Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Artikel Wikigate
Artikelaktionen

Wikigate

von Eric Margolis

02.08.2010 — ericmargolis.com

Die Veröffentlichung von 92.000 Militärberichten aus Afghanistan im Internet durch WikiLeaks versetzte das offizielle Washington in Aufruhr. Diese Geschichte dominiert das Stadtgespräch und hat den Tratsch über die ständig schwächer werdende Präsidentschaft Obamas in den Hintergrund gedrängt.

Die Berichte enthüllen die hässliche Schattenseite eines Krieges, der der Öffentlichkeit als edle Mission zur Befreiung unterdrückter Frauen und Säuberung eines Terroristennests verkauft worden ist. Sie haben Washington und seine NATO-Alliierten blamiert und vor den Kopf gestoßen. Vergleiche mit den berühmten Pentagon-Papieren in der Zeit des Vietnamkriegs, die die öffentliche Unterstützung für diesen ekelhaften Konflikt unterminiert haben, liegen nahe.

Die Administration Obama und das Pentagon behaupten, dass die Veröffentlichung dieser alten Berichte von 2004 – 2009 „unsere Jungs in Gefahr bringt.“ Unsinn. Das einzige, was die Wahrheit in Gefahr bringt, sind die Politiker, die auf den Afghanistankrieg gesetzt haben und einige gekaufte afghanische Informanten, die mit größter Wahrscheinlichkeit den Taliban und deren Verbündeten gut bekannt sind.

Die von WikiLeaks enthüllten Fakten sind in der Tat schockierend: Tötungen von Zivilpersonen durch Kräfte der Vereinigten Staaten von Amerika und NATO in großem Ausmaß; Folterung von Gefangenen, die der kommunistisch dominierten afghanischen Geheimpolizei übergeben wurden; amerikanische Todesschwadrone; endemische Korruption und Diebstahl; Doppelzüngigkeit und Demoralisierung der westlichen Okkupationskräfte, die auf den immer härteren Widerstand der Taliban stoßen. Die Leser dieser Kolumne werden vieles davon kennen. Ich habe über die Unwahrheiten und Propaganda über den Afghanistankrieg seit 2001 berichtet, und als alter Afghanistankenner die Vereinigten Staaten von Amerika gewarnt, sich aus Afghanistan herauszuhalten. WikiLeaks hat der Welt einen Dienst erwiesen, indem es bestätigte, was die Kritiker des Afghanistankriegs schon lange gesagt haben.

Der interessanteste Teil von WikiGate dreht sich um Pakistans angeblich „doppelzüngiges“ Verhalten, einerseits auf der Seite des von den Vereinigten Staaten von Amerika angeführten Krieges, andererseits mit geheimen Verbindungen zu den Taliban und deren Verbündeten. Die Regierung und die Medien der Vereinigten Staaten von Amerika haben Pakistan wütend beschimpft, während sie die Grausamkeiten – und „Kriegsverbrechen“, wie WikiLeaks behauptet – herunterspielten, die die Kräfte des Westens begangen haben. Die Wahrheit tut weh. 

Hier die Erklärung, wie es zu Pakistans „Doppelzüngigkeit” kam. Nach dem 9/11 drohten die Vereinigten Staaten von Amerika, „Pakistan in die Steinzeit zurückzubomben,“ wenn es sich nicht gegen die Taliban wandte, eine religiöse, antikommunistische Bewegung, und das Land Pakistan für die Streitkräfte und Geheimdienstoperationen der Vereinigten Staaten von Amerika öffnete. Das sagte mir ein ehemaliger Leiter des ISI, des pakistanischen Geheimdienstes, mit dessen Direktoren ich mich seit 1985 getroffen habe. 

Der ehemalige pakistanische Präsident Pervez Musharraf sagt, dass seine Nation gezwungen wurde, den Drohungen Washingtons mit einem totalen Krieg gegen Pakisten nachzugeben, wenn sie nicht alle Forderungen der Vereinigten Staaten von Amerika erfüllte, was dazu führte, dass Pakistan zu einem semi-okkupierten Land wurde.

Musharraf wurde genötigt, die Taliban aufzugeben, die als Pakistans Hilfsarmee in Afghanistan dienten, wo sie die noch immer aktive Allianz zwischen der afghanischen kommunistischen Partei und der tadschikischen Nordallianz bekämpften. Islamabad hatte sich auch der Taliban bedient, um den wachsenden Anstrengungen Indiens entgegenzutreten, seinen Einfluss in Afghanistan auszuweiten. 

Pakistan wurde also von den Vereinigten Staaten von Amerika gezwungen, gegen seine eigenen vitalen strategischen Interessen zu handeln. Das südliche Afghanistan war lange Einflusssphäre Pakistans und wurde als strategisches Hinterland für den Fall eines größeren Krieges mit Indien betrachtet.

Diese Kolumne enthüllte, dass 2007 Pakistan und Indien zum Schluss kamen, dass die Vereinigten Staaten von Amerika und ihre gezwungenen Alliierten besiegt und aus Afghanistan vertrieben würden. Die beiden alten Feinde begannen, einen Stellvertreterkrieg um die strategische Kontrolle über Afghanistan in Gang zu setzen.

Pakistan schlug eine zweigleisige Politik ein: es akzeptierte die Semi-Okkupation durch die Vereinigten Staaten von Amerika und $ 1 Milliarde im Jahr aus Washington und legte Lippenbekenntnisse zu dem von diesen geführten Krieg ab, während es weiterhin die Verbindungen zu den Taliban und Stammeskämpfern offen hielt.

