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Zapatisten verteidigen Autonomie

von John Gibler

07.06.2008 — ZNet

— abgelegt unter:

Am Mittwoch, den 4. Juni versuchte ein Militärkonvoi mit rund 200 mexikanischen Soldaten und Staats- und Gemeindepolizisten, in mehrere Zapatisten-Gemeinden einzudringen. Sie taten dies unter dem Vorwand, nach Marihuana-Pflanzen zu fahnden. Da es sich um Gemeinden handelt, die sich selbst der Abstinenz verpflichtet haben, war dies absolut absurd. In allen zapatistischen Territorien gilt das "Gesetz der Trockenheit" ("dry law"). Drogen und Alkohol in jeder Form sind hier seit fast fünfzehn Jahren verboten.

Den ersten Stopp legte der Konvoi am Eingang des Caracol Garrucha ein (die Gemeinde ist Sitz der regionalen Junta de Buen Gobierno (Rat des Guten Regierens)). Vier Soldaten traten auf die Straße, andere fotografierten und filmten aus ihren Fahrzeugen heraus die Zapatistas. Doch die Gemeinde versammelte ihre Leute. Sie riefen den Soldaten zu, sie sollten verschwinden und trugen Schleudern, Macheten, Steine und Stöcke zusammen. Schnell zogen sich die Soldaten in ihre Fahrzeuge zurück und fuhren weiter.

Ein Stück weiter die Straße hinunter traf sich der Konvoi mit einem zweiten. Alle Insassen verließen ihre Fahrzeuge und gingen zu Fuß auf die Gemeinde Galaena zu, die die Zapatistas unterstützt. Ein Polizeioffizier aus Ocosingo namens Feliciano Román Ruiz führte die Soldaten übers Gelände bis zu der Gemeinde Galaena.

In Galaena organisierten sich Männer, Frauen und Kinder, um die Soldaten daran zu hindern, in ihr Dorf einzudringen.

Im Kommuniqué der Zapatisten, in dem die Vorfälle verurteilt werden, steht, die Zapatistas hätten den Soldaten zugerufen umzukehren. Die Soldaten sagten, sie kämen, um Marihuana-Pflanzen zu zerstören. Sie wüssten, dass sich in der Nähe Marihuana-Pflanzungen befänden. Die Zapatisten hätten geantwortet, sie würden kein Marihuana anbauen. Sie trugen Schleudern, Macheten, Steine und Prügel zusammen, um ihr Land zu verteidigen.

Die Soldaten machten kehrt, drohten aber, in zwei Wochen wiederzukommen und in die Gemeinde einzudringen - komme, was wolle.

Sie gingen nicht wirklich. Sie marschierten zu der nahen Gemeinde San Alejandro, wo bereits 60 Soldaten rund um das Dorf Stellung bezogen hatten – mit gezogenenen automatischen Waffen.

San Alejandro zählt zu den Gemeinden (bases de apoyo), die die Zapatisten unterstützen. Auch diese Menschen stellten sich den Soldaten entgegen und versperrten ihnen den Weg ins Dorf.

Kurz darauf zogen sich die Soldaten zurück.

"Ihr Menschen in Mexiko und der Welt!" heißt es in einem Schreiben, mit dem der Rat des Guten Regierens von La Garrucha die Ereignisse verurteilt. Es wurde am 4. Juni veröffentlicht (und am 6. Juni auf La Jornada online gestellt). "Es wird nicht mehr lange dauern bis zu einer provozierten Konfrontation durch (Präsident Felipe) Calderón, Juan Sabines (Gouverneur von Chiapas)  und Carlos Leonel Solórzano (Gemeindepräsident von Ocosingo) . Diese senden ihre Hunde der Repression aus..."

Seit Calderón im Dezember 2006 ins Amt kam, nahm die Aggression gegen die Unterstützergemeinden der Zapatistas beständig zu. Die Militärbasen in Chiapas wurden restrukturiert - sie wurden überall im Bundesstaat Chiapas mit Spezialkräften und Airborne-Kapazitäten ausgestattet. Die Regierung reorganisierte zudem mehrere paramilitärische Organisationen.

Die Organisation CAPISE (Zentrum für Politische Analyse und Sozioökonomische Investigation), mit Sitz in San Christóbal, hat die Vorgänge ausführlich dokumentiert.

Überall im Bundesstaat Chiapas dringen paramilitärische Organisationen in zapatistisches Territorien ein. Häufig greifen sie Gemeinden an, die die Zapatistas unterstützen.

In den letzten Wochen ist die Aggression eskaliert.

Am 19. Mai kamen Soldaten und Staatspolizisten in Helikoptern und einem Militärkonvoi in der Gemeinde San Jerónimo Tulijá, im Caracol La Garrucha, an. Sie brachen in die Häuser ein und schubsten die Leute herum - ohne Erklärung.

