseits und der Regierung andererseits, so Sanchez, sei die Vereinfachung von Lösungswegen, wenn es um Themen auf Gemeindeebene gehe (wie Wohnraum, Transport, Kriminalität, Armut und andere soziale Probleme).
Kommunen in städtischen Zonen sähen sich anderen Herausforderungen gegenüber als Landkommunen, so Sanchez. "Die meisten Erfahrungen (mit Kommunen) sammeln wir auf dem Land. Ich arbeite in einer urbanen Zone, in Valencia, im Bundesstaat Carabobo. Valencia ist eine der wichtigsten Städte des Landes, (ich arbeite) in einem der ärmsten Bezirke des Landes, im Distrikt Miguel Pena".
Eine der wichtigsten Herausforderungen bei der Diskussion um den Aufbau von Kommunen sei es, "zu gewährleisten, dass die Menschen miteinbezogen werden - die Basisorganisationen, die kulturellen Organisationen, die revolutionären Organisationen und Parteien", so Sanchez.
Es gäbe keine exakten Zahlen, aus wie vielen Gemeinderäten oder Organisationen sich eine Kommune zusammensetzen sollte, so Sanchez. Wichtiger sei, so Sanchez, ständig im Gespräch zu bleiben, "welches die besten Mechanismen zur Einbeziehung aller unterschiedlichen Organisationen einer geografischen Region sind und welches die besten Strukturen, sodass die Leute sich selbst in einer Kommune organisieren können. Die Struktur einer Kommune ist grundsätzlich eine sozio-politische Frage und hängt natürlich mit dem "Empowern" der sozialen Basis zusammen".
Ein weiterer wichtiger Aspekt zum Thema 'Kommunen', so Sanchez, sei "eine ausgeglichene Verteilung der Ressourcen - als Zielsetzung. Das Eigentum an den Produktionsmitteln muss in den Händen der Kommunen liegen - wie es Präsident Chavez erläutert hat".
Sanchez erklärt: "Wir wollen der Welt zeigen, was dieser Sozialismus, von dem wir sprechen, wirklich bedeutet. Wir setzen ihn in die Praxis um und entwickeln unsere eigenen Formen der Gemeindeverwaltung; wir treiben unser eigenes Projekt voran, damit alle an der Umgestaltung der Wirklichkeit teilhaben können".
Doch um Sozialismus zu erreichen, so Sanchez, sei es nicht nur notwendig, die materielle Wirklichkeit der Menschen zu verändern, sondern auch das menschliche Bewusstsein.
"Wir wollen Venezuela nicht nur in materieller Hinsicht verändern; wir glauben nicht, dass sich die Kommunen ausschließlich darauf konzentrieren sollten, die materiellen Probleme der Gemeinden zu lösen - wie Wohnraum, Schulen, Transport, Arbeit usw. All das ist sehr wichtig, aber es ist auch wichtig, die Menschen zu verändern und das Potential der Menschen zu entwickeln".
Aus diesem Grunde "müssen wir einen Typ von Strukturen schaffen, der logischerweise mit dem Typ von Sozialismus, den wir aufbauen wollen, korrespondiert; Es ist ein humanistischer Sozialismus. Wir schaffen Strukturen, die auf sozialer und menschlicher Vernunft basieren und Solidarität und Partizipation fördern".
Sanchez ist sich sicher, dass "die größte Herausforderung, der wir uns beim Aufbau einer neuen Gesellschaft gegenübersehen, mit dem Entstehen des neuen Menschen zu tun hat. Konsumorientiertheit, Individualismus, Egoismus - alle '-ismus' des Kapitalismus - müssen wir hinter uns lassen".
Auf die Frage, was Venezuela und die Bolivarische Revolution für die Welt heute bedeuten, antwortet Daniel Sanchez mit einem einzigen Wort: "Hoffnung".
"Es ist die Hoffnung, dass eine bessere Welt möglich ist", fügt er hinzu.
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