Wird der Kapitalismus den Klimawandel überleben?
von Walden Bello
08.04.2008 — TNI / ZNet
Die globale Erwärmung bedeutet Privatisierung globaler Güter der Allgemeinheit durch das Kapital; heute gehört auch die Enteignung ökologischer Räume des (globalen) Südens zu dieser Enteignung. Eine progressive Klimastrategie muss Wachstum und Energieverbrauch bremsen und gleichzeitig die Lebensqualität der breiten Massen verbessern.
In der wissenschaftlichen Gemeinde herrscht heute ein solider Konsens: Sollte die Temperatur im 21. Jahrhundert - durch den globalen Klimawandel - durchschnittlich um mehr als 2,4 Grad Celsius steigen, wird der Wandel des Weltklimas irreversibel, verheerend und umfassend sein.
Das Zeitfenster für Aktionen, die daran noch etwas Grundlegendes zu ändern vermögen, ist schmal. Es geht um die nächsten 10 bis 15 Jahre.
Überall im Norden widersetzt man sich dennoch sehr heftig einem Systemwechsel bei Konsum und Produktion. Diese beiden Faktoren haben das Problem in erster Linie geschaffen. Im Norden werden "technologische Lösungen", wie "saubere" Kohle, Kohlendioxidreduzierung und -lagerung, der industrielle Anbau von Biotreibstoffen und die Kernenergie, favorisiert.
Auf globaler Ebene widersetzen sich Konzerne und private Akteure den Maßnahmen (wie verpflichtenden Obergrenzen) der Regierungen. Sie regeln es lieber über die Marktmechanismen (Kauf und Verkauf von Emissionsrechten ('carbon credits'). Kritiker halten Letzteres für eine simple Lizenz für Konzern-Umweltverschmutzer, so weiterzumachen wie bisher.
Im globalen Süden zeigen die Eliten wenig Bereitschaft, sich von dem Modell hoher Wachstums- und Konsumraten zu verabschieden, das sie vom Norden übernommen haben. Aus Eigennutz vertreten sie die Überzeugung, zunächst müsse der Norden sich anpassen und die Hauptlast der (Umwelt-)Anpassungen schultern, bevor auch der Süden irgendwelche ernsthaften Schritte zur Begrenzung seiner Treibhausgasemissionen einleitet.
Konturen der Herausforderung
In der Debatte um den Klimawandel halten es alle Gruppen mit dem Grundsatz: "Die Verantwortung besteht allgemein, ist aber differenziert zu sehen". Das heißt, der Norden solle die Hauptlast der Anpassungen gegen die Klimakrise schultern. Schließlich habe der Norden - mit seiner ökonomischen Stoßrichtung - die Krise ausgelöst.
Es wird zudem generell akzeptiert, dass die globale Antwort (auf die Krise) das Recht der Länder des globalen Südens auf Entwicklung nicht beeinträchtigen dürfe.
Der Teufel steckt im Detail. Martin Khor vom Third World Network weist auf Folgendes hin: Will man das Niveau der Treibhausgasemissionen des Jahres 1990 bis zum Jahr 2050 um 80% reduzieren - was viele für notwendig halten -, müsste der globale Norden mindestens 150 bis 200% einsparen, um dem Prinzip "allgemeine, aber differenzierte Verantwortung" und dem Prinzip des Rechts auf Entwicklung für die Länder des Südens gerecht zu werden.
Sind die Regierungen und Menschen des Nordens bereit, derartige Verpflichtungen einzugehen?
Psychologisch und politisch gesehen ist zu bezweifeln, dass der Norden derzeit in der Lage ist, das Problem direkt anzugehen.
Überwiegend wird die Einschätzung geteilt, Überflussgesellschaften könnten ihre Verpflichtung erfüllen, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren und dennoch weiterwachsen und den hohen Lebensstandard erhalten, falls sie von fossilen Energiequellen auf nichtfossile umstellen.
Noch eines: Die Verpflichtungen zu Obergrenzen, die multilateral von den Regierungen vereinbart und in ihren jeweiligen Ländern umgesetzt werden, müssen Markt orientiert sein - das heißt, durch den Handel mit Emissionsrechten erfolgen.
