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Zum Tod von Studs Terkel

Eine Ikone stirbt

von Stephen Lendman

02.11.2008 — ZNet

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Die Nachricht war ein Schock, trotz seines hohen Alters. Mit Terkel geht eine Ära zu Ende. Am 31. Oktober starb der Autor, Aktivist, Schauspieler und Radiomoderator Louis "Studs" Terkel - ein "Mensch" für alle Jahreszeiten - friedlich in seinem Haus in North Side Chicago. Er wurde 96 Jahre alt. Vor zwei Wochen war Studs in seiner Wohnung gestürzt. Die Folgen des Sturzes hatten seine ohnehin angeschlagene Gesundheit geschwächt.

Sein Sohn Dan sagte in einem Nachruf auf den Vater, dieser habe "ein langes, erfülltes, ereignisreiches - manchmal auch stürmisches aber sehr befriedigendes - Leben" geführt. Er war ein Meister der oralen Geschichte. Calvin Trillin bezeichnete ihn einst als "Amerikas besten Zuhörer". Das sei umso erstaunlicher, so Trillin, "wenn man bedenkt, dass er ein ausschweifender Redner" war. Von 'Jazz' bis 'Weltpolitik' reichte sein Themenspektrum. Er sprach von der Zeit, in der er in Seifenopern mitgespielt hatte, aber auch vom Zustand der Nation. Künstler, Artisten, Politiker, Philosophen und Sozialkritiker waren seine Interview-Partner. Menschen wie Bertrand Russelll, John Kenneth Galbraith, Aaron Copland, Leonard Bernstein, Zero Mostel oder Margaret Mead hat er interviewt. Mahalia Jackson, David Dellinger, Nelson Algren und Eugene Debs kannte er persönlich. Er kannte die Großen und die nicht ganz so Großen - vor allem aber kannte er die einfachen Leute.

Das Leben und die Erfahrungen normaler Menschen dokumentierte er in seiner 'mündlichen Geschichte'. Er selbst sprach von "Guerilla-Journalismus". Diese orale Geschichte ist es, an die man sich in erster Linie bei dem Namen Studs Terkel erinnern wird. Man denke nur an seine Bücher wie: "Hard Times: An Oral History of the Great Depression", "Working: People Talk About What They Do All Day and How They Feel About What They Do", "The Good War", "The Great Divide: Second Thoughts on the American Dream"*. 2007 erschienen seine Memoiren, unter dem Titel: "Touch and Go". Es sind die Memoiren eines professionellen Zuhörers, eines Autors, Schauspielers und Sprechers. Vom "Gewissen eines langen Gedächtnisses" sprach die New York Times und meinte ihn. Viele Menschen liebten Terkel, er hatte viele Freunde. Im November erscheint sein letztes Buch: "PS: Further Thoughts From a Lifetime of Listening".* Es enthält eine Auswahl seiner Radioshow-Transkripte, Kurzessays und andere schriftliche Aussagen.

Studs stand für den kleinen Mann. Er war unsere Stimme Amerikas. Er war gegen den Krieg und gegen "eingebettete" Journalisten. Er war für den 'New Deal" - für diese Art von Land. Mehr "Re-gu-lier-ung", sagte er. Er wollte, dass eingeschritten wird gegen jenen Missbrauch, den wir gerade heute in all seiner Unkontrolliertheit sehen. Zieht die Mächtigen zur Rechenschaft, war seine Meinung. Er wollte etwas für das öffentliche Interesse tun. Er war "die Quintessenz des amerikanischen Schriftstellers", so Dennis Kucinich: Tut es ihm gleich! Er war unser "Boswell, unser Whitman, unser Sandburg". Er war einfach Studs, und niemand kann ihn ersetzen.

