Westbank-Proteste: Amerikanische Studentin verliert Auge durch israelisches Geschoss
von Amy Goodman
03.06.2010 — Democracy Now!
Die amerikanische College-Studentin Emily Henochowicz, 21, hat ihr linkes Auge verloren. Während der Proteste in der besetzten Westbank gegen den Angriff auf die Gaza-Flotte war sie von einem israelischen Tränengasprojektil getroffen worden. Emily Henochowicz ist eine talentierte visuelle Künstlerin. Ihr jüngsten Werk ist von der Erfahrung geprägt, die sie in Israel und in den besetzten Gebieten gemacht hat. Emily erlitt zudem erhebliche Gesichtsverletzungen (mehrere Knochenbrüche im Bereich der Augenhöhlen, der Wangen und des Kiefers). Wir sind nun mit dem israelischen Friedensaktivisten Jonathan Pollack verbunden, der Zeuge des Angriffs wurde.
Das Interview führen Juan Gonzalez und Amy Goodman
Unser Gast:
Jonathan Pollack - israelischer Friedensaktivist
Amy Goodman:
Wir wenden uns nun vom Meer ab und schalten ins Westjordanland - Juan?
Juan Gonzalez:
Nun, eine amerikanische College-Studentin hat ihr linkes Auge verloren, nachdem ein israelisches Tränengasprojektil ihre linke Gesichtshälfte traf. Dies geschah während der Proteste im besetzten Westjordanland (gegen den Angriff auf die Gaza-Flotte). Die 21jährige Studentin Emily Henochowicz liegt in einem Krankenhaus in Jerusalem, wo sie sich von zwei chirurgischen Eingriffen erholt.
Amy Goodman:
Sie ist eine talentierte visuelle Künstlerin. Sie studiert am Cooper-Union-College, hier, in New York. Man kann ihre aktuellen Werke unter thirstypixels.blogspot.com einsehen. Diese sind inspiriert durch Emilys Erfahrungen in Israel und in den besetzten Gebieten, wo sie seit über einem Monat als Aktivistin gearbeitet hat. Emily hat nicht nur ein Auge verloren. Sie hat auch ziemlich schwere Gesichtsverletzungen - unter anderem Knochenbrüche an den Augenhöhlen, an den Wangen- und Kieferknochen.
Jonathan Pollack ist ein israelischer Friedensaktivist. Er war bei jener Demo, auf der Emily von einem israelischen Tränengasprojektil ins Gesicht getroffen wurde. Er ist uns nun per Skype aus Jaffa zugeschaltet.
Jonathan, willkommen bei Democracy Now!. Berichten Sie uns, was genau geschah und an welchem Tag es passierte.
Jonathan Pollack: Hi.
Es geschah am selben Tag, an dem die Flotte angegriffen wurde, am nächsten Morgen. Im Schock - als die Leute realisierten, was passiert war -, kam es zu einer spontanen Demonstration in der Nähe des Qalandia-Checkpoints, südlich von Ramallah. Auf dem Höhepunkt dieser Aktion waren rund hundert Menschen anwesend. Doch als Emily getroffen wurde, waren nicht mehr als 20 Leute da. Es kam zu Zusammenstößen, aber die Lage war definitiv nicht außer Kontrolle. Circa 5 jugendliche Steinewerfer befanden sich dort. Auf der anderen Seite standen mehr als 20 Grenzpolizisten, die - aus sehr kurzer Distanz - Tränengasprojektile auf sie abfeuerten. Die Distanz betrug zwischen 10 und 15 Meter. Auf so kurze Distanz braucht man eigentlich keine Geschosse; man kann Tränengasgranaten mit der Hand werfen. Die Granaten verströmen lediglich Gas. Sie führen nicht zu Verletzungen.
Ab einem gewissen Punkt fingen sie (die Israelis) an, die Tränengasprojektile direkt gegen die Demonstranten zu feuern - in alle Richtungen. Wir fingen an zurückzuweichen. Emily stand circa 10 Meter von der Stelle entfernt, wo die Zusammenstöße stattfanden. In so einer Situation sind Projektile sehr zielgenau. Der Grenzpolizist, der auf sie schoss, hat daher bewusst auf sie gezielt. Sie hielt eine Fahne, und es war klar, dass sie für niemanden eine Gefahr darstellte - weder zu dem Zeitpunkt, als sie angeschossen wurde, noch sonst irgendwann. Das Projektil traf sie mitten ins Gesicht und verursachte die äußerst schweren Verletzungen, die ihr vorhin beschrieben habt.