Am 22. Mai marschierte eine große Gruppe Bewaffnerter der PRI (Institutionelle Revolutionspartei) in den zapatistischen Caracol Morelia ein. Sie unterbrachen die Stromversorgung im Ort und griffen die Menschen die ganze Nacht lang in ihren Häusern an. Die Bewaffneten verwundeten mehr als 20 Zapatisten. 6 der Zapatisten mussten - in kritischem Zustand - ins Krankenhaus gebracht werden.

Aber die Aggressionen finden mittlerweile nahezu täglich statt. Zapatisten-Sympathisanten werden entführt und unter fingierten Anschuldigungen in ein lokales Gefängnis eingeliefert. Lokale Brunnen werden vergiftet. Sie gehen auf die Äcker, sie zerstören die Maispflanzen, sie hinterlassen Todesdrohungen für die Gemeinden.

In einem Interview mit Subkommandante Marcos, das vor kurzem in Mexiko in Buchform erschienen ist, sagt dieser: "Es ist, als sähen wir die Vorbereitungen für ein zweites Acteal". Damit meint er das Massaker der Paramilitärs an 45 indigenen Männern, Frauen und Kindern, das sich am 22. Dezember 1997 ereignete. Die Menschen hatten sich in der Gemeindekirche von Acteal versammelt, als das Massaker geschah.

"Heute geht es ihnen aber nicht um einen Konflikt zwischen Aggressor und  schutzlosem Volk, sie suchen eine wirkliche Konfrontation", so Marcos.

Die Autonomie der Zapatista ist nicht nur eine Bedrohung für die angebliche staatliche Legitimation. Es geht auch um die Strukturen des Widerstandes, die die Territorien der Zapatisten schützen und am Leben erhalten. Und es geht um das Land, das während des Aufstands 1994 besetzt wurde und bis heute kultiviert und gepflegt wird.

Laut Ernesto Ledesma von CAPISE sind mehr als 74 000 Hektar Zapatisten-Land von der Invasion bedroht. Die Staatsregierung, bundesstaatliche und lokale Regierungen und alle drei nationalen Parteien Mexikos (einschließlich der PRD (Partei der Demokratischen Revolution)) hätten sich zu einer Aggression gegen die Zapatisten verbündet, so Ledesma. Sie griffen  zu bürokratischen Tricks (mit Hilfe des staatlichen Landwirtschaftsministeriums) und zu staatlichen Landenteignungen, oder sie benutzten Paramilitärs, um direkt in ein Gebiet einzufallen.

"Wir sind keine Drogenhändler", schreibt der Rat des Guten Regierens von La Garrucha. "Wir sind, wofür wir in Mexiko und in der Welt sehr bekannt sind, Brüder und Schwestern. Es ist klar, dass sie kommen werden, um uns, die Zapatistas, zu holen. Von allen drei Ebenen des schlechten Regierens werden sie kommen. Wir stehen bereit, Widerstand zu leisten. Wenn nötig, werden wir gemäß unseres Slogans handeln: leben für das Vaterland oder sterben für die Freiheit (vivir por la patria o morir por la libertad).

Es war eine kurze, dramatische Lektion in Sachen Autonomie: mit Schleudern und Macheten standen die Zapatisten bereit, die Eingänge ihrer Gemeinden gegen Soldaten und Staatspolizisten zu blockieren. Die tagtägliche Autonomiearbeit geht hingegen meist unbemerkt und unberichtet vor sich: kollektive Verwaltung des Landes, autonome Schulen und Gesundheitskliniken, Streitkultur in den Gemeinden. Autonomie bedeutet zudem die Zurückweisung staatlicher Autorität und die Zurückweisung staatlicher Legitimität.

Diese Zurückweisung erfolgt nicht nur in Form eloquenter Kommuniqués. Sie geschieht auch, indem man Soldaten mit Blicken einschüchtert - mit nichts in der Hand als einem landwirtschaftlichen Gerät.

Anmerkungen 


Kommuniqués der Räte für das Gute Regieren, Enlace Zapatista:

http://enlacezapatista.ezln.org.mx/

 

CAPISE organisiert Observationsbrigaden in den zapatistischen Territorien. Mehr dazu unter

http://www.capise.org.mx

 

Ein ausführliches Interview mit Subkommandante Marcos erschien in Mexiko in Buchform - unter dem Titel 'Corte de Caja':

http://www.cortedecaja.org

 

Hintergrundinformation (Englisch) zu der wachsenden Aggression gegen die Zapatistas unter

http://www.zcommunications.org/znet/viewArticle/16413

 

Übersetzt von: Andrea Noll
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