Die Taliban waren eine paschtunische Stammesbewegung. Fünfzehn Prozent der Pakistanis und ein großer Teil des Militärs gehören zur Volksgruppe der Paschtunen. 

Das war allgemein bekannt und jeder wusste es. Niemand sollte daher überrascht sein -  und schon gar nicht Washington.

Die Administration Obama und die Medien der Vereinigten Staaten von Amerika wälzen die Schuld am wachsenden Fiasko in Afghanistan auf General Hamid Gul, den ehemaligen Direktor des Geheimdienstes ISI. Gul führte den antisowjetischen Kampf in Afghanistan in den 1980er Jahren und war einer der beeindruckendsten Verbündeten Amerikas. Ich kannte Gul gut. Er war nicht antiamerikanisch eingestellt, obwohl einige seiner Theorien die Gutgläubigkeit strapazieren. Zum Beispiel behauptet Gul, die 9/11-Attacken gegen New York und Washington wären ein Komplott zwischen Israels Mossad und verbrecherischen Elementen der Luftwaffe der Vereinigten Staaten von Amerika gewesen. Gul ist ein glühender pakistanischer Patriot in einer Zeit, in der viele pakistanische Politiker und Generale von Washington gekauft wurden wie Reissäcke. Viele der falschen Anschuldigungen gegen Gul kamen von der kommunistisch geführten afghanischen Geheimpolizei, die seit über zwei Jahrzehnten versucht, Gul zu verleumden oder gar umzubringen. 

Was Washington wirklich will, ist ein ganz und gar gehorsames, unterwürfiges Pakistan, nicht einen richtigen Verbündeten. Der Versuch, Pakistan zu einem Satellitenstaat zu machen, wird dazu führen, dass diese enorm wichtige mit Atomwaffen ausgestattete Nation mit einer Bevölkerung von 170 Millionen Menschen eines Tages mit einem Hass gegen Amerika explodieren wird, wie es 1979 im Iran der Fall war. Der von den Vereinigten Staaten von Amerika geführte Krieg gegen Afghanistan bringt die beiden Länder auf einen Kollisionskurs. Über 90% der Pakistanis sagen bereits, dass der Hauptfeind ihres Landes die Vereinigten Staaten von Amerika sind, gefolgt von Indien.

Hier in Washington ignorierte der Kongress der Vereinigten Staaten von Amerika den WikiLeaks-Skandal einfach und stimmte für noch mehr Milliarden, um den Afghanistankrieg in Gang zu halten. Die Politiker wagen nicht, sich diesem bereits neun Jahre dauernden Krieg zu widersetzen, damit sie nicht als antipatriotisch hingestellt werden – der Todeskuss in einem hyperpatriotischen Amerika, wo Fahnenschwinger Stimmung für Kriege in anderen Ländern machen, zumindest so lange ihre Kinder dort nicht dienen und sie keine Steuern zahlen müssen, um diese zu finanzieren.

Übersetzt von: Antikrieg.com
Artikelaktionen
1
GLange sagt
12.08.2010 19:44

Der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Jürgen
Todenhöfer hat Afghanistan besucht und einen
aufschlussreichen Artikel verfasst.

So schreibt er über die verschiedenen
Talibangruppen:

"Der Westen nenne alle afghanischen Widerstandskämpfer Taliban, aber es gebe
völlig unterschiedliche Arten von Taliban:

Die wahren Taliban

Mullah Omar habe erst kürzlich nochmals
ausdrücklich verboten, Zivilisten anzugreifen:
Sie seien Mudschaheddin, Freiheitskämpfer und
keine Terroristen. Die afghanischen Taliban
würden in erster Linie von der einfachen Bevölkerung unterstützt.

Die zweite Gruppe bildeten die aus den
Stammesgebieten an der Grenze zu Pakistan
kommenden waziristanischen Taliban. Sie
seien sehr stark. Als Nichtafghanen hielten
sie sich nie länger an einem Ort auf. Soweit
sie gegen die Amerikaner kämpften, würden
sie vom pakistanischen Geheimdienst ISI
geduldet und teilweise auch gefördert.

Amerikanische Taliban

Die dritte Gruppe seien die „von den USA
finanzierten amerikanischen Taliban“.
Die Amerikaner hätten systematisch junge
arbeitslose Afghanen gekauft. Sie mischten
sich unter die afghanischen und die waziristanischen Taliban sowie unter die
einfachen Leute. Sie hätten den Auftrag,
sich als Taliban auszugeben, diese auszuspähen
und mit mörderischen Anschlägen gegen
Zivilisten den USA den Vorwand zu liefern,
in Afghanistan zu bleiben.

Die Amerikaner verfolgten in Afghanistan in
erster Linie egoistische, geostrategische
Interessen. Kein Afghane glaube, dass sie
Hunderte von Milliarden Dollar ausgäben,
nur um Afghanistan Demokratie und Freiheit
zu schenken. Die „gekauften amerikanischen
Taliban" seien schwer zu identifizieren.
Man erkenne sie höchstens daran, dass sie
mehr Geld sowie bessere Waffen und Fahrzeuge
besäßen. Außerdem würden sie nach Festnahmen
meist sehr schnell freigelassen

http://www.ksta.de/html/artikel/1246883912519.shtml