Im Kleingedruckten steht: Der Carbon-Markt und technologische Lösungen werden den Übergang relativ schmerzlos und sogar profitabel (warum nicht?) gestalten.
Zunehmend wird allerdings erkannt, dass viele dieser Technologien noch Jahrzehnte von einer echten Nutzbarkeit entfernt sind. Der Wechsel von fossilen zu alternativen Treibstoffen (in der Energieabhängigkeit) wird dazu führen, dass die aktuellen ökonomischen Wachstumsraten nicht aufrechtzuerhalten sind.
Zudem wird immer deutlicher, dass der schwunghafte Handel mit Agrarflächen - für die Biotreibstoffproduktion - weniger Anbauflächen für Nahrungsmittel und damit größere Nahrungsunsicherheit weltweit bedeutet.
Schnell wird klar, dass das vorherrschende Paradigma 'Wirtschaftswachstum' eines der wichtigsten Hindernis für eine ernsthafte Anstrengung gegen den Klimawandel ist.
Das destabilisierende, fundamentalistische Wachstum-Konsum-Paradigma ist allerdings eher Folge denn Ursache.
Es wird immer deutlicher, worin das zentrale Problem besteht: Es ist die Art und Weise einer Produktion, deren Hauptdynamik darin besteht, lebende Natur in tote Güter umzuwandeln und dabei große Mengen Unrat zu erzeugen.
Der Konsum ist der Motor dieses Prozesses - besser gesagt, ein Zuviel an Konsum. Motive sind Profit und Kapitalakkumulation, kurz gesagt, der Kapitalismus.
Im Norden ist dies die generelle Art der Produktion. In den vergangenen 300 Jahren hat sich dies vom Norden in den Süden ausgebreitet. Diese Produktion führte zu einer beschleunigten Vernichtung fossiler Treibstoffe - wie Öl und Kohle - sowie zu einer schnellen Abholzung der Wälder. Verbrennung und Abholzung sind zwei der wesentlichen menschgemachten Prozesse hinter dem Klimawandel.
Das Dilemma des Südens
Man könnte die globale Erwärmung als Schlüsselmanifestation des jüngsten Stadiums in einer kaputten historischen Entwicklung betrachten: Das Kapital privatisiert die gemeinsamen globalen Güter. Die Klimakrise ist als Enteignung der ökologischen Räume der weniger entwickelten, an den Rand gedrängten Gesellschaften durch die weiterentwickelten kapitalistischen Gesellschaften zu verstehen.
Dies stellt uns das Dilemma des Südens vor Augen: Bevor das volle Ausmaß der ökologischen Destabilisierung durch den Kapitalismus deutlich wurde, wurde davon ausgegangen, der Süden werde einfach nur die "Wachstumsstufen" des Nordens nachvollziehen.
Heute ist dies nicht möglich, ohne den ökologischen Armageddon heraufzubeschwören. China ist dabei, die USA als das größte Treibhausgasemissionsland zu überrunden. Dennoch sind die chinesischen Eliten - wie die Eliten anderer, sich schnell entwickelnder Länder, wie beispielsweise Indien - gewillt, den Kapitalismus Marke Amerika (mit seinem Motor Überkonsum) nachzuahmen.
Für den Süden bedeutet dies: Eine effektive, globale Antwort auf die globale Erwärmung darf nicht allein aus einem Regime von Reduktionsverpflichtungen bei Treibhausgasen bestehen, auch wenn diese notwendig sind: So kann China sich in der aktuellen Runde der Klimaverhandlungen nicht von den Verpflichtungen ausschließen und argumentieren, es sei ein 'Entwicklungsland'.
Die Herausforderung in den 'Entwicklungsländern' kann sich nicht darauf beschränken, den Norden zum Transfer seiner Technologien bei der Verringerung der globalen Klimaerwärmung zu drängen sowie zu Fonds, die ihre (regionale) Anpassung unterstützen - wie viele bei den Verhandlungen in Bali wohl geglaubt haben.
Dies sind wichtige Schritte, doch sollten sie als erste Schritte eines breiter angelegten, globalen Paradigmenwechsels bei der Erzielung von wirtschaftlicher Prosperität verstanden werden.