Juan Gonzalez:
Jonathan - dies ist offensichtlich in der Westbank passiert. Dabei weist Israel doch kontinuierlich darauf hin, dass hier ein Prozess stattfände - ein so genannter Prozess. Hier sei Israel zu friedvolleren Beziehungen mit den Palästinensern in der Lage. Wie waren die - generellen - Reaktionen in der Westbank, angesichts der Ereignisse der letzten Tage?
Jonathan Pollack:
Zunächst einmal ist es eine falsch zu glauben, Israel mache Fortschritte - Israel gehe friedlicher mit den Palästinensern um. Stimmt, in der Westbank ist es relativ ruhig geworden - im Vergleich zu dem, was wir während der Intifada erlebt haben. Allerdings liegt das nicht daran, dass Israel etwa Fortschritte gemacht hat und besser mit Protesten umgehen könnte. Im Grunde ist Israel... Was Emily passiert ist, ist Teil einer Politik der Gewalt durch Israel. Sie duldet keinen Protest, keinen Widerstand, nicht einmal in der allerzivilisiertesten Form. Israel handelt so, weil es die Macht hat, den Volkswiderstand der Palästinenser zu zerquetschen - ob es sich nun um kleine, spontane Demonstrationen in Qalandia handelt oder um die wöchentlichen Demonstrationen in Bil'in, in Na'alin, in Nabi Saleh, in Al-Ma'sara und den anderen Dörfern, die gegen die Mauer und gegen die Konfiszierung ihres Landes protestieren.
Amy Goodman:
Jonathan, wir haben gerade erfahren, dass der US-Staatsbürger, der getötet wurde, als die israelischen Kommandos das Feuer (auf der Mavi Marmara) eröffneten, 19 Jahre alt war. Ich sehe gerade die aktuellen Nachrichten. Sein Name war Furkan Dogan. Ein Offizieller der türkisch-islamischen Wohlfahrtsorganisation, die an maßgeblicher Stelle an der Kampagne gegen die (Gaza-)Blockade beteiligt war, nannte diesen Namen und sagte, Furkan Dogan stamme ursprünglich aus der Türkei, besitze aber einen amerikanischen Pass. Er sei von 4 Kugeln in den Kopf und von einer in die Brust getroffen worden. Das ist eine aktuelle Nachricht der Nachrichtenagentur Anatolia. Jonathan, Sie sind ein israelischer Friedensaktivist. Wie reagiert man in Israel auf den Angriff?
Nun, in Israel läuft es so ziemlich ab wie bei jedem Thema. Es gibt einen Flüsterparolen-Konsens: Israel sei im Recht gewesen und habe getan, was getan werden musste. Das Einzige, worüber sich die Leute beklagen, was sie infrage stellen, ist die internationale Reaktion. Die Medien sagen klipp und klar, die Gewalt sei gerechtfertigt gewesen, die Soldaten hätten im Grunde in Notwehr gehandelt und seien angegriffen worden. Es wird viel über den Protest geredet - von der "Gewalt" der Menschen an Bord des Schiffes. Ständig heißt es, die Soldaten seien mit Gewalt konfrontiert gewesen. Ich frage - welche Gewalt, wirklich? Es ist doch mehr als offensichtlich, dass sie (die Menschen an Bord) in Notwehr gehandelt haben. Das Schiff befand sich in internationalen Gewässern. Es war ein Akt der Piraterie. Die Kommandos - maskierte Kommandos - seilten sich mitten in der Nacht, bewaffnet, auf die Schiffe ab. Die Menschen haben sich verteidigt. Sie hatten ein Recht dazu. Das internationale Recht ist auf ihrer Seite. Davon abgesehen: Wenn jemand 4 Schüsse in den Kopf erhält und einen in die Brust, dann kann man nicht von Notwehr reden. Das ist eine Exekution.
Amy Goodman:
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