Hintergrund

Studs wurde 1912 in New York geboren: "Als die Titanic sank, stieg ich auf", so Terkel. 1922 zog die Familie nach Chicago. Von 1926 bis 1936 vermieteten die Terkels Zimmer. Diesen Mietern und den Leuten, die sich im nahegelegenen Bughouse Square trafen, habe er sein Allerweltswissen zu verdanken, so Studs. Bughouse Square war/ist ein Ort, an dem sich Gewerkschaftsorganisatoren, Arbeiter, Arbeitslose und Dissidenten trafen - Leute, mit unterschiedlichen Meinungen. Es ist heute wie damals ein Ort, um öffentlich das Maul aufzumachen. Das Bughouse liegt nur wenige Blocks von Studs Haus entfernt.

Terkel studierte an der University of Chicago und machte 1934 seinen Abschluss in Recht und Philosophie. Er wollte Abwechslung und arbeitete eine Zeitlang für Behörden in Washington (civil service). Danach kehrte er nach Chicago zurück und ging zum WPA-Radio. Er trat einem Autorenprojekt des Senders bei. Die Tätigkeit in dieser Abteilung führte ihn zur Bühne, und er wirkte in Seifenopern mit. Er bekam eine eigene Nachrichtensendung im Radio.

Studs ging zur Air Force. Nach einem Jahr wurde er entlassen, weil seine Trommelfelle geplatzt waren. Operationen, denen er sich in seiner Kindheit unterzogen hatte, waren wohl der Grund dafür. Nach Hause zurückgekehrt, schrieb er Radiostücke. Er arbeitete als Nachrichten- und Sportkommentator. Er bekam seine eigene Radio-Show und eine TV-Show ('Stud's Place'). Er bekam eine weitere Radiosendung ('The Wax Museum'), deren Schwerpunkt der Jazz war. Auch Oper, Gospel, Country und Folkmusik kamen nicht zu kurz. Terkel förderte Musiker wie Mahalia Jackson, Pete Seeger, Woody Guthrie und Burl Ives. Er interviewte Jazz-Größen wie Duke Ellington, Louis Armstrong und Billie Holliday. Er verfasste ein Buch über die Großen des Jazz ('Giants of Jazz').

Zum Thema 'Interview' kam Terkel eher zufällig. Doch sein Interviewprogramm brachte ihm viele Ehrungen ein. Terkel "transformiert mündliche Geschichte in eine volkstümliche Form der Literatur... in ein seriöses Genre". So hat es William Grimes in der New York Times ausgedrückt. Terkel besaß die bemerkenswerte Gabe, Menschen dazu zu bringen, über sich selbst, ihre Arbeit und ihr Leben Auskunft zu geben. In Kombination mit seinem umfangreichen Wissen über viele Themen kam so ein Programm zustande, das bei sehr vielen beliebt wurde.

Ende der 30ger Jahre - er war damals Schauspieler - beschloss Terkel, seinen Vornamen Louis abzulegen und nannte sich fortan Studs. Das erinnerte an Studs Lonigan, eine Figur aus einem Roman von James Farrell. Auch der bekannte Autor Farrell stammte aus Chicago.

Während der McCarthy-Ära, in den 50ger Jahren, kam Terkel auf die 'schwarze Liste' der kommerziellen Radios. Das Theater jedoch beschäftigte ihn weiter. 1952 ging Terkel zu WFMT. Dieser Radio-Sender war Chicagos erste Adresse, wenn es um klassische Musik und bessere Kunst ging. Heute ist WFMT der einzige Chicagoer Sender dieser Art überhaupt. Terkel wurde "eine Radiolegende", so der Sender. WFMT widmete das ganze vergangene Wochenende Studs Terkel: "Um Studs Terkels in Wort und Musik zu gedenken... um mit Menschen zu reden, die ihn gekannt und geliebt haben und einige seiner Arbeiten - aus seinem großen Repertoire - zu Gehör zu bringen, die er in den vielen Jahren bei WFMT verfasst hat". Studs war 45 Jahre lang bei WFMT tätig.

Studs Terkel bekam viele Preise verliehen. Er bekam den 'Peabody Award' für exzellenten Journalismus, die 'National Book Foundation Medal', für seine Beiträge zu 'American letters'. Sein Buch 'The Good War' brachte ihm den Pullitzer-Preis ein. Er bekam die 'Presidential National Humanities Medal' und die 'National Medal of Humanities' verliehen, den 'Illinois Governor's Award for the Arts' und den 'Clarence Darrow Commemorative Award' - um nur einige zu nennen. Bis zu seinem Lebensende war er ein 'Distinguished Scholar in Residence at the Chicago Historical Society'.

Lob und Lorbeeren

Auf seinen Tod folgten die Lorbeeren. Der Londoner Guardian nannte ihn einen "Meisterchronisten des American Life im 20. Jahrhundert, eine altgediente radikale, brennende Seele Chicagos, jener Hauptstadt des Mittleren Westens". Studs Terkel als "Autor und Radiomacher" zu bezeichnen, wäre, als würde man Louis Armstrong als "Trompeter" bezeichnen oder das Empire State Building als "Bürohochhaus".

Richard Daley, der Bürgermeister von Chicago, sagte über Terkel: "Er war ein Teil der gewaltigen Literaturtradtion Chicagos. Diese reicht von Theodore Dreiser bis zu Richard Wright und Nelson Algren und Mike Royko. In seinen vielen Büchern fängt er die Eloquenz des einfachen Mannes und der einfachen Frau ein, deren harte Arbeit und starke Werte diese Nation aufgebaut haben".

Patrick Reardon von der Chicago Tribune nannte Terkel eine "Stimme derer, die keine Stimme haben". Reardon weist darauf hin, dass Terkel der einzige weiße Autor ist, der je in die 'International Literary Hall of Fame for Writers of African Descent' der Chicago State University aufgenommen wurde. Jemand hatte ihn nominiert, und seine Aufnahme war einstimmig beschlossen worden. Dieser Jemand sagte: "Amerika ist ein beserer Ort, weil es Studs Terkel gibt".

Die Literaturredakteurein der Chicago Tribune, Elizabeth Taylor, war eine enge Freundin Terkels. "Er war Chicago", sagte sie, "und er war alles, was gut war an der hiesigen Literaturwelt... die ganze Welt sollte so sein". Am Ende seines Lebens spürte er, dass "die Schatten näherrücken". Das Wort "sterben" nahm er selten in den Mund. "Auschecken" - dieser Euphemismus war ihm lieber. Er wollte eingeäschert werden. Er wollte, dass seine Asche mit der Asche seiner Frau (im Wohnzimmer) in einer Urne vermischt wird. Die Urne soll anschließend in Bughouse Square verstreut werden. Er liebte diesen Ort. "Verstreut uns dort", sagte er. "Es ist gegen das Gesetz, also sollen Sie uns verklagen". Reinster Studs-Humor - bis zum Schluss. Wir vermissen ihn so sehr. Eine Ära geht zu Ende.

Stephen Lendman lebt in Chicago lendmanstephen@sbcglobal.net

Blog: sjlendman.blogspot.com

 

Anmerkung d. Übersetzerin

Hier eine (kleine) Auswahl von Büchern von Studs Terkel, die ins Deutsche übersetzt wurden.

'Bericht aus einer amerikanischen Stadt, Chicago' (1967)

'Arm und Reich. Das Amerika der Reagan-Ära. Zeitzeugen sprechen' (1990)

'Der gute Krieg. Amerika im Zweiten Weltkrieg, Zeitzeugen sprechen. (1989)'

'Die Hoffnung stirbt zuletzt. Politisches Engagement in schwieriger Zeit' (2004)

'The Studs Terkel Interviews: Film und Theater' von Studs Terkel und Garry Wills (2008)

 

 

Übersetzt von: Andrea Noll
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