Im Norden müssen zwar weit größere und schnellere Anpassungen erfolgen als im Süden, im Grunde geht es aber um dasselbe: Wir müssen mit dem Modell hoher Wachstums- und Konsumraten brechen - zugunsten eines anderes Modell des allgemeinen Wohlstands.
Strategie der Eliten im globalen Norden ist es, Wachstum und Energieverbrauch zu entkoppeln. Eine progressive und umfassende Klimastrategie sollte im Gegensatz hierzu - in Nord und Süd - sowohl Wachstum als auch Energie reduzieren und gleichzeitig die Lebensqualität der breiten Massen steigern.
Dies bedeutet unter anderem, dass ökonomische Gerechtigkeit und Gleichheit ins Zentrum eines neuen Paradigmas rücken müssen.
Es gilt nicht nur einen Übergang weg von einer Wirtschaft, die auf fossilen Brennstoffen basiert, umzusetzen, vielmehr auch einen Übergang weg von einer Ökonomie des Überkonsums.
Endgültiges Ziel muss die Adoption eines Entwicklungsmodelles mit niedrigen Wachstumsraten, wenig Konsum und einem hohen Grad an Entwicklung sein, das in eine Verbesserung der Situation der Menschen, in bessere Lebensqualität für alle und in größere demokratische Kontrolle über die Produktion mündet.
Es ist unwahrscheinlich, dass die Eliten des Südens und Nordens einer so umfassenden Antwort zustimmen werden. Technologische Lösungen und ein marktorientiertes Emissionshandels-und-Begrenzungssystem sind für sie wohl das Äußerste. Wachstum bleibt eine heilige Kuh, ebenso das System des globalen Kapitalismus.
Angesichts der Apokalypse darf die Menschheit sich aber nicht zugrunde richten.
Der Weg mag schwierig sein. Wir wissen jedoch mit Gewissheit, dass die Mehrheit keinen sozialen und ökologischen Selbstmord begehen wird, um einer Minderheit ihre Privilegien zu erhalten.
Es ist machbar. Als Reaktion der Menschheit auf Klimanotstand und die Umweltkrise im allgemeinen wird es im Endeffekt zu einer gründlichen Neuorganisierung von Produktion, Konsum und Distribution kommen.
Bedrohung und Chance
So gesehen ist der Klimawandel sowohl Bedrohung als auch Chance - Letzteres um lange aufgeschobene soziale und wirtschaftliche Reformen zu ermöglichen. In vergangenen Zeiten wurden diese von den Eliten, die ihre Privilegien erhalten und ausweiten wollen, sabotiert und zum Entgleisen gebracht.
Der Unterschied zwischen damals heute ist schlicht, dass die Existenz der Menschheit und des Planeten von der Einrichtung eines ökonomischen Systems abhängig ist, das nicht von Kapitalanhäufung, Klassenexploitation und feudalen Abgabenzwängen abhängt, vielmehr auf Gerechtigkeit und Gleichheit basiert.
Heute stellt sich oft die Frage: Kann sich die Menschheit zusammenraufen, um eine effektive Antwort auf den Klimawandel zu formulieren? Sicher, wir leben in einer Welt voller Unzulänglichkeit, doch ich bin hoffnungsvoll, dass es gelingen wird.
In dem (neuen) sozialen und ökonomischen System, das auf diese Weise kollektiv entsteht, wird meiner Voraussicht nach auch Raum für den Markt sein.
Die interessantere Frage ist: Wird es Raum für den Kapitalismus geben? Wird der Kapitalismus - als Produktions-, Konsum- und Verteilungssystem - die Herausforderung einer effektiven Lösung der Klimakrise wohl überstehen?
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"Will man das Niveau der Treibhausgasemissionen des Jahres 1990 bis zum Jahr 2050 um 80% reduzieren - was viele für notwendig halten -, müsste der globale Norden mindestens 150 bis 200% einsparen"
150% bis 200% wovon bitte? das Eineinhalb-fache des aktuellen Konsums? Kann jemand die Bezugsgröße